POLITIK
01/07/2015 17:37 CEST | Aktualisiert 01/07/2015 18:44 CEST

Wehe, wenn Du alt wirst: Dann bist Du in Deutschland kein Mensch mehr

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Lieblos auf den Teller geworfene Bratwürstchengebilde auf Fetttunke mit Weißbrot. Kirschkuchen ohne Kirschen. Und immer wieder: gelber Brei, brauner Brei und nochmals: Brei. Seniorenheimbewohner Jürgen (der noch vor wenigen Jahren als Diskjockey tätig war) hatte irgendwann genug davon. Zumal der 63-Jährige – immerhin 1,80 Meter groß – zu den Portiönchen auch auf Bitten keinen Nachschlag bekam.

Also fing der lungenkranke Frührentner an, sein Essen zu fotografieren und auf Facebook zu veröffentlichen. Die Seite „Jürgen fotografiert sein Essen“ hat mittlerweile über 22.000 Likes, aus ganz Deutschland bekommt der Mann Zuspruch und Unterstützung.

25. Juni 2015 - Nachmittagskaffee! ...& Kirschkuchen ohne Kirschen

Posted by Jürgen fotografiert sein Essen - Residenz Seniorenheim on Donnerstag, 25. Juni 2015

Obwohl er bewusst den Namen seiner Pflegeeinrichtung verschwieg und sich auch positiv über das Personal und einzelne Mahlzeiten äußerte, bat ihn die Heimleitung am Dienstag zum Gespräch.

Nun meldet die „Mittelbayerische Zeitung“, dass Jürgen binnen acht Wochen seinen Platz in dem Altenheim räumen muss. Rausgeworfen, weil er im Netz eine Diskussion um den Umgang mit Pflegebedürftigen anstoßen wollte.

Was als genauso berührender wie skurriler Fall von zivilem Ungehorsam angefangen hat, wird nun zu einem handfesten Skandal. Da spricht eine herz- und gedankenlose Heimleitung einem geistig präsenten und wunderbar renitenten Patienten die Meinungsfreiheit ab. Wirft ihn auf die Straße, weil er Widerspruch leistet und schert sich einen feuchten Kehricht darum, dass sie ihm seinem Schicksal überlässt.

Ein Skandal, der längst nicht mehr nur das Essen betrifft

Nein, es geht jetzt nicht mehr um das Essen. Sondern darum, wie wir in Deutschland mit älteren Menschen umgehen. Und das geht uns alle etwas an.

Bis zum Jahr 2050 soll die Zahl der „Hochaltrigen“ in Deutschland (Menschen, die älter als 80 sind) nach Angaben der Bundesregierung auf über neun Millionen steigen. Insgesamt wird es dann bis zu 5,9 Millionen Pflegebedürftiger geben. Und noch weiß niemand, wie Pflege dann funktionieren soll. Besonders deshalb, weil bei gleichbleibend niedriger Geburtenrate immer weniger Berufstätige in die Sozialkassen einzahlen.

Umso erschreckender ist es, welche Abgründe sich schon jetzt in der Altenpflege auftun. Immer wieder werden Fälle von Misshandlung und mangelnder Fürsorge bekannt.

In Bremen etwa hat der Sohn einer Heimbewohnerin 2012 ein Video gedreht, auf dem zu sehen ist, wie Pflegebedürftige angeschrien und geschlagen werden. Ähnliche Zustände deckte vor einiger Zeit auch das Team von Günter Wallraff für RTL auf.

Kultur des Wegsehens

Der Buchautor Claus Fussek sagte 2013 der Münchner "Abendzeitung“: "Wenn Sie sich die Kriterien von Folter anschauen – Fixierung, Freiheitsberaubung etwa – für uns ist das Folter, und der einzige legitime Bereich dafür sind die Pflegeheime.“

Aber es sind nicht nur diese Fälle von offensichtlichen Gewaltverbrechen. Sie zeigen lediglich äußerst drastisch, welche Mentalität im Umgang mit den Alten vielerorts kultiviert wird. Der alte Sponti-Spruch "Was ich nicht seh‘, das tut mir nicht weh“ ist da eine ganz passende Zustandsbeschreibung.

Über das Alter sprechen wir immer nur dann, wenn wir nicht das Lebensende meinen. Der öffentliche Musterrentner von heute strotzt vor Vitalität – auch wenn wir alle wissen, dass das eine Lüge ist.

In der Werbung sind Senioren beliebt - so lange sie vital sind

Dahinter stecken oft auch wirtschaftliche Überlegungen. Die Werbung hat die Generation der "Herbstblonden“ mittlerweile als Zielgruppe entdeckt: lebenslustig, geistig aktiv und immer noch konsumorientiert.

Niemals lebten die Senioren in Deutschland so lange wie heute. Und niemals waren sie so reich. Früher spielten ältere Menschen in der Werbung nur dann eine Rolle, wenn sie Kindern Sahnebonbons zusteckten. Heute werden sie auch von der Politik umworben – das Rentenpaket der Bundesregierung ist ein Beispiel dafür.

Senioren sind allenthalben sichtbar geworden. Dem Anschein nach.

Jürgen hat sich verdient gemacht

In Wahrheit hat sich nur der Fokus verschoben. Denn eines ist gleich geblieben: Über die letzten Jahre vor dem Tod mögen die Deutschen nicht reden. Wenn die körperliche Fitness nachlässt, wenn Krankheiten beginnen, das Leben zu bestimmen. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir unsere Alten ins geistige Asyl abschieben.

Jeder spricht abends beim ersten Bier gerne über die Indienreise seiner rüstigen und bildungslustigen Rentnereltern. Über den bettlägerigen Vater jedoch wird erst geredet, wenn die letzte Flasche des Kastens geleert ist.

Nur in dieser diskursarmen Finsternis kann ein Pflegesystem gedeihen, das chronisch unterfinanziert ist und alte Menschen zu reinen Leistungsempfängern degradiert. Das Beispiel von Rentner Jürgen zeigt, welch drastische Folgen das haben kann.

Nicht nur, dass die Pflegekräfte trotz allen guten Willens einfach keine Zeit für ihre Patienten haben, und dass das Essen aussieht, als ob die Heimbewohner in einem kafkaesken und nicht enden wollenden Krankenhausalptraum gefangen sind.

Ihnen wird auch noch das genommen, was laut Grundgesetz unverletzbar ist und jedem Menschen unveräußerlich innewohnt: die Würde. Und die besteht auch darin, dass man sich über den Fraß mokieren kann, den man jeden Tag aufs Neue vorgesetzt bekommt.

Der Mehrwert von Jürgens Postings ist, dass er diese sonst so abgeschottete Lebenswelt in den digitalen Raum getragen hat. Dort, wo es immer wieder Menschen gibt, die ihre Augen nicht verschließen wollen vor dem, was sie nicht jeden Tag selbst erleben. Der Frührentner hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass endlich auch Seniorenheime ein Raum von demokratischer Kontrolle werden. Hoffentlich nehmen sich möglichst viele Menschen ein Beispiel an ihm.

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