POLITIK
21/06/2015 11:34 CEST | Aktualisiert 21/06/2015 14:13 CEST

15 Gründe, warum in Deutschland heute mehr DDR steckt als jemals zuvor

Getty Images

Es ist nun genau 25 Jahre her, dass im Westen Deutschlands zum letzten Mal einer der wichtigsten Feiertage der Republik begangen wurde: Der 17. Juni war bis 1990 im Gedenken an den Volksaufstand in der DDR „Tag der Deutschen Einheit“.

Zweieinhalb Monate später wurde die Wiedervereinigung Realität. Das Land hat sich seitdem drastisch verändert. Und obwohl die ostdeutschen Bundesländer heute nur ein Drittel der Fläche und etwa ein Fünftel der Einwohner ausmachen, spricht vieles dafür, dass die Bundesrepublik heute vor allem vom Osten her geprägt wird.

Die Huffington Post nennt 15 Gründe dafür.

1. Die Bundeskanzlerin ist in Ostdeutschland aufgewachsen.

Angela Merkel, eine gebürtige Hamburgerin, siedelte mit ihrer Familie kurz nach ihrer Geburt in die DDR über. Die ersten 36 Jahre ihres Lebens verbrachte sie als Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik. Sie kam als Seiteneinsteigerin in die Kohl-CDU und machte schnell eine außergewöhnliche Karriere in ihrer Partei.

2. Auch der Bundespräsident stammt aus Ostdeutschland.

Joachim Gauck ist in Rostock geboren und war vor der Wende als Pfarrer in Mecklenburg tätig. Oft wird er dafür belächelt, dass er "Freiheit" zum leitmotiv seiner Amtszeit machen möchte. Aber der Grund dafür sind gerade seine Erfahrungen mit der Unfreiheit in der DDR.

3. Selbst die Opposition wird von Ostdeutschen geführt.

Der Fraktionschef der größten Oppositionspartei ist Gregor Gysi (Linke), ein in Ostberlin aufgewachsener Anwalt, der ab 1967 Mitglied der SED war. Katrin Göring-Eckart, eine der beiden Vorsitzenden der Grünen-Bundestagsfraktion, ist ebenfalls in Ostdeutschland geboren: Sie kommt aus Thüringen und engagierte sich zu Wendezeiten im „Demokratischen Aufbruch“.

4. Die SPD leidet als westdeutsch geprägte Partei unter erheblichen Bedeutungsverlust.

Keine andere der im Bundestag vertretenen Parteien ist so stark in Westdeutschland verankert wie die SPD. Der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel ist in Goslar geboren, und unter seinen sechs Stellvertretern findet sich mit Manuela Schwesig nur eine einzige Politikerin, die in der DDR aufgewachsen ist.

Das ist auch historischen Gegebenheiten geschuldet: Denn die meisten Anhänger findet die SPD immer noch in westdeutschen Flächenländern wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Manche mögen das für Kaffeesatzleserei halten, aber es gibt gute Gründe anzunehmen, dass zwischen dem Bedeutungsverlust der SPD und der Verschiebung der politischen Kraftzentren in Deutschland ein Zusammenhang besteht.

5. Die bedeutendsten gesellschaftlichen Diskussionen werden heute im Osten vorangetrieben.

Es ist bemerkenswert, wie viele Debatten heutzutage im Osten ihren Ausgangspunkt nehmen. In vielen politischen Auseinandersetzungen ist die Avantgarde mittlerweile ostdeutsch.

6. Die Debatte um den demografischen Wandel etwa nahm in Ostdeutschland ihren Anfang.

Die „fünf neuen Bundesländer“ waren nach der Wende zeitgleich von einem starken Geburtenrückgang und vom Wegzug mehrerer Millionen Menschen betroffen. Städte wie das sächsische Hoyerswerda und das brandenburgische Eisenhüttenstadt verloren binnen weniger Jahre knapp die Hälfte ihrer Bevölkerung.

Viele Konzepte im Kampf gegen die Folgen dieser Entwicklung wurden im Osten entwickelt (zum Beispiel der Rückbau von Hoyerswerda), während die meisten westdeutschen Kommunen noch vor zehn Jahren nicht wahrhaben wollten, dass auch sie vom demografischen Wandel betroffen sind.

7. Auch in Sachen Kinderbetreuung sind ostdeutsche Kommunen mittlerweile Vorbild.

In der DDR waren weit mehr Frauen berufstätig als im Westen. Das war staatlich gewollt und wurde durch gut ausgebaute Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder gefördert. Dadurch ist die Betreuungsquote in den östlichen Bundesländern auch heute noch weit höher als im Westen – trotz des mittlerweile verwirklichten, jedoch oft nur auf dem Papier bestehenden gesetzlichen Anspruchs auf einen Kita-Platz.

8. In der Diskussion um ein modernes Familienbild hängt der Westen zurück.

Das beste Beispiel dafür ist das von der CSU durchgesetzte Betreuungsgeld – ein Versuch, den klassischen Alleinverdienerhaushalt westdeutscher Prägung staatlich zu subventionieren. Selbst in der CDU gab es daran Kritik.

9. Die Energiewende wurde vor allem von westdeutschen Politikern ausgebremst.

Was kaum verwundert, gab es in Ostdeutschland einst nur zwei Kernkraftwerke, in Greifswald (Lubmin) und Rheinsberg. Der letzte ostdeutsche Meiler in Lubmin wurde bereits Ende 1990 stillgelegt. Ostdeutsche Bundesländer wie Brandenburg lagen lange an der Spitze beim Ausbau erneuerbarer Energien.

Die stärkste Lobby für den Atomstrom saß in den konservativ regierten Bundesländern des Westens – allen voran Baden-Württemberg und Bayern. Nachdem die rot-grüne Bundesregierung die Energiewende Anfang des Jahrtausends auf den Weg gebracht hatte, drängte der aus Nordrhein-Westfalen stammende Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) noch im Jahr 2010 auf eine zehnjährige Laufzeitverlängerung für die noch im Betrieb befindlichen Atomkraftwerke. Dann kam Fukushima, und Kanzlerin Merkel vollzog eine Kehrtwende in Sachen Atompolitik.

10. Pegida war ein Phänomen, das im Osten seinen Anfang nahm.

Nicht immer sind die prägenden Debatten, die im Osten angestoßen werden, vorbildlich oder gar fortschrittlich. Das zeigen zwei der großen gesellschaftlichen Diskussionsthemen des vergangenen Jahres.

Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ marschierten zuerst durch Dresden, bevor Ableger im gesamten Bundesgebiet entstanden. Das mag damit zusammenhängen, dass die Unzufriedenheit mit staatlichen Institutionen und der Demokratie an sich im Osten besonders ausgeprägt ist. Resonanz fanden die fremdenfeindlichen Ressentiments aber auch im Westen.

11. Auch die Elitenkritik ist in Ostdeutschland groß geworden.

Zwar gab es auch in Stuttgart schon „Wutbürger“, die gegen ein Bahnhofsprojekt auf die Straße gingen. Viele elitenkritische Bewegungen der vergangenen Jahre sind jedoch mehrheitlich ostdeutsche Phänomene. Ob es nun die „Montagsmahnwachen“ waren, die in Berlin bis zu 10.000 Menschen anzogen, die Proteste gegen Asylbewerberheime (wie zum Beispiel in Gera), oder eben Pegida.

12. Die Linke hat das deutsche Parteiensystem verändert.

Noch bis zur Bundestagswahl 2005 galt die alte westdeutsche Parteienmathematik: Schwarz-Gelb gegen Rot-Grün. Seit den Anfängen der Kohl-Ära hatte stets einer der beiden möglichen Koalitionen die Mehrheit im Bundestag.

Das änderte sich mit dem Erstarken der bis heute mehrheitlich ostdeutsch geprägten Linkspartei infolge der von Gerhard Schröder vorangetriebenen Agenda-Reformen, Stichwort: Fünf-Parteien-System. Sigmar Gabriel weiß, warum die Frage eines rot-rot-grünen Bündnisses entscheidend ist für die Aussichten seiner Partei, jemals wieder den Bundeskanzler zu stellen.

13. Auch die AfD wäre ohne den Osten kaum in der Lage gewesen, so viel Einfluss zu gewinnen.

Die größten Wahlerfolge feierte die Alternative für Deutschland im Osten der Republik. In Sachsen kam die AfD bei der Landtagswahl 2014 auf 9,7 Prozent, in Brandenburg auf 10,6 Prozent und in Thüringen gar auf 12,2 Prozent der Stimmen. Das hat auch innerparteilich für eine Umkehrung der Kräfteverhältnisse gesorgt. Der lange Zeit unumstrittene westdeutsche Parteivorsitzende Bernd Lucke muss fürchten, von einem deutschnationalen Bündnis unter Führung der sächsischen Landesvorsitzenden Frauke Petry gestürzt zu werden.

14. Auch das Verhältnis zur Nato verändert sich durch die Stimmungslage im Osten.

Das wohl nachhaltigste Erbe der Ära Adenauer ist bis heute die Westintegration Deutschlands. Doch die Zeiten ändern sich: Mittlerweile sehen laut einer Pew-Studie nur noch 55 Prozent der Deutschen die Nato positiv. Sechs Jahre vor waren es noch 73 Prozent.

Dabei gibt es große Unterschiede zwischen Ost und West: Denn in den östlichen Bundesländern haben nur noch 46 Prozent ein positives Bild von der Nato. Damit ist der Osten auch in diesem Politikfeld eine Art Avantgarde.

Ein Grund für diese Entwicklung könnte auch die politische Auseinandersetzung um die Ukraine sein. Im Westen sehen nur 19 Prozent den russischen Präsidenten Waldimir Putin positiv, im Osten sind es 40 Prozent.

15. Der Osten hat durch den Umzug der Bundesregierung nach Berlin an Bedeutung gewonnen.

Die alte Bundesrepublik war rheinisch-katholisch geprägt. Im beschaulichen Bonn wurden Entscheidungen getroffen, die auf der einen Seite stark von gemeinschaftsorientierten Einflüssen geprägt waren, wie zum Beispiel die Entwicklung der Sozialen Markwirtschaft („Rheinischer Kapitalismus“).

Andererseits wirken viele Entwicklungen aus heutiger Sicht erstaunlich rückwärtsgewandt: Erst in den 90er-Jahren konnte sich die Bundesregierung dazu durchringen, die Strafbarkeit von „homosexuellen Handlungen“ abzuschaffen und die Vergewaltigung in der Ehe zu sanktionieren. Noch im schwarz-gelben Regierungsprogramm von 1983 stand, dass Deutschland „kein Einwanderungsland“ sei.

Der Umzug der Bundesregierung nach Berlin leitete endgültig den gesellschaftlichen Modernisierungskurs ein, der unter Rot-Grün begann (Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft, Energiewende) und von Angela Merkel fortgesetzt wurde (Abschaffung der Wehrpflicht). Deutschland wird immer mehr zu einer märkisch-protestantischen Republik.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich viele Ostdeutsche vom politischen Diskurs abgehängt sehen. Wahrscheinlich ist das wohl das eines der größten Rätsel der politischen Gegenwart: Warum nur fühlen sich viele Bürger im Osten immer noch derart unverstanden?

Hier geht es zurück zur Startseite

Video: Auf Merkels Spuren in die Schwerelosigkeit: Kanzlermaschine wird zum Kotzbomber