WIRTSCHAFT
03/06/2015 03:19 CEST | Aktualisiert 03/06/2015 06:27 CEST

Deutschland ist in einem Ranking auf dem letzten Platz. Das sollte uns alarmieren

Deutschland ist in einem Ranking auf dem allerletzten Platz. Das sollte uns alarmieren
dpa
Deutschland ist in einem Ranking auf dem allerletzten Platz. Das sollte uns alarmieren

Das ist mies. Deutschland ist Letzter. Im weltweiten Vergleich.

Der Blick auf ein neues Ranking des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI sollte uns alarmieren. Betrachten wir die vergangenen fünf Jahre, hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate. Die Franzosen und Briten haben das Problem nicht. Sie stehen viel besser da.

Niedrige Geburtenrate hat dramatische Auswirkungen

In Deutschland gibt es eine Rieseneaufregung, wenn ein Fußballverein wie der Hamburger Sportverein mal die rote Laterne in der Bundesliga trägt. Die Dramatik von Deutschlands roter Laterne beim Geburtenranking ist vielen noch nicht so klar.

Dabei hat sie dramatische Auswirkungen. Für uns alle.

Fachkräftemangel und Rentner-Demokratie

Deutschland altert immer stärker. Die Demografie-Falle wartet. Heißt zum Beispiel: Der Fachkräftemangel wird sich in manchen Branchen verstärken, Impulse für Neues fehlen womöglich. Wir sind auf dem besten Weg in eine neue Art der Demokratie, in der Rentner Politikern noch stärker diktieren können, was für Wahlgeschenke sie doch gerne mal hätten. Mütterrente und Rente mit 63 - das war erst der Anfang.

Deutschland droht, seinen wirtschaftlichen Vorsprung nicht halten zu können, warnen die Autoren der HWWI-Studie. Die Antworten der Politik auf die altbekannte Problematik sei „kurzsichtig und mutlos“.

Das ist von Ökonomen eine vergleichsweise freundliche Umschreibung für ein Komplettversagen.

Es sind neue Antworten gefragt - gerade in der Familienpolitik und in der Wirtschaft.

Firmen sind nicht auf Mitarbeiter mit Familie eingestellt

Unter anderem geht es um die Frage, wie Unternehmen auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorbereitet sind, die Eltern werden wollen. Derzeit sind sie schlicht überfordert. Was sie auch selbst zugeben.

So ergab eine Umfrage unter deutschen Führungskräften im Herbst 2014, dass 79 Prozent der Befragten nicht gut auf Wünsche ihrer Mitarbeiter nach mehr Flexibilität und einer besseren Vereinbarkeit von Job und Privaten vorbereitet sind.

Die Journalistinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach kennen auch einen der Gründe dafür. Sie haben ein Buch mit dem Titel "Die Alles ist möglich-Lüge" geschrieben.

Darin kritisieren sie: "Die Politik hat die umfassende Erwerbstätigkeit von Frauen zum Allheilmittel erklärt, ohne vorher auf dem Arbeitsmarkt aufzuräumen“. Das ist nicht nur für die Unternehmen schlecht, sondern auch für die Eltern.

Der Anteil der Mütter, die mit Erschöpfungssyndrom bis hin zum Burn-out in Kliniken kommen, habe sich allein in Berlin zwischen 2002 und 2012 um mehr als 30 Prozent erhöht.

Garsoffky und Sembach, beide selbst Mütter von jeweils zwei Söhnen, haben wichtige Dinge zu sagen. Und bringen Probleme, die viele Deutsche bewegen, auf den Punkt:

"Den Preis für die Gleichzeitigkeit der beiden Lebensbereiche Beruf und Familie zahlen alle. Männer, Frauen und Kinder. Die Unternehmen, die gut ausgebildete, erfahrene Mitarbeiter mit Kindern – vor allem Frauen – verlieren, weil sie den Spagat unter diesen Bedingungen einfach nicht mehr aushalten. Und die Gesellschaft, die dadurch auf Steuerzahler verzichten muss."

Die Mehrheit der Eltern verzweifle "an dem Hin-und-hergerissen-Sein zwischen zwei Welten". Deshalb fragen sie sich, ob es nicht auch anders geht.

"Ob es nicht für alle einfacher, befriedigender und erfolgreicher sein könnte, wenn man Familie und Beruf nicht gleichzeitig macht. Und – unerhörter Gedanke – für ein solches Konzept der Ungleichzeitigkeit sogar noch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Unterstützung fände."

Hier müsse man setzen, um das "Vereinbarkeitsdilemma" zu lösen. Wie das konkret aussehen soll? Ihrer Meinung nach so:

„Wir könnten etwa für diejenigen, die sich eine Zeit lang um ihre alten Eltern oder ihre Kinder kümmern, einen Ausgleich in die Sozialkassen zahlen. Und zwar aus Steuermitteln und nicht aus den Kassen selber.""

Die Debatte braucht mehr Hitzigkeit

Solche Vorstöße sind gut, denn die Debatte könnte ein bisschen mehr Hitzigkeit gut brauchen. Immerhin macht jetzt der Chef der Jungen Union, Paul Ziemiak, noch ein mal darauf aufmerksam, dass die Union ja auch mit dem Familiensplitting nach französischem Vorbild liebäugelt(e).

Einem Modell, bei dem die Anzahl der Kinder noch viel stärker in die Steuerberechnung einfließt, das aber bei Ökonomen auch kritisch gesehen wird.

Der JU-Chef regte zudem einen Zuschuss zur Familiengründung an. "Das kommt dem Staat auch zugute." Denkbar wären zugleich Einkommensteuergutscheine für jedes Kind, die Eltern später einsetzen könnten. "Das wäre der richtige Schritt, um zu zeigen, dass Kinder nicht nur ein großes Glück sind, sondern sich auch auszahlen", sagte Ziemiak

Ein richtiger Schritt wäre vor allem erst einmal, eine Vision für die Familienpolitik zu haben.

Wenn Sie in einem Satz beantworten müssten, was die Vision der Familienministerin Manuela Schwesig ist? Was wäre das?

Auf die Frage, warum die Geburtenrate so niedrig ist wie in keinem anderen Land der Welt, sagte sie der "Bild": Die Geburtenrate sei doch relativ konstant. Und noch einmal, ihre Vision?

"Für mich hat der Ausbau des Bildungsangebots wie Kita-Plätze und Ganztagsschulen Priorität. Außerdem erhöhen wir die Geldleistungen, die vor allem Familien mit kleinen und mittleren Einkommen helfen. Der Kinderzuschlag, der zusätzlich zum Kindergeld bezahlt wird, verhindert zum Beispiel Kinderarmut. Den erhöhen wir jetzt von 140 auf 160 Euro."

Eher so Vision light.

Und was ist dem deutschen Arbeitgebern? Haben die eine Vision?

Kinder sind so wichtig und so toll, heißt es von Politikern. Und wenn es um eine mögliche Kindergeld-Erhöhung geht, heißt es vom haushaltspolitischer Sprecher der Union sofort. Nö, dafür ist kein Geld da. So etwas sei "reines Wunschdenken".

Moderne Väter sind so toll. Väter – nutzt die Elternzeit, sagen Wirtschaftsvertreter bei Podiumsdiskussionen. Und dann gibt es sie immer noch, die hinterwälderischen Chefs, die den Mitarbeiter entlassen, weil er sein krankes Kind aus der Kita abholt und dafür eine Meeting verließ. True story. Leider.

Und dann sind da noch die jungen, gut Ausgebildeten, bei denen eine Diskussion über Kinder und eine Familiengründung nicht funktioniert, ohne dass Worte Vertragsverlängerung, Befristung, Probezeit fallen.

Lesen Sie einfach mal, wie es Johanna W. beschreibt. Sie ist Mitte 30, hat mit 25 ihr Studium abgeschlossen. Der "Zeit" sagte sie:

"Ich hätte selbst gerne Kinder, aber ich weiß, dass mein derzeitiger Vertrag, der demnächst um zwei Monate und danach eventuell noch einmal um drei Monate verlängert wird, natürlich nicht verlängert würde, sollte ich eine Schwangerschaft bekannt geben. Ich hoffe auf die Aussicht, danach einen Mehrjahresvertrag zu bekommen. Einen, in den dann genau getaktet, zwei Kinder passen würden. Dass mein Freund, der in ähnlich prekären Verhältnissen arbeitet, die Hälfte der Elternzeit übernehmen würde, können sich seine Arbeitgeber nicht mal vorstellen. Zu meinem Pech wiederum geht man in Deutschland noch immer davon aus, dass Frauen mit Kindern mindestens ein Jahr nicht arbeiten werden und danach nur noch Teilzeit. Sollte sich unsere Jobsituation nicht in den nächsten Monaten stabilisieren, hat Deutschland die Wahl: ein weiteres kinderloses Paar, oder ein weiteres Kind, das in die Armut abrutschen kann."

Deutschland. 2015.

Da ist der letzte Platz im Geburtenranking plötzlich allzu verständlich. Und kein bisschen überraschend.

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Video:Erziehungstipps für heikle Kinderfragen: "Mama, was bedeutet eigentlich Wichser?" - Expertin hilft bei der Antwort


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