WIRTSCHAFT
02/06/2015 07:58 CEST | Aktualisiert 02/06/2015 09:53 CEST

Diese Gefahr könnte bald mehr Menschen töten als Krebs

Diese Gefahr könnte bald mehr Menschen töten als Krebs
dpa
Diese Gefahr könnte bald mehr Menschen töten als Krebs

Es ist ein Problem, an dem schon bald mehr Menschen sterben können als an Krebs. Ein Problem, das auch die mächtigen Staats- und Regierungschefs beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau beschäftigen wird. Zumindest steht es auf der Tagesordnung.

Konkret geht es um multiresistente Keime, gegen die viele Antibiotika wirkungslos sind. Sie verbreiten sich in Krankenhäusern, in Mastbetrieben, auf Schlachthöfen.

Ohne ein scharfes Umsteuern beim massiven Einsatz von Antibiotika wird sich nämlich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime drastisch erhöhen. Das geht aus einer Studie einer Privatdozentin der Berliner Charité hervor, die der "Berliner Zeitung" vorliegt.

"Gehört zu den größten Gefahren für die menschliche Gesundheit"

In der Untersuchung im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion warnen die Autoren, dass sich die Zahl der Toten von jetzt weltweit etwa 700.000 pro Jahr ohne Gegenmaßnahmen bis 2050 auf zehn Millionen erhöhen wird.

Für Europa wird ein Anstieg von jetzt 23.000 auf 400 000 Tote prognostiziert. Damit würden dann mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs. Schon jetzt sterben allein in Deutschland 12.000 bis 15.000 Menschen.

"Die weltweite Zunahme von Antibiotika-resistenten Keimen gehört zu den größten Gefahren für die menschliche Gesundheit", heißt es dem Bericht zufolge in der Studie.

Von dem bekanntesten multiresistente Erreger, dem MRSA, sind nicht Deutschland zuletzt weniger Fälle registriert worden. Das heißt aber nicht, dass damit alles gut ist. Denn dafür nehmen andere Erreger nehmen. Sie sind gegen drei oder vier Antibiotika-Klassen resistent.

"Wir hier in Europa sind verwöhnt und daran gewöhnt, dass uns immer geholfen werden kann"

Wenn sich das Problem verschärft, werden wir in deutschen Krankenhäusern immer häufiger Situationen erleben, die wir aus Ländern kennen, in denen überhaupt keine Antibiotika zur Verfügung stehen, sagt Alexander Friedrich. Er ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Groningen in den Niederlanden.

"Es ist zwar nicht dasselbe", sagt Friedrich, "aber am Ende läuft es für den Patienten auf dasselbe hinaus. Wir hier in Europa sind verwöhnt und daran gewöhnt, dass uns immer geholfen werden kann."

Manche Ärzte geben den Verbrauchern eine Mitschuld, weil sie mit ihrem Billigfleisch-Konsum eine Massentierhaltung unterstützen, die ohne den massiven Einsatz von Antibiotika häufig nicht funktioniere.

Andere kritisieren, dass viel zu wenig Geld in die Antibiotika-Forschung fließen würde. Sie verweisen auf eine Studie der Universität Birmingham, nach der in Großbritannien beispielsweise nur 0,7 Prozent der öffentlichen Forschungsgelder in die Antibiotika-Forschung investiert würden.

Pharma-Lobby: Können ökonomischen Risiken nicht alleine schultern

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller verweist zwar auf Erfolge, so kamen im vergangenen Jahr zwei neue Breitband-Antibioitika auf den Markt, 2015 bereits drei weitere.

Allerdings fordert die Pharma-Lobby mehr Unterstützung. Denn die Ertragsmöglichkeiten mit solchen Präparaten seien "meist gering, weil sie als Reserve-Antibiotika möglichst selten zum Einsatz gelangen sollen".

Deshalb sei absehbar, "dass sich solche neuen Antibiotika nicht allein über ihren Ertrag refinanzieren können; forschende Firmen sind daher auf Partner angewiesen, die die ökonomischen Risiken und Lasten mit ihnen schultern“, heißt es in einer Erklärung vom Montag.

Auch Ärzte können bei der Lösung helfen

Die Entwicklung neuer Antibiotika ist natürlich nur ein Ansatz. Andere Lösungswege liegen bei den Ärzten, die ein bisschen länger überlegen sollten, ob sie bei einem kleinen Schnupfen wirklich ein Antibiotika verordnen müssen und möglicherweise auch in (noch) strengeren Überwachungen von Antibiotika-Einsätzen in der Tierhaltung.

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