POLITIK
02/06/2015 08:41 CEST | Aktualisiert 02/06/2015 08:43 CEST

Facebook, was hast Du Dich verändert! Warum bald schon die Nutzer in Scharen weglaufen könnten

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Ehrlich gesagt: Zwischen Facebook und mir ist es derzeit kompliziert.

Ich sehe sehr wohl, dass der Konzern derzeit Milliardengewinne einfährt und prächtig an Nutzern wie mir verdient, die seit Jahren die wichtigsten Ereignisse im Leben über Postings mit ihren Freunden teilen. Doch ich ahne, dass gerade etwas ganz gründlich schief geht in der Beziehung zwischen Facebook und seinen Kunden.

Dabei gab es mal eine Zeit, in der ich Facebook geliebt habe. Nirgendwo war es einfacher mit Bekannten aus aller Welt in Kontakt zu treten, nirgendwo sonst wurde ich so übersichtlich und schnell mit Informationen versorgt. Selbst als Edward Snowden enthüllte, wie leicht es für die US-Geheimdienste ist, die Facebook-Daten abzugreifen, konnte ich nicht von meiner Timeline lassen.

Der Gedanke, mein Facebook-Profil zu löschen, war für mich ungefähr so absurd wie mit der Axt mein eigenes Arbeitszimmer zu zerlegen.

Ich konnte nicht ohne Facebook. Und ich fand das auch nicht schlimm.

Genau das hat sich in jüngster Zeit geändert. Manche meiner Freunde halten Facebook mittlerweile für komplett überflüssig. Ich bin erst an dem Punkt, an dem ich mich selbst dabei beobachte, wie ich immer seltener meine Timeline anschaue. Und dennoch ist es Zeit für eine Diagnose.

1. In meiner Timeline stehen nur noch Dinge, die mich nicht interessieren

Und das liegt an der mathematischen Formel, die hinter allen Facebook-Berechnungen steht, dem so genannten „Algorithmus“. Er wurde in den vergangenen Jahren immer stärker weiterentwickelt.

Im besten Fall merkt der Nutzer diese Veränderungen nicht – weil sie sich an seinen Wünschen orientieren oder sie vielleicht sogar vorhersagen können. Nicht umsonst sammeln Konzerne wie Google, Amazon und Facebook Unmengen an Daten über ihre Kunden.

In den vergangenen Monaten jedoch haben sich immer mehr Facebook-Nutzer gefragt, was derzeit eigentlich mit ihrer Timeline passiert. Es war anfangs kaum mehr als ein diffuses Gefühl, das plötzlich aber immer mehr Menschen teilten: Irgendwie ist es ziemlich langweilig geworden, bei Facebook zu sein.

Das liegt auch daran, dass Facebook die Freunde priorisiert: Selbst wenn man auf Facebook mit 600 oder 700 Nutzern befreundet ist, wird man kaum mehr als 20 oder 30 regelmäßig in der Timeline entdecken. Zudem filtert Facebook Themen: Wenn man dreimal nacheinander Dackelfotos postet, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man Themen rund um den Hund angezeigt bekommt. Alles andere aber dann eben seltener.

Das hat den Effekt, dass man sich irgendwann an seinen eigenen Interessen satt sieht. Wenn man nicht gerade ein so großer Dackel-Fanatiker ist, dass die eigene Interessenwelt aus nichts anderem mehr besteht.

2. Wahrscheinlich müsste ich Facebook anders nutzen als bisher...

... meint zumindest der amerikanische Tech-Blogger Robert Scoble. Er hat Ende Mai eine Liste mit 22 Verhaltenstipps für Facebook-Nutzer veröffentlicht.

Facebook tips. 1. SHARE three posts from someone else about stuff you are interested in. If it's your friend's kids,...

Posted by Robert Scoble on Montag, 25. Mai 2015

Es ist eine sehr unterhaltsam geschriebene Liste mit vielen wertvollen Ratschlägen. Punkt fünf: Man sollte alle seine Freunde in Listen einteilen. Das trägt dazu bei, Postings sichtbarer zu machen. Oder Punkt sieben: Alle Interaktion – das heißt: jedes Like, jeder Kommentar, jedes Posting – tragen dazu bei, dass Facebook lernt. Umgekehrt heißt das: Passivität zahlt sich nicht aus.

Erhellend übrigens auch der Ratschlag, die Privatsphäre-Einstellungen auf einem möglichst niedrigen Niveau zu belassen. Es spricht Bände über den amerikanischen Umgang mit Datenschutz, der hinter dem Facebook-Algorithmus steckt.

3. ... andererseits: Ist Facebook vielleicht schon längst dabei, ein asoziales Netzwerk zu werden?

Unter Scobles Tipps finden sich auch solche, die vielleicht aus Sicht eines Programmierers oder eines Internet-Konzerns durchaus sinnvoll erscheinen, aus einer menschlichen Perspektive heraus jedoch ziemlich abstoßend sind.

Unter anderem Punkt sechs: „Entfreunde Leute, die nichts posten und nicht mit anderen interagieren. Deine Postings werden sehr schnell eine ungeahnte Reichweite bekommen.

Warum? Facebook veröffentlicht deine Postings erst nur auf einigen wenigen Timelines, um zu beobachten, was diese Leute damit machen. Wenn Du Freunde hast, die niemals liken, niemals kommentieren, niemals etwas teilen und nichts eigenes veröffentlichen, dann schaden sie dir damit.“

Ernsthaft, Facebook? Du willst mir vorschreiben, welche Freunde ich haben soll und welche nicht? Das ist völlig weltfremd. Genau sowas wird eines Tages dazu führen, dass sich die Nutzer anderen Netzwerken zuwenden. Dort, wo man nicht dafür abgestraft wird, dass man zu viel stille Denker und sympathische Mauerblümchen in seinem Freundeskreis hat.

Anders herum gesagt: Derzeit führt Facebook den Begriff „soziales Netzwerk“ ad absurdum. Was mal angefangen hatte als eine digitale Kommunikationsplattform, auf der ich mit Freunden, Verwandten und Bekannten einfach in Kontakt treten und ein Stück weit an ihrem Alltag teilhaben kann, ist zu einem sozialdarwinistischen Businessmodell geworden.

Wenn das stimmt, was Scoble schreibt, dann haben bald nur noch jene Leute an Facebook ihre Freude, die in erster Linie mit Großmäulern, Selbstdarstellern und Aufmerksamkeitsjunkies befreundet sind. Unter einem „sozialen Netzwerk“ habe ich mir etwas anderes vorgestellt.

4. So ist auch zu erklären, warum viele Nutzer in letzter Zeit so viel Werbung und Facebook-Videos in ihrer Timeline haben

Selbst für scheinbar kostenfreie Dienstleistungen bezahlt man im Netz oft mit seinen Daten oder seinem Netzwerk. Im Fall von Facebook bevorzugt der Algorithmus nicht nur die besonders lautstarken Freunde, sondern auch die Werbekunden.

Facebook-Videos werden offenbar seit einigen Monaten ebenso höher gewertet. Das könnte einen einfache Grund haben: Facebook möchte gern in Konkurrenz zur Google-Tochter „Youtube“ treten.

Das ist Teil einer größeren Strategie, die auch bei der Vorstellung der so genannten „Instant Articles“ sichtbar wurde: Irgendwann, so die Konzernstrategen, könnte Facebook eine Plattform sein, die man nicht mehr verlassen muss. Weder zum Artikellesen noch zum Videoschauen.

Es ist auch diese Attitüde, die nervt: Dass Facebook seinen Nutzern sagen will, wo und wie sie digitale Medien zu konsumieren haben.

5. „Facebook-Revolutionen“? So wie vor vier Jahren in der arabischen Welt? Wären heute wohl eher unwahrscheinlich

Leute, die damals in Tunesien, Ägypten oder Syrien bei Facebook unterwegs waren, beschreiben es heute so: Zuerst war es nur ein Flüstern. Später wurde es zum Raunen. Und irgendwann war der Unmut gegenüber den autoritären Regimen im Nahen Osten nicht mehr zu überhören.

Dass die Nachrichten von Demonstrationen und Kundgebungen überhaupt die Runde machen konnten, war auch der Tatsache geschuldet, dass der Facebook-Algorithmus damals viel weniger restriktiv war.

Wie will etwa jemand heute von einer neuen, heißen Politsache mitbekommen, wenn er sonst eigentlich nur Artikel über Borussia Dortmund und Bilder von Steaktellern teilt? In seiner Timeline wird Politik nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Essen und Fußball dagegen eine sehr große.

6. Es gibt aber noch Hoffnung

Anfang Mai wurde bekannt, dass Facebook derzeit ein neues Tool testet. Damit können Nutzer einzelnen Freunden ein höheres Gewicht in der Timeline verschaffen. So soll sich Facebook künftig wieder stärker an den Bedürfnissen seiner User orientieren.

Das ist ein wichtiger Schritt.

Die Frage ist nur, ob er nicht schon zu spät kommt. Denn für viele Facebook-Nutzer ist der Zauber der „Timeline“ schon längst erloschen. Aus dem stündlichen Checken des Facebook-Profils ist ein unregelmäßiges Beäugen geworden. Weil das, was auf der Timeline stattfindet, vor lauter Hauptmeldungen und Werbeeinblendungen schon längst fremd geworden ist.

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