WIRTSCHAFT
02/06/2015 11:13 CEST | Aktualisiert 03/06/2015 10:45 CEST

Bündnis für nachhaltige Textilien: Aldi geht einen Schritt, der Vieles verändern könnte

dpa

Viele Deutsche verbinden mit Aldi in erster Linie günstige Lebensmittel. Woran man im Zusammenhang mit Deutschlands führenden Discounter nicht unbedingt als erstes denkt, sind Kleidungsstücke.

Dabei erzielt das Unternehmen immerhin knapp zehn Prozent seines Umsatzes durch den Verkauf von Textilien – rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Vor diesem Hintergrund ist der neue Weg, den Aldi jetzt eingeschlagen hat, so bedeutsam.

Zusammen mit anderen namhaften Unternehmen wie Bugatti, C&A, Hugo Boss, H&M, KiK, Lidl, Real, Rewe, Seidensticker und Tchibo hat sich Aldi einem Bündnis für Sozial- und Umweltstandards in ausländischen Produktionsstätten angeschlossen. Die Initiative hatte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im vergangenen Jahr ins Leben gerufen. Und erst wollte keiner mitmachen.

Worum geht es? Vereinfacht gesagt darum, so schreckliche Ereignisse wie den Einsturz der Textilfabrik Rana-Plaza in Bangladesch künftig zu verhindern.

Bei dem Unglück im Jahr 2013 waren 1100 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten von ihnen: Arbeiterinnen, die zu Dumpinglöhnen die Textilien hiesiger Mode-Unternehmen fertigten. Darunter Firmen wie Primark und Kik.

Die Unternehmen haben sich bereit erklärt, "die sozialen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen entlang der gesamten Lieferkette des Textil- und Bekleidungssektors nachweislich zu verbessern" - so steht es in der Selbstbeschreibung des Textilbündnisses.

Was heißt das konkret?

1. Die Unternehmen verpflichten in sich in der gemeinsamen Erklärung, endlich faire Löhne zu zahlen.

Die Umweltschützer von Greenpeace prangern seit Jahren an, dass die hierzulande getragene Kleidung zu überwiegendem Teil aus Drittländern importiert wird.

Und das dortige Lohnniveau ist katastrophal. In China oder in Bangladesch etwa, aber auch in armen Teilen von Rumänien und der Türkei.

In einer ZDF-Dokumentation über die Produktionsbedingungen in Zulieferbetrieben von H&M klagten die Mitarbeiter über massive Überbelastung. 80 Stunden und mehr mussten sie arbeiten. „Unsere Augen brennen, wir sind ausgehungert“, sagte ein Mann, der die Fabrik meistens nur von innen sieht und nicht einmal genügend Geld hat, sich ausreichend zu ernähren.

Das geplante Bündnis soll dem künftig entgegen wirken. In der von Politik, Handelsverband und Unternehmen unterstützten Übereinkunft wurde als Zielvorgabe formuliert:

Existenzsichernde Löhne, entlohnte Überstunden, bezahlter Urlaub, Sozialleistungen, Verbot von Diskriminierung.

Daran werden sich die Unternehmen fortan messen lassen müssen.

2. Aldi und Co. garantieren, dass ihre Textilproduktion giftfrei ist und keine Schäden für Mensch und Natur anrichtet.

Es sind Bilder des Schreckens, die man mitunter aus Produktionsstätten in den armen Ländern dieser Erde zu Gesicht bekommt. Verseuchtes Trinkwasser, Kinder, die in vergifteten Flüssen plantschen.

Mitarbeiter der Initiative für Saubere Kleidung haben bei Besuchen von Textilfabriken in der Türkei lila gefärbte Flüsse beobachtet. Ein Indiz für die Verwendung von Kaliumpermanganat, eine gesundheitlich höchst fragwürdige Chemikalie.

Auch Aldi sah sich bis zuletzt immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, giftige Chemikalien zu verwenden. Greenpeace hatte in Test giftige Schadstoffe in Kinder-Kleidungsstücken nachgewiesen.

Das Unternehmen hatte sich zuvor schon an anderer Stelle verpflichtet, bis 2020 alle umwelt- und gesundheitsschädlichen Chemikalien aus der Textilproduktion zu verbannen.

Nun garantieren auch die anderen Mitglieder:

"Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, Umweltmanagement, Chemikaliensicherheit."

Eigentlich Selbstverständlichkeiten - könnte man meinen.

Experten geht die Einigung nicht weit genug

Die Organisation „Kampagne für Saubere Kleidung” kritisiert, dass die im Bündnis festgehaltenen Bestimmungen und die Selbstverpflichtung der Unternehmen nicht weit genug gehen.

Sie moniert, dass das Unglück von Rana Plaza stattgefunden habe, nachdem Unternehmen sich bereits zu verbesserten Produktionsbedingungen verpflichtet hätten. Eine Entschädigung der Opfer habe bis heute nicht ausreichend stattgefunden.

Wörtlich heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme:

„Freiwillige Selbstverpflichtungen haben hier bis heute kaum Verbesserungen erzielt. Angesichts dieser Tatsachen fordert die CCC rechtlich verbindliche Vorgaben wie gesetzlich vorgeschriebene Sorgfaltspflichten der Unternehmen für ihre gesamte Lieferkette, wie sie die UN-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte vorschlagen. Dies hätte zur Folge, dass alle Unternehmen sie einhalten müssen und nicht nur solche, die freiwillig einem Bündnis beitreten.”

Fest steht aber auch: Es ist ein weiterer wichtiger Schritt.


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Video: Primark-Skandal - So brutal werden Textilarbeiterinnen ausgebeutet


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