POLITIK
21/05/2015 23:51 CEST | Aktualisiert 22/05/2015 06:10 CEST

Talk bei Illner: Ex-Pegida-Frontfrau Oertel redet wirres Zeug über Goebbels, Nato-Propaganda und terrorgeile Medien

Ex-Pegida-Frontfrau Oertel redete bei "Maybrit Illner" wirres Zeug über Goebbels und die Nato
ZDF Mediathek
Ex-Pegida-Frontfrau Oertel redete bei "Maybrit Illner" wirres Zeug über Goebbels und die Nato

Eine Stunde Fernsehtalk kann kurzweilig sein. Oder auch extrem monoton.

Und manchmal fühlt man sich beim Abspann einer Sendung gerade so, als sei man Zeuge einer intellektuellen Massenkarambolage geworden – weil das, was von manchen Gästen gesagt wurde, derart an den Haaren herbei gezogen war, dass man anfängt, die versteckte Kamera im Studio zu suchen.

So war es am Donnerstagabend bei "Maybrit Illner" im ZDF.

Die Fernsehjournalistin hatte zu einem Talk über die Frage "Wer spricht für das Volk?" geladen. Und das Gästeplenum war beachtlich gut besetzt:

  • Bernd Lucke, Chef der AfD
  • Peter Tauber, Generalsekretär der CDU
  • Yasmin Fahimi, Generalsekretärin der SPD
  • Jakob Augstein, Publizist
  • Und Kathrin Oertel, scheinbar geläuterte Mitbegründerin der Pegida-Bewegung

Das alte Spiel: Lucke leugnet seine eigenen Vorstöße

Um es vorwegzunehmen: Bernd Lucke flüchtete sich – wie so oft, wenn er öffentlich spricht – hinter Verteidigungslinien, die er zuvor höchst selbst mit großem Hurra überrannt hat.

Zum Beispiel, als er darauf angesprochen wurde, ob er sich von den "rechten" Parteimitgliedern der AfD mit seinem Verein "Weckruf 2015" distanzieren will.

"Sie stellen diese Leute in die rechte Ecke. Ich habe das doch nie gemacht", pflaumte er die Moderatorin an. "Ich würde niemanden unterstellen, rechts zu sein."

In seiner Rundmail, die er vor knapp zwei Wochen an die AfD-Mitglieder verschickt hat, klang das noch ganz anders. Antikapitalistische, deutschnationale, antiislamische und einwanderungsfeindliche Kräfte hätten dem Ansehen der AfD zuletzt stark geschadet, schrieb er.

Aber daran wollte sich Lucke im Gespräch mit Illner beim besten Willen nicht mehr erinnern. Oder er findet, dass die von ihm angesprochenen Islam- und Einwanderungsfeinde nicht „rechts“ seien. Wieder einmal flüchtete sich Lucke in eine trotzige Anti-Medien-Haltung.

Wozu initiiert Lucke eigentlich seinen "Weckruf"?

Noch merkwürdiger wurde die Diskussion, als er behauptete: "Bevor sie anfangen, der AfD ein rechtes Images zu verpassen, möchte ich sagen: Die meisten Mitglieder in der AfD sind normale Bürger, die sich Sorgen um die Zukunft dieses Landes machen."

Dann bleibt die Frage, wozu seine Partei überhaupt einen "Weckruf" braucht. Eigentlich könnte Lucke sich dann doch zufrieden zurücklehnen und die Sache laufen lassen.

Jakob Augstein kommentierte treffend: "Ich glaube ihnen sogar, dass sie eine monothematische Kraft gründen, die gegen den Euro ist. Aber damit locken sie eben auch jene an, die gegen Ausländer, Moslems und Homosexuelle sind."

Die Gemeinsamkeit dieser Gruppen sei das Ressentiment. Auch hier reagierte Lucke pampig: Augstein schüre hier selbst Ressentiments, und zwar gegen die Mitglieder der AfD.

Peter Tauber betonte daraufhin, dass es "nicht den Hauch einer Chance" für eine Zusammenarbeit zwischen AfD und CDU gäbe.

Lucke punktet gegen Fahimi

Immerhin: Später in der Sendung konnte Lucke tatsächlich noch einmal punkten. Fahimi referierte äußerst wohlfeil darüber, dass die in den vergangenen 20 Jahren entstandenen sozialen Verwerfungen mitverantwortlich dafür seien, dass sich viele Menschen von demokratischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen fühlten.

Lucke fragte Fahimi, völlig zurecht, welche Verantwortung daran die SPD habe, die seit 1998 mit einer vierjährigen Unterbrechung an der Bundesregierung beteiligt war. Dass Fahimi dafür nur ein genervtes Augenrollen übrig hatte, ließ sie als Generalsekretärin ihrer Partei ganz schwach aussehen.

Für die heftigsten geistigen Tiefschläge war an diesem Abend Kathrin Oertel verantwortlich. Eine Frau, die mit den "Pegida"-Thesen noch vor einigen Monaten immerhin bei knapp einem Drittel der Deutschen Resonanz fand.

Oertel glaubt, dass Pegida durch Nato-Propaganda entstanden ist

Die Frage ist: Wer schützt eigentlich Frau Oertel vor ihren eigenen öffentlichen Auftritten? Oder sollte man bei diesem Quatsch zusehen, weil er Denkschemata auf Bauklötzchenniveau bloßstellt, die es wohl tatsächlich bei einigen Bürgern gibt? Wahrscheinlich gehört es zu einer Demokratie dazu, dass man sich auch den größten Blödsinn zumindest einmal anhören muss.

Schon Oertels Eingangsstatement war derart schmerzlich dumm, dass man am liebsten den Ton am Fernseher ausstellen mochte. Kathrin Oertel im O-Ton:

"Sicherlich ist der Herr Goebbels tot, und das ist auch gut so. Aber wer glaubt, dass die Propaganda mit Herrn Goebbels gestorben ist, dem muss ich leider die Illusion nehmen. Die Nato-Propaganda ist sehr gefährlich, weil die Nato mit ihrer Propaganda einfach die Menschen in den Krieg stürzt und dadurch viele, viele Streitigkeiten aufkommen, und zum Beispiel auch das Thema um den Islam und den bösen Moslem. Das ist eindeutig der Nato-Propaganda zu verdanken."

So erklärte sie übrigens auch, warum sie nach "Recherchen" festgestellt habe, dass die Anti-Islam-Parolen bei Pegida doch nicht so ihr Ding waren.

Später sinnierte Oertel noch darüber, was wäre, wenn die "3.000 Menschen", die durch den amerikanischen Drohnenkrieg in Afrika ums Leben gekommen seien, in Deutschland von Terroristen umgebracht worden wären.

"Das wäre doch der Terrorismus, den wir uns hier wünschen, den sich die Medien wünschen", sagte Oertel. Da riss selbst Maybrit Illner der Geduldsfaden, sie fuhr Oertel über den Mund.

"Frau Oertel ist ein Symptom"

Dankenswerterweise gab es an diesem Abend noch einen echten Lichtblick. Und der hieß auch Lucke, allerdings, der Vollständigkeit halber: Albrecht von Lucke. Der Publizist ordnete die wirren Statements der ehemaligen Pegida-Frau klug ein.

"Frau Oertel ist ein Symptom", sagte von Lucke. Es gebe eine Sehnsucht nach Komplexreduktion: "Erst waren die Muslime schuld, dann die Nato." Und dann sei da noch das Problem der "Alternativlosigkeit".

Die Schuld sei nicht bei der Kanzlerin zu suchen, sondern bei der Opposition, die keine Perspektive habe, die Kanzlerin abzulösen. "Wir sind ein Land ohne echte Alternative", so der studierte Jurist und Politologe.

An dieser Stelle hätte die Sendung gern vorbei sein können.

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