POLITIK
04/05/2015 10:21 CEST | Aktualisiert 04/05/2015 10:41 CEST

Boko-Haram-Terror: Befreite Frauen berichten über Horror in Geiselhaft

dpa

Seit Anfang 2014 hat die Terrororganisation Boko Haram in Nigeria Tausende Frauen und Mädchen entführt. Mindestens 2000 Frauen haben die Terroristen laut Amnesty International in ihre Gewalt gebracht.

Nun hat die nigerianische Armee 700 von ihnen befreit. Erst einmal sind sie in Sicherheit. Doch was die Frauen in den letzten Monaten durchgemacht haben müssen, ist kaum vorstellbar. Nun müssen sie mit den traumatischen Erinnerungen an die Gefangenschaft leben.

Eine der Überlebenden ist Lami Musa. Zusammen mit 275 anderen Frauen und Kindern hat die Armee sie in ein Auffanglager gebracht. Sie hat die wohl schlimmsten fünf Monate ihres Lebens hinter sich. In dem Lager berichtete sie Journalisten von ihrer Zeit als Geisel der grausamen Terroristen.

Frauen kurz vor der Befreiung noch gesteinigt

Vergangenen Dezember überfielen Boko-Haram-Kämpfer ihr Dorf, so erzählt sie. Ihren Mann brachten sie um und sie nahmen sie mit. Ihre drei Kinder musste sie zurücklassen. Sie sollte einen der Kommandeure heiraten. Als sie sahen, dass sie schwanger war, sagten sie, dann werde sie ihn eben eine Woche nach der Geburt heiraten.

Als die Soldaten das Lager der Terroristen stürmten, versuchten die Boko-Haram-Kämpfer mit ihren Geiseln zu entkommen. "Ich habe mein Baby gegen meinen Bauch gedrückt und mich über sie gebeugt", berichtet Lami. Als die Frauen sich weigerten, mitzukommen, fingen die Dschihadisten an, sie mit Steinen zu bewerfen. Einige Frauen seien so kurz vor der Befreiung noch ums Leben gekommen.

Die Armee habe nicht genügend Fahrzeuge gehabt, um die Frauen wegzubringen, erzählt sie weiter. Viele Frauen mussten also den ganzen Weg zu Fuß gehen, durch gefährliches Gelände, denn Boko Haram habe die ganze Gegend vermint. Sie habe gesehen, wie drei Frauen vom Pfad abkamen und von Minen getötet wurden. Die 27-Jährige hat die Gefangenschaft überlebt. Doch was aus ihren Kindern geworden ist, das weiß Lami nicht.

Nur trockenen Mais zu essen

Eine andere Geisel sagte Journalisten: "Wir durften uns in Gefangenschaft keinen Zentimeter frei bewegen." Sie hätten nur einmal pro Tag etwas zu essen bekommen. Viele Frauen seien an Erschöpfung gestorben.

Seit Dienstag hatte das Militär im Rückzugsgebiet der Islamisten zunächst 293 Frauen und Mädchen und wenig später weitere 160 Frauen, Mädchen und Jungen in Sicherheit gebracht. Zugleich gab es jedoch Berichte über mehrere von Militärs verübte Massaker.

Bewaffnete in Militäruniformen hätten zahlreiche Menschen, vor allem Frauen und Kinder, in mehreren Dörfern im Osten des Landes erschossen, berichtete die Zeitung "Vangard" am Sonntag. Bewohner der Ortschaften hätten berichtet, die Bewaffneten hätten wahllos das Feuer eröffnet und Häuser in Brand gesetzt. In einigen unbestätigten Berichten war von bis zu 30 Toten die Rede.

Armee will Offensive gegen Bokom Haram fortsetzen

Bei den Tätern könne es sich um Soldaten einer Sondereinheit zur Terrorismusbekämpfung handeln, die sich für den Tod von vier Kameraden in der Region hätten rächen wollen, schrieb die Zeitung. Ein Sprecher des Militärs wies die Anschuldigungen zurück. Die Armee sei zum Schutz der Bevölkerung da.

Armeesprecher Chris Olukolade kündigte unterdessen in der Zeitung "Premium Times" an, die Offensive gegen Boko Haram werde fortgesetzt. Das Militär durchkämme den Sambisa-Wald von verschiedenen Seiten aus. Ziel sei es, weitere Geiseln zu retten und alle Terrorcamps in dem Wald zu zerstören. Im Sambisa-Wald im Bundesstaat Borno hatten sich die Terroristen jahrelang versteckt.

Ob unter den Befreiten auch Schülerinnen aus dem Ort Chibok sind, war zunächst unklar. Die Entführung von mehr als 200 Mädchen aus dem Dorf im April vergangenen Jahres hatte weltweit Entsetzen und eine spektakuläre Internet-Kampagne unter dem Motto "Bring Back Our Girls" (Bringt unsere Mädchen zurück) ausgelöst, an der sich auch die amerikanische First Lady Michelle Obama beteiligte.

Mindestens 14.000 Menschen seit 2009 getötet

Entführte Frauen und Mädchen werden von den Extremisten in der Regel zum Übertritt zum Islam gezwungen, zwangsweise verheiratet oder als Sklavinnen gehalten. Auf Fotos, die von der Armee am Donnerstagabend verbreitet wurden, erschienen viele Befreite sehr abgemagert. Olukolade sprach von unmenschlichen Bedingungen in den Camps.

Boko Haram will im Norden Nigerias einen sogenannten Gottesstaat errichten und verbreitet seit 2009 in der Region ihren blutigen Terror. Bei Anschlägen der Dschihadisten sind Schätzungen zufolge mindestens 14.000 Menschen getötet worden, rund 1,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht.

mit Material von dpa

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