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02/05/2015 15:02 CEST | Aktualisiert 03/05/2015 13:14 CEST

SMS aus der Erdbeben-Hölle: Tagelang berichtete mir mein bester Freund Sudip aus Nepal, während ich um sein Leben bangte

HUFFPOST

6204. Das ist nur eine vorläufige Zahl. 6204 Menschen sind seit dem Erdbeben vergangenen Samstag in Nepal ums Leben gekommen. Mehr als 14 000 Menschen wurden verletzt. Etwa 300 000 Häuser wurden ganz oder teilweise zerstört.

Fast täglich klettert die Zahl. Und fast täglich wird diese Zahl der Toten von den Medien fast mechanisch fortgeschrieben.

Trotzdem aber bleibt es eine abstrakte Zahl. Sie wirkt fremd. Und vor allem weit weg.

Ich glaube nicht daran, dass uns solche Zahlen weiterhelfen. Sie können sogar schädlich sein. Weil sie uns abstumpfen. Hunderte Ertrunken Flüchtlinge im Mittelmeer, hunderte von Terroristen entführte Schülerinnen in Nigeria. Die Schreckensmeldungen rauschen so durch.

Ich glaube, dass wir die Realität nur verstehen, wenn wir uns mit den Menschen beschäftigen, die es betrifft. Wenn aus Zahlen Schicksale werden.

Ich möchte Ihnen daher die Geschichte von meinem besten Freund Sudip erzählen. Er ist Nepalese.

Aber ich möchte Ihnen nicht nur die Geschichte von einem schweren Schicksal erzählen. Ich möchte Ihnen die Geschichte von einer Familie erzählen, die ihre Hoffnung niemals aufgibt, eine Familie, die unglaublich stark ist. Und diese Familie steht exemplarisch für so viele andere in dem Land.

Ich habe mit Sudip viele Monate in Kathmandu und im Himalaya verbracht. Viele Orte, die nun zerstört sind, habe ich vor einigen Monaten selbst noch besucht. Denn es ist die Region, in der Sudip zuhause ist. Hier ein Bild aus dem vergangenen Jahr:

sophia meier

Seit dem Beginn des Erdbebens ließ mich Sudip an den Geschehnissen in seiner Heimat teilhaben. Durch kurze Telefonate, wenn das Netz einmal funktionierte und durch SMS-Nachrichten.

Tag 1: Das Erdbeben (25. April)

Ich bekomme die Nachricht via Eilmeldung aufs Handy. Sofort schreibe ich Sudip. Doch ich bekomme keine Antwort. Ich werde unruhig. All meine Anrufe und Kontaktversuche laufen ins Leere. Stunden später dann die Erleichterung. WhatsApp meldet: "Eine neue Nachricht von Sudip".

23.50 Uhr: "Die Situation in Bhaktapur ist so schlimm. Ich liege gerade unter dem freien Himmel. Es gibt ständig Nachbeben. 58. Ich zähle mit."

Er lebt! Ich lese gerade. Tränen rollen über meine Wangen. Er lebt!!!

23.55 Uhr: "200 Tote in Bhaktapur und 250 Tote in Kathmandu."

Ich frage nach dem Haus seiner Familie. Steht es noch? keine Antwort.

Tag 2: Erster Tag nach dem Erdbebens (26. April)

11.20 Uhr: "Das Haus ist komplett zerstört. Niemand kann dort mehr leben. Es ist so schwer, Lebende unter den Opfern zu finden. Ich bin gerade so ohne Hoffnung. Aber ich versuche, den Glauben zu behalten. Bitte bete, Sophia. Das ist alles, was du im Moment für uns tun kannst."

nepal

Bild von Sudip aus Bhaktapur

Ich erinnere ihn daran, dass ich in wenigen Wochen nach Nepal kommen wollte: Er, ich und unser Himalaya.

11.53 Uhr: "Wenn ich überlebe, dann werde ich mein restliches Leben nichts anderes tun, als mit dir in die Berge zu gehen. Ich habe solche Angst wegen der ständigen Nachbeben. In manchen Momenten glaube ich, dass ich gleich sterben werde."

Ich versuche, ihm Mut zu machen. Angesichts seiner Lage fühle ich mich dabei unbeholfen, fast schon lächerlich. Und immer wieder merke ich, wie stark Sudip ist, wie unerschütterlich er daran glaubt, dass er es schon irgendwie schaffen werde.

12.17 Uhr: "Ich werde versuchen, zu überleben. Heute haben wir noch genug Essen. Ich weiß nicht, wie es morgen sein wird."

Tag 3: Zweiter Tag nach dem Erdbeben (27. April)

7.06 Uhr: "Die Nacht konnte ich ein wenig schlafen. Wir (er und seine Familie) leben immer noch im Zelt. Wir schlafen darin zu siebt. Wegen dem Regen ist immer alles nass. Ich will dir weiter schreiben, aber es gibt nirgendwo mehr Strom... Sophia, du bist so ein wundervoller Mensch für mich in dieser Situation."

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Die Familie im Zelt

Seine Mutter (Mitte) ist schwer nierenkrank. Sie muss zwei Mal in der Woche zur Dialyse. Aber die Krankenhäuser sind überfüllt, eine angemessene medizinische Versorgung ist völlig unmöglich.

8.56 Uhr: „Wir finden keine Ärzte. Keine Notaufnahme. Nichts. Es gibt nur verunreinigtes Wasser. Ich hab so Angst um sie.“

Tag 4: Dritter Tag nach dem Erdbeben (28. April)

24 Stunden Stille. Ich sitze im Büro. Muss mich zusammenreißen. Funktionieren. Ich klicke mich durch Katastrophenbilder und Videos aus Nepal. Aktualisiere die neusten Opferzahlen. Ich lese von einem Nachbeben: 5,7 Stärke. Wo bist du, Sudip?

8.35 Uhr: „Der Akku war leer. Ich fühle mich befreiter. Wir spüren noch kleine Nachbeben, aber das ist machbar. Wir leben immer noch draußen, aber ich fühle mich so viel besser als zuvor.“

16.59 Uhr: „Ich habe über 90 Prozent Hoffnung, zu überleben. Wir liegen noch unter dem Zelt, aber mit mehr Hoffnung. Sophia, ich höre gerade die Schakale in der Ferne heulen.“

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Der Schlafplatz der ganzen Familie

Tag 5: Vierter Tag nach dem Erdbeben (29. April)

Ich möchte helfen. Ich möchte irgendetwas tun, um MICH besser zu fühlen. Doch das ist egoistisch. Ich weiß. Es geht hier nicht um mich. Ich frage, ob ich Geld mitbringen soll – für ihn und seine Familie.

9.05 Uhr: „Du sollst mir kein Geld geben. Wenn du hier sein wirst, werde ich mich besser fühlen. Ich brauche nur dein Lächeln und deine Motivation. Du solltest dein Geld für dich behalten und dir einen schönen Urlaub machen.“

Das eigene Haus liegt in Trümmern, kein Wasser, kaum Essen, eine schwerkranke Mutter, die ums Überleben kämpft. Aber er denkt nicht an sich. Er denkt an mich, während Hilfsorganisationen vor Ort Zelte, Nahrungsmittel und Wasser ausliefern. Schrittweise kehrt das Leben zurück.

20.16 Uhr: „Mach dir keine Sorgen um mich. Der Akku ist fast tot. Vielleicht finde ich morgen eine Polizeistation, um ihn aufzuladen. Pass bitte auf dich auf.“

Tag 6: Fünfter Tag nach dem Erdbeben (30. April)

17.29 Uhr: „Unsere Tage werden besser. Immer noch kleinere Erdbeben. Meine Mutter wird immer kränker. Aber das ist jetzt unsere Situation. Wir überzeugen uns gegenseitig, dass alles gut werden wird. Wir haben bis zuletzt Hoffnung.“

Seitdem herrscht Stille. Die ersten Rettungsteams kehren wieder aus dem Katastrophengebiet zurück. Die meisten Touristen sind unterdessen eine Woche nach dem Himalaya-Erdbeben wohl in Sicherheit. Doch die schwierige Suche nach Vermissten geht weiter.

Ich weiß nicht, wie sein Leben und das seiner Familie weitergehen wird. Wie lange sie in diesem Zelt leben können. Wie lange seine schwer kranke Mutter ohne medizinische Versorgung durchhalten wird. Ob die Spendengelder jemals bei ihnen ankommen werden.

Auch Sudip weiß das nicht.

Aber er ist hoffnungsvoll. Und selbstlos. Wie viele der Nepalesen, die gerade 6500 Kilometer entfernt von uns ums Überleben kämpfen. Die Geschichte dieser Nepalesen wollte ich erzählen. Denn es gibt viele davon.

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