WIRTSCHAFT
22/04/2015 09:39 CEST | Aktualisiert 22/04/2015 11:57 CEST

Energy-Drinks von Vemma: Vor diesen Getränken warnen Verbraucherschützer, Anwälte – und verzweifelte Händler

Der Energy-Drink-Hersteller Vemma steht am Pranger.
vemma
Der Energy-Drink-Hersteller Vemma steht am Pranger.

„Das Mittel hilft dem Körper. In diesem Fläschchen sind 20 Kilo Obst und Gemüse."


„Wenn ihr Verbrennungen habt oder euch schneidet, dann könnt ihr das einfach drauf tun, das heilt.“

Nein, das sind KEINE Werbesprüche von wundersamen Naturheilmitteln. Mit diesen Slogans werden Energy-Drinks und Nahrungsergänzungsmittel angepriesen. Getränke in der Flasche oder in der Dose, die auch in Deutschland verkauft werden.

Hinter ihnen steht die US-Marke Vemma (gesprochen: Wiema). Ein Unternehmen, das wegen absurden Produkt-Versprechen und fragwürdigen Geschäftspraktiken am Pranger steht. Mittlerweile ist sogar von „sektenartigen Strukturen" die Rede.

Verbraucherschützer halten die Getränke von Vemma für gesundheitsschädlich und möglicherweise illegal. Anwälte warnen vor dem Vetriebssystem. Und ehemalige Kunden und Zwischenhändler sprechen öffentlich von Abzocke. Besonders betroffen: Jugendliche.

Mehrere Medien, darunter „Stern TV” und „Report München” haben jüngst über die Abgründe des Geschäftsmodells berichtet, nennen es „gefährlich" und „unseriös". Vemma selbst will davon nichts wissen - und verteidigt sich.

Die Details:

1. So funktioniert Vemma

Getränke von Vemma stehen nicht in den Regalen von Supermärkten. Sie gibt es ausschließlich im Internet zu kaufen – zu stattlichen Preisen.

Eine Palette mit 72 0,25-Liter Dosen vom Energy-Drink „Verve” kostet 145 Euro. Macht mehr als zwei Euro pro Dose. Damit ist Verve teurer als Red Bull. Für zwei Ein-Liter-Flaschen vom Nahrungsergänzungsmittel Vemma Premix müssen Kunden 75 Euro bezahlen.

Vemma geht offline zusätzlich mithilfe von sogenannten Affiliates auf Kundenfang - Menschen, meist Jugendliche, die andere Menschen anwerben und dazu bringen, Getränke von Vemma zu kaufen.

Sie versuchen potentielle Kunden zusammen zu trommeln, veranstalten Vemma-Partys – und profitieren bei erfolgreichen Verkaufsvermittlungen von Provisionen. Weil sie dem Unternehmen mehr Umsatz bringen.

Für dieses Konzept wirbt Vemma mit der markigen Werbebotschaft: „Werdet zu der Person, die 100.000 Euro im Jahr mit Vemma verdienen kann." Diese Vorgehensweise wird scharf kritisiert.

(der Text geht nach dem Video weiter)

Video: 7 beunruhigende Fakten über Cola

2. Das werfen Kritiker Vemma vor

In einem aktuellen Beitrag von „Report München” klagte ein ehemaliger Affiliate von Vemma, inzwischen Aussteiger, das Unternehmen an. Sein Vorwurf: Vertriebspartner bei Vemma würden abgezockt und ausgebeutet.

Der Mann namens Maik sagte „Report München”, er habe in seiner Zeit 1000 Euro für Vemma-Getränke investiert. 147 Euro pro Monat. Als Azubi. Das war die Hälfte seines Gehaltes. Verdient, so bekundete der Mann, habe er mit Vemma allerdings nur 30,46 Euro.

Bedeutet das, dass niemand Vemma-Getränke kaufen will? Woher stammen dann aber die 300 Millionen Euro Umsatz, die Vemma weltweit erzielt? Allein aus Produkten, die die Affiliates nicht losgeworden sind?

Es gibt mehrere Menschen, die ähnliche Situationen wie Maik erlebt haben. Der „Hannoverschen Allgemeinen” (HAZ) sagte eine 22-jährige Studentin aus Kassel, die auf einer Informationsveranstaltung für Vemma angeworben werden sollte:

„Es war die Rede davon, dass man 5000 bis 7000 Euro im Monat verdienen könnte.“

Ein Versprechen, das Experten für Augenwischerei halten. Ute Bitter von der Verbraucherzentrale Hessen spricht mit Blick auf Vemma von einem Pyramidensystem. Der "HAZ" sagte sie:

„Je weiter unten in der Pyramide man steht, desto unwahrscheinlicher ist ein nennenswerter Verdienst.“

Die Wirklichkeit sieht dann häufig so aus: Viele, die ihr Geld investieren, um Produkte von Vemma zu verkaufen, stehen am Ende mit leeren Händen da. Schlimmer noch: mit hohen Verlusten.

Gegenüber „Report München” verteidigte der für Deutschland, Österreich und die Schweiz zuständige Vemma-Chef Christoph Rapp das Geschäftsmodell: Bei Vemma handele es sich um ein „zulässiges Multi-Level-Marketing und nicht um ein illegales Pyramidensystem”, sagte er.

Rechtsanwalt Olaf Kraatz von der Freien Universität Berlin widerspricht dem. „Report München” sagte er:

„Wenn man sich diesen Einzelfall bei Vemma anguckt, die Bedingungen anguckt, sieht es danach aus, dass das Ganze ein verbotenes Pyramidensystem darstellt.“

3. Warum Vemma gerade für Jugendliche gefährlich ist

Jugendliche und junge Erwachsene haben in der Regel wenig finanzielle Mittel und denken, sie könnten mit ihrer Investition an der vermeintlichen Erfolgsstory von Vemma teilhaben. Sie werden bei den Infoveranstaltungen in den Bann von Vemma gezogen.

In Österreich ist vor kurzem bekannt geworden, dass Vemma offenbar versucht hat, Minderjährige für seine Zwecke einzuspannen. Entsprechende Vorwürfe hatte die Arbeiterkammer Voralberg erhoben. Sie prüft eine Klage gegen Vemma.

Daraufhin hatte Vemma-Europachef Tomasz Stanislawski in einer Stellungnahme erklärt, dass diese Praktiken verboten seien und sich das Unternehmen um Aufklärung bemühe. „Wer das schnelle große Geld ohne Arbeit verspricht, bricht unsere Regeln”, so Stanislawski.

Laut dem Bericht von „Report München” hat Vemma in Deutschland einen minderjährigen Mitarbeiter angehalten, sein Alter heraufzusetzen, um seine illegale Beschäftigung zu vertuschen. Wir haben Vemma schriftlich gebeten, sich zu diesem Vorwurf zu äußern. Sobald uns eine Stellungnahme vorliegt, aktualisieren wir diesen Artikel.

4. Warum die Vemma-Getränke gesundheitsschädlich sein können.

Experten sehen in den Getränken von Vemma eine Gefahr für die Gesundheit. Gegenüber der „HNA" prangerte Andrea Schauff, Ernährungswissenschaftlerin der Verbraucherzentrale Hessen, die hohen Vitaminkonzentrationen in den Energy-Drinks an. Unter Umständen könne es zu einem Kreislaufkollaps kommen.

Auch von dem Nahrungsergänzungsmittel raten Verbraucherschützer ab. Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern stört der hohe Vitamingehalt in den Vemma-Produkten. Normalerweise dürften Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland nur in 30-Milliliter-Rationen verkauft werden. Vemma selbst empfiehl offenbar eine doppelt so hohe Dosis. Das wird dem Unternehmen zum Vorwurf gemacht.

Krehl kritisierte im Beitrag von „Report München”:

„Bei Vitamin D sind Wachstumsstörungen bekannt, bei Vitamin A kann es zu Übelkeit, Erbrechen führen, aber auch zu Schleimhautveränderungen oder Sehschwierigkeiten. Dieses Produkt dürfte in Deutschland gar nicht verkauft werden.”


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