LIFE
02/04/2015 13:02 CEST

In Hot-Or-Not-Videos bewerten Kinder öffentlich das Aussehen ihrer Mitschüler

Thinkstock

Body-Shaming hat nun auch Einzug in die Klassenzimmer von Grundschülern gehalten. Verantwortlich ist dafür ein neuer Trend auf Youtube. Die Kinder filmen sich dabei, wie sie die Liste ihrer Klassenkameraden durchgehen und entsprechend mit "Hot" oder "Not" bewerten. Anschließend landen die Videos auf Youtube oder Facebook.

Die Kinderzimmer sind rosa gestrichen, an den Wänden hängen Poster von Justin Bieber und die Stimmen der Mädchen, die teilweise nicht älter als neun Jahre alt zu sein scheinen, schrillen in hoher Tonlage, wenn sie in hämisches Gelächter über ihre als "Not" abgestempelten Klassenkameraden verfallen.

Am öffentlichen Pranger

Diese Videos haben teils Hunderte Abrufe. Nicht auszuschließen also, dass auch mal eine ganze Schule das Bashign-Video gesehen hat.

Was es in einem Kind auslöst, in so einem Video aufzutauchen, können Kinder vermutlich nicht beurteilen. Wie es sich anfühlt, am nächsten Tag dennoch erhobenen Hauptes wieder in den Unterricht kommen zu müssen und seinen "Richtern" in die Augen sehen zu müssen - das wissen sie vermutlich nicht.

Die heutige Welt ist ein konsequenter Schönheitswettbewerb

Wie eine Umfrage der "LBS" im Jahr 2013 zeigte, fühlt sich jedes vierte Kind zwischen 9 und 14 Jahren zu fett. Jedes 20. gab an, sich gerne Fett absaugen zu lassen. Kinder wachsen heute in einer Welt auf, in der gutes Aussehen zu einer der wichtigsten und erstrebenswertesten Eigenschaften geworden ist.

Kleidergröße 38 gilt als Plus Size. Mit einer raschen Handbewegung wird auf Dating-Apps wie Tinder innerhalb von Millisekunden entschieden, ob sie für ein Date "interessant" genug sind oder nicht. Es ist also kaum verwunderlich, dass es als auch die angesagten, hübschen Mädchen sind, die in der Schule den Ton angeben und entscheiden, wer zu ihrem auserwählten Kreis dazugehören darf.

Öffentlichkeit des Mobbings erreicht einen neuen Grad an Demütigung

Natürlich hat es Mobbing und Ausgrenzung unter Kinder schon so lange gegeben, wie die Worte "du darfst nicht mitspielen" existieren. Aber der Kanal, über den das Mobbing nun stattfindet - und die Tatsache, dass Kinder sich wegen ihres "heißen" oder eben "nicht heißen" Aussehens schikanieren, ist eine neue, viel öffentlichere Form der Demütigung.

Doch was ist der Grund, dass Kinder in solchen jungen Jahren bereits anfangen, ihren Wert an ihrer Attraktivität zu messen? Erziehungsexpertin Tanith Carey hat in ihrem Artikel des britischen Nachrichtendiensts "Dailymail" mehrere Erklärungen dafür: "Ein Grund dafür könnte sein, dass die Pubertät heute früher einsetzt, wo bereits eines von sieben Mädchen im Alter von acht Jahren Zeichen einer Entwicklung der Brust vorweist."

Warum denken Grundschüler, sich als "heiß" bewerten zu müssen?

Als weiterer Grund wird genannt, dass Kinder heute schneller erwachsen werden möchten. So benehmen sich Grundschüler bereits wie Teenager, ohne jedoch deren geistige Reife zu besitzen, sich über ihr Benehmen in vollem Bewusstsein zu sein.

Zu dieser Reiche zählt auch ein gewissen Empfinden von Empathie. Wie Autorin Carey vermutet: "In einem Zeitalter, in dem Kinder mehr Zeit vor Bildschirmen als mit ihren Freunden verbringen, ist eines der Resultate davon, dass die Kinder keine Social Skills lernen.

Haben unsere Kinder Mitgefühl verlernt?

Ein weiterer Grund für die mangelnde Empathie der Kinder sieht Carey in den Werten, die Kindern in Medien vermittelt werden. Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" oder "Germany's Next Topmodel" zeigen erwachsene Menschen, die mit hämischer, erniedrigender und verletzender Kommentare über andere urteilen und dafür auch noch gefeiert werden.

Dadurch würde Kindern gezeigt, dass Mobbing unterhaltsam ist und wird somit normalisiert, sagt Buchautorin Rosalind Wiseman gegenüber der "Dailymail".

In erster Linie sind es jedoch die Eltern, die verantwortlich dafür sind, ihren Kinder die richtigen Werte zu vermitteln und zu überprüfen, was sie sich wie lange im Fernsehen oder Internet ansehen.

Davon gibt es glücklicherweise noch einige, deren Kinder dann auch die Videos mit folgenden Sätzen kommentierten: "Jeder ist auf seine Art und Weise hübsch. Was ist der Sinn, solche Videos zu machen?", oder "Ich kann nur hoffen, dass du eines Tages verstehen wirst, was das für eine scheußliche Sache ist, die du da machst."

Denn das Internet, das Fernsehen oder Marilyn Manson als Sündenbock anzuprangern, wäre ein wenig zu einfach gedacht und käme dem Begriff "Mobbing" im weitesten Sinne auch schon wieder ganz schön nahe.

Photo gallerySo veränderte sich "der perfekte Körper" in den letzten 100 Jahren See Gallery

Video:

Mobbing: Er wurde sein Leben lang gehänselt. Dann hat eine Kleinigkeit alles verändert



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