WIRTSCHAFT
01/04/2015 11:43 CEST | Aktualisiert 02/04/2015 13:08 CEST

Wandel bei Aldi: 5 Gründe, warum der Discounter schon bald ein ganz anderes Unternehmen sein wird

Deutschlands bekanntester Discounter Aldi steht vor einem tiefgreifenden Wandel
dpa
Deutschlands bekanntester Discounter Aldi steht vor einem tiefgreifenden Wandel

Manchmal sind es nackte Zahlen, die die Erfolgsgeschichte von Unternehmen am besten erzählen. Bei Aldi sind es zwei Prozentwerte. 14,8 Prozent und 22,6 Prozent - die Marktanteile in Deutschland und Großbritannien. Damit gibt der Lebensmittel-Discounter in zwei der wichtigsten Absatzländern Europas den Ton mit an.

Und das, obwohl Aldi viele Trends der Branche lange Zeit einfach ignorierte. Nur ein paar Beispiele: Alle wichtigen Designtrends - eine freundliche Atmosphäre, helles Licht, warme Farben - findet man bis heute in keiner Aldi-Filiale. Auch in technischer Hinsicht ist Aldi Nachzügler. Jahrelang hat es gedauert, bis Kunden mit Karte zahlen konnten. Und im Internet findet Aldi quasi nicht statt - weder in den sozialen Kanälen noch mit einer eigenen Handelsplattform.

Mit einer großangelegten Strategie will sich das Unternehmen nun fit für die Zukunft machen. Und seine Strategie radikal anpassen, ohne treue Kunden zu vergraulen.

Hier sind fünf Gründe, warum Aldi schon bald ein ganz anderes Unternehmen sein wird, als es bislang war:

1. Textilien werden nicht länger mit giftigen Chemikalien produziert

Lidl und Penny haben es vorgemacht. Jetzt geht auch Aldi eine Allianz ein mit einem Partner, der den Discounter immer wieder heftig kritisierte - Greenpeace. Aldi hat sich nun gegenüber der Umweltschutz-Organisation verpflichtet, Textilien mit Giftstoffen aus dem Sortiment zu verbannen.

Hintergrund: In der Vergangenheit hatten Umweltschützer besonders bei Kinderkleidung von Aldi belastende Chemikalien kritsiert.

Das soll sich nun ändern. Es sei ein Kriterienkatalog erarbeitet worden, in dem anspruchsvolle und ökologische Standards definiert worden seien, teilte das Unternehmen in dieser Woche mit. Bedeutet: Bis 2020 sollen nur noch Textilien und Schuhe verkauft werden, die beispielsweise ohne Alkylphenolethoxylaten (APEOs) und per- und polyfluorierte Chemikalien auskommen.

Chemikalien also, die zwar nicht durch das Tragen der Kleidungsstücke schädigen, aber laut Greenpeace an den Produktionsorten in die Abwässer gelangen und „durch das Waschen auch bei uns”. Die Substanzen schädigten nicht nur Fische, sondern auch das Immunsystem und die Fortpflanzung.

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2. Aldi verkauft Lebensmittel künftig auch online

Es ist eine der letzten Bastionen der Branche, die langsam aber sicher zerfällt. Der Verkauf von Lebensmitteln übers Internet.

2014 lag der Gesamtumsatz für Online-Lebensmittel in Deutschland lediglich bei 500 Millionen Euro. Das sind 0,3 Prozent dessen, was die Deutschen pro Jahr für Essen ausgeben.

Die Beratungsgesellschaft EY (ehemals Ernst & Young) geht jedoch davon aus, dass sich das dramatisch ändern wird. 36 Prozent, also mehr als ein Drittel der Deutschen, wird in naher Zukunft bereit sein, Lebensmittel übers Internet zu bestellen. Diesen Wert prognostiziert EY.

Der sich anbahnende Wandel könnte dadurch an Fahrt aufnehmen, dass Aldi in Großbritannien schon bald einen Online-Shop startet.

Diese Strategie ist ein einschneidender Schritt für ein Unternehmen wie Aldi – zumal in einem Zielland, das eine Art Vorbild für den hiesigen Markt ist. Briten haben naturgemäß eine höhere Online-Affinität als Deutsche. Lebensmittel werden dort wesentlich öfter übers Internet geordert. Spannend wird sein, ob auch Aldi mit diesem Verkaufskonzept in Großbritannien erfolgreich sein wird und es womöglich nach Deutschland überschwappt.

Den ersten Schritt hat Aldi jedenfalls getan. Für Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Aldi komplett auf den Internet-Vertriebsweg umstellt. „Kommen sie zu spät, kostet es Umsatz", sagte Hudetz kürzlich in einem Interview mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA.

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3. Aldi setzt verstärkt auf Bio

Bislang spielt Bio in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle: Etwas vier Prozent beträgt der Anteil am Lebensmittelmarkt.

Experten erwarten in naher Zukunft aber einen signifikanten Verkaufsanstieg von Bio-Lebensmitteln. Wolfgang Adlwarth von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) prophezeite jüngst in der „Welt”:

„Die Zahl der Verbraucher, die Wert auf einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil legen, wächst kontinuierlich.”

Das hat offenbar auch Aldi Nord erkannt. In diesem Monat kündigte das Unternehmen an, sein Bio-Sortiment deutlich auszuweiten. In Kürze sollen, so das Versprechen des Unternehmens, über 50 Artikel der Eigenmarke "GutBio" (aus kontrolliert ökologischem Anbau) angeboten werden – fast 70 Prozent mehr als bislang.

Ein drastischer Schritt, der offenbar aber auch nötig war. Denn beim Thema Bio sind Konkurrenten schon deutlich weiter. Wie die „Welt” schreibt, bietet Netto „über 170 ökologisch zertifizierte Lebensmittel" an. Und Norma hat nach eigenen Angaben mehr als 140 dauerhaft geführte Bioprodukte sowie 110 Bio-Aktionsartikel im Sortiment.

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4. Aldi will sich mehr denn je für Tierschutz einsetzen. Kunden sollen sehen, woher ihr Fleisch stammt

Tierische Produkte wie Stopfleber und Hummer sollen aus dem Sortiment verschwinden. Das ist Teil einer neuen Einkaufspolitik, mit der sich der Discounter für mehr Nachhaltigkeit einsetzt.

Sollte sich Aldi an sein Versprechen halten, wäre das eine große Erleichterung für Kunden. Sie könnten dann gleich am Kühlregal oder vor der Kühltruhe überprüfen, aus welchem Land oder aus welcher Region das Fleisch stammt, das sie kaufen wollen. „Lückenlose Rückverfolgung” nennt Aldi Süd das.

Das soll auch für Zulieferer gelten. In einem Statement des Unternehmens heißt es: „Wir erwarten von unseren Food-Lieferanten, dass sie sich bei Forschungs- und Pilotprojekten zur Verbesserung von Tierwohl-Aspekten engagieren oder eigene Projekte anstoßen."

Andere Lebensmittel-Unternehmen, so etwa Lidl und Edeka, setzen auf ähnliche Qualitäts-Konzepte.

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5. Aldi steigt zu einer Weltmarke auf

Aldi erobert die Welt. Diese Überschrift ist nicht übertrieben, wenn man beobachtet, in welch großem Stil Aldi sein globales Filialnetz ausbaut. In Großbritannien betreibt der deutsche Discounter-König etwa 500 Filialen. Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl schon bald verdoppeln wird. Und Aldi selbst macht keinen Hehl, seinen strikten Expansionskurs auch 2015 fortzusetzen.

In seinem Jahresausblick in der FAZ

hatte Aufsichtsratschef Klaus Gehrig bereits die USA ins Visier genommen. „Unter 1000 Filialen fangen wir erst gar nicht an”, hatte er gesagt.

In Großbritannien zählt Aldi laut einer Studie des Verbrauchermagazins "Which" bereits zu den drei beliebtesten Supermarktketten. Die Zuneigung der Briten für Aldi geht sogar soweit, dass sie zur Bedrohung für einheimische Unternehmen wird.

Tesco etwa, seit Jahren nicht wegzudenken von der Spitze des britischen Lebensmittelmarkts, beklagt seit geraumer Zeit deutliche Umsatzeinbußen. Der Marktanteil ist inzwischen unter 30 Prozent gesunken. Einen vergleichbaren Aderlass spürt Sainsbury.

Was für Aldi und gegen Tesco & Co. spricht: Der deutsche Discounter hat eine klar fokussierte Billig-Strategie. Die Konkurrenz dagegen will ein gemischtes Publikum ansprechen. Das ist nicht immer von Vorteil.

„Wir haben von den Kunden gelernt, dass wir britischer werden mussten“, hat Aldi-Co-Chef Matthew Barnes vor nicht allzu langer Zeit dem „Handelsblatt” gesagt. Mit dieser Erkenntnis hat der deutsche Discounter die Bedürfnisse der Verbraucher womöglich besser verstanden als die einheimischen britischen Supermarkt-Ketten.

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