POLITIK
03/03/2015 13:13 CET | Aktualisiert 04/03/2015 10:36 CET

Warum wir uns bei unseren Lehrern entschuldigen wollen

dpa
Warum wir uns bei unseren Lehrern entschuldigen wollen

Deutschlands Lehrer streiken. Und das ist auch gut so. Viele der Beamten sind im Vergleich zu ihren Kollegen schlechtergestellt, die Arbeitsbedingungen stehen vielerorts in keiner Relation mehr zum Gehalt.

Erschöpft, deprimiert, krankgeschrieben - klar ist, dass kaum eine Berufsgruppe so häufig unter Burnout-Symptomen leidet wie Lehrer. Wir sind uns sicher: Auch wir hatten während unserer Schulzeit einen gehörigen Anteil daran, dass unsere Lehrer unter chronischem Stress und psychischen Beeinträchtigungen litten.

Damals hätten wir über diese These gelacht (und die nächste Cola-Wasserbombe gebaut), heute wissen wir: das ist nicht ganz so abwegig.

10 HuffPost-Redakteure haben die Fotoalben ihrer Eltern durchstöbert und erinnern sich mit tiefem Schuldgefühl an ihre Schulzeit:

1. Lea

lea

Sie waren meine Lehrerin in katholischer Religion. Meine Freundinnen und ich konnten weder das Fach noch Ihren Unterricht leiden. Deswegen ließen wir uns für jede Stunde eine neue Gemeinheit einfallen. Was Sie uns wohl am meisten übel nahmen, war der rot angemalte Tampon, den wir in Ihrer Handtasche versteckten.

Oder die aus (sehr hartem) Schultoilettenpapier geformten Bällchen, mit denen wir Sie bewarfen, sobald Sie sich der Tafel zuwandten. Oder der Schneeball, der durch das gekippte (!) Fenster hindurchflog - nebenbei eine sportliche Meisterleistung - und direkt auf Ihrem Tisch landete.

Ich verspreche Ihnen: Das alles hatte nichts mit Ihnen zu tun. Wir lebten in zwei Welten, die sich auf keiner Ebene berührten. Auf wirklich gar keiner. Es tut mir leid, was wir Ihnen alles angetan haben.

2. Gina

gina

In der 9. Klasse hatten wir einen Englischlehrer, den wir nicht leiden konnten. Um Herrn R. zu ärgern, beschlossen wir, die Klassenzimmer ein wenig zu dekorieren und eine Geburtstagsparty für ihn zu schmeißen. Dass er nicht wirklich Geburtstag hatte, war uns relativ egal. Es war übrigens das erste Mal, dass wir uns nicht stritten und als Klasse zusammenarbeiteten. Jeder machte einige Besorgungen.

Schließlich war der Tag gekommen. Wir hatten genügend Konfetti gesammelt, um den gesamten Boden des Klassenzimmers damit zu bedecken. Der buntgesprenkelte Flickenteppich federte schon fast unter den Schuhsohlen. Dazu kamen Luftschlangen, Ballons und natürlich Tröten. Dann tauschten wir die Klassenräume mit den Schülern von Gegenüber.

Als Herr R. kam, stand er in einem Meer von Konfetti vor einer fremden Klasse. Wenige Minuten später polterten wir singend und in Polonaisen-Formation zurück in unser Klassenzimmer. Herr R. verschwand und kehrte in dieser Stunde nicht mehr zurück.

Lieber Herr R., das war nicht in Ordnung. Wir haben kein bisschen darüber nachgedacht, wie es sich für Sie wohl anfühlt, so schikaniert zu werden. Und im Nachhinein tut es mir leid.

3. Jan David

jan david

Weil wir im Englischunterricht ziemlich gelangweilt von der Lektüre eines Buches waren, haben wir jedes Mal, wenn unsere Lehrerin sich zur Tafel gedreht hat, Seiten herausgerissen und uns gegenseitig damit abgeworfen.

Das hat uns damals unverständlicherweise ziemlich viel Spaß gemacht, musste aber zwangsläufig dazu führen, dass – wenn jemand aufgefordert wurde, ein Kapitel vorzulesen – die entsprechenden Seiten fehlten. Die lagen alle auf dem Boden. Es tut mir leid!

4. Chris

chris

Ich erinnere mich an die Tage, an denen wir unfassbaren Spaß dabei hatten, unseren damals schon schlecht hörenden Religions-Lehrer regelmäßig zu verwirren. Seine Schwerhörigkeit fanden wir alle prima und unglaublich nützlich. Denn so war es noch leichter, den Unterricht zu sabotieren. Toll, nicht wahr?

Einmal kletterte ich vor der Stunde auf den Klassenschrank und legte mich flach hin. Die Klopfgeräusche, die ich von dort oben machte, konnte er nicht zuordnen – versuchte aber, seine Verwirrtheit zu unterdrücken (ich muss nicht erwähnen, dass ich mich auf diesem wackeligen Schrank wie der König der Schule fühlte?).

Beim nächsten Mal ließen wir den Wasserhahn 45 Minuten lang auf Hochdruck laufen, neben dem er meistens stand. Es gab ja sonst nix damals. Im Ernst: Es tut mir leid! Wirklich!

5. Kathrin

kathrin

Ich entschuldige mich bei meiner Englisch-Lehrerin, weil meine Banknachbarin und ich immer Bingo gespielt haben. Und zwar mit Wörtern, die unsere Lehrerin ständig verwendet hat, wie: “Shut up”, “What are you doing”, “Put that away”, “Kathrin”...

Wer das Blatt zuerst vollgeschrieben hatte, rief natürlich "Bingo". Das habe ich einmal zu laut gemacht und meine Lehrerin kam auf uns zugerast. Meine Freundin war schlau genug, das “Lirsch-Bingo” schnell zu verstecken. Ich leider nicht. Also hat sie es sich geschnappt und war fassungslos. Diese Fassungslosigkeit manifestierte sich dann in einem Klassenbucheintrag. Das tut mir wirklich Leid, aber Spaß gemacht hat es trotzdem.

6. Sam

sam

Wahrscheinlich sollte ich mich besonders bei meinem damaligen Direktor entschuldigen. Einmal habe ich mich mit ein paar Freunden aus dem Internat geschlichen, um in de nächste Kneipe zu gehen. Wir haben uns ordentlich die Kante gegeben (wir waren natürlich noch nicht volljährig), ein Döner nach der Zecherei hat den Abend abgerundet.

Das Problem war nur: Wie schleichen wir uns wieder zurück ins Internat? Das Gebäude war schon abgeschlossen und es war bereits Nachtruhe. Wir riefen einen Freund an, der uns dann reingelassen hat. Wirklich leise waren wir dabei nicht. Als wir in meinem Zimmer ankamen, wurde mir plötzlich übel. Also so RICHTIG übel.

Und es kam, wie es kommen musste: Der Direktor stand in der Tür, und ich...ja, richtig: Ich übergab mich wie eine Rakete. Seinen lapidareren Kommentar ("Mach es morgen sauber") habe ich heute noch in den Ohren. Es tut mir sehr leid!

7. Ruth

ruth

Ja, das Bild hat mich wahrscheinlich schon verraten: Ich gehörte als Schülerin eher zu den Strebern und habe mich im Unterricht meistens brav und kooperativ verhalten. Ich konnte aber auch richtig fies sein:

Er war mein Lieblingslehrer, ein kluger Mann, der tollen Unterricht machte. Als er mir jedoch auf ein (zugegebenermaßen eher mittelmäßig vorbereitetes) Referat nur mickrige 10 Punkte gab (ich war tödlichst beleidigt), kritisierte ich vor allen Mitschülern aufs Heftigste seinen Unterricht. Langweilig, unproduktiv, zu wenig anschaulich. Zur nächsten Stunde brachte er gefühlt 100 Folien und jede Menge Anschauungsmaterial mit. Und auf mein Referat bekam ich im Nachhinein doch noch 11 Punkte.

Dass ich eine so manipulative Bösartigkeit an den Tag gelegt habe, erstaunt mich noch heute und tut mir ehrlich leid.

8. Tobias

tobias

Ich gehörte früher zu diesen seltsamen Kindern, die tatsächlich gerne in die Schule gegangen sind. Das lag leider nicht immer an euch tollen Lehren, sondern eher an den doch sehr bösen Streichen, die wir damals gespielt haben. Jetzt tut mir das natürlich alles sehr leid.

Ich kann hier nur ein „Worst of“ geben, mir tun aber auch die kleinen Sachen leid. Zum Beispiel die Geschichte mit dem Kakao, mit der Erbsenpistole und natürlich auch die mit der Bombe. Aber lassen wir das und konzentrieren uns auf die großen Schandtaten:

Referendare haben es immer schwer, aber der neue Politik/Sport-Lehrer war ein Sonderfall. Sein sehr niederländisch klingender Name brachte ihm schnell den Spitznamen Sauce Hollandaise ein, der ihm auch gern einmal im Streit an den Kopf geworfen wurde. Im Politik-Unterricht lief alles noch ganz zivilisiert, bis auf einen kleinen Ausrutscher. Einmal sagte eine Mitschülerin etwas, was nicht zum Zusammenhang passte, worauf der auf "immer freundlich bleiben" getrimmte Referendar aber mit einem „Passt nicht ganz zum Thema, ist aber richtig. Super, weiter so.“, antwortete.

Daraufhin kamen dann öfter Antworten, die nicht ganz zum Thema passten, aber richtig waren. „Die Tafel ist grün.“ „Es ist wärmer als gestern.“ „Heute ist übrigens Dienstag“

Jetzt gab es im Sportunterricht diese tolle neue Idee, ein eigenes Spiel zu erfinden. Damals war Korfball ganz groß bei uns, also haben wir die Körbe aufgebaut, einen Ball organisiert und Teams gebildet.

Am Anfang sollten wir drei Regeln festlegen.

1) Wenn der Ball im gegnerischen Korb landet, gibt das einen Punkt.

2) Es darf mit dem Ball in der Hand gerannt werden.

3) Das Spielfeld endet an der Zuschauertribüne.

Diese drei „Regeln“ ließen noch eine Menge Spielraum übrig, die der ständig nette Lehrer aber erst mal so durchgehen ließ. Die erste Spielrunde war dementsprechend eine große Schlägerei, in der mein Team drei Punkte machte.

Nach diesem ersten Durchgang sollte eine vierte Regel hinzukommen:

Es darf nicht mit den Sitzbänken geschlagen werden.

Dass diese Regel nötig war, zeigt vielleicht, wie groß die Schlägerei vorher war. Runde zwei lief schon etwas zivilisierter ab und es nahm niemand eine Sitzbank zur Hilfe. Jetzt mochten wir die gegnerische Klasse nicht so sehr, also schickten wir einen etwas aggressiveren Mitschüler in den Ring, mit der einzigen Aufgabe, die anderen aufzumischen.

Ich glaube das Spiel (oder besser: die Schlägerei) ging noch so lange, bis der ewig nette Lehrer unter nervösen Gesichtszuckungen das Spiel abbrach und uns früher nach Hause schickte.

Zusammenfassend möchte ich mich für all meine Untaten nochmals entschuldigen. Wenn ich zurückblicke, war ich ein schreckliches Kind und ein noch schlimmerer Schüler. Dass ich das irgendwann eingesehen habe und hoffentlich noch rechtzeitig die Notbremse gezogen habe, verdanke ich den geduldigen Lehrern. Irgendwann hatte ich mich ausgetobt und erkannt, dass die Lehrer nicht der Feind waren.

Daher vielen Dank und: Es tut mir leid. Wirklich!

9. Gunda

foto

In der 10. Klasse bekamen wir eine neue Kunstlehrerin. Frau W.

Frau W. war eigentlich ganz nett. Aber dafür kam sie aus dem Saarland. Auch das hätten wir ihr noch nachgesehen, wenn sie nicht auch noch so gesprochen hätte. Kleine Kostprobe: Als wir im Kunstunterricht “Farben” und “Formen” durchnehmen sollten, war es uns einfach nicht möglich zu erkennen, worum es gerade ging. Denn Frau W. sagte zu allem “Fo-ahm”. Wir dann: “Frau W., meinen Sie “Farben” oder “Formen”?” Frau W. “Na, die Fo-ahm.”

Schwierig. Außerdem war Frau W. technisch nicht die Versierteste. Das äußerte sich immer dann, wenn sie uns einen Film zeigen wollte. Es ging schon kompliziert los wenn Frau W., die zudem auch sehr klein war, den riesigen Fernsehschrank nur mit Unterstützung der Jungs aus der dritten Reihe vor die Tafel schieben konnte. Ihre Probleme gingen weiter mit der Stromversorgung und dem “An/Aus”-Knopf.

Aber eines Tages dann, brachte David S. seine neue Infrarot-Uhr mit in die Schule. Und dann wurde es richtig lustig.

Denn mit der Uhr konnte man den Fernseher bedienen. Jedes Mal, wenn Frau W. also den Film endlich ans Laufen gekriegt hatte, funkte David S. dazwischen und stellte den Fernseher wieder aus.

Da wir alle eingeweiht waren, erklärten wir also Frau W., wie sie das Problem am Besten lösen könne: “Der Fernseher ist überhitzt! Sie müssen Luft zufächern!” Und Frau W. sprang und hüpfte und fächerte was das Zeug hielt. Mit Erfolg, denn der Fernseher ging natürlich irgendwann wieder an. Das tut mir heute leid. Ein ganz kleines bisschen.

10. Ben

In der Biostunde in der 6. Klasse haben wir eine Art Mühlstein an der Tafel festgebunden, der bestimmt 20 bis 30 Kilo wog und der die Tafel immer auf dem niedrigsten Stand gehalten hat. Problem war natürlich, dass man oben zwar noch halbwegs normal an die Tafel schreiben konnte, unten aber nur noch gebückt oder in der Hocke. Da wir eine Biolehrerin hatten, hat sie den schweren Stein natürlich auch nicht abbekommen und keiner hat ihr geholfen.

So musste sie die ganze Stunde in der Hocke an die Tafel schreiben, die hinteren Reihen haben das Geschriebene natürlich nicht gesehen und der Tumult war groß. im Nachhinein beeindruckend: die Lehrerin hat das (äußerlich zumindest) recht gleichgültig aufgenommen.

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