POLITIK
03/03/2015 04:02 CET | Aktualisiert 03/03/2015 09:34 CET

"Hart aber fair" und der Gleichstellungs-Trashtalk: "Der sieht schon so gendermäßig aus"

Gleichstellungs-Trashtalk bei "Hart aber fair": "Der sieht ja eh schon so gendermäßig aus"
ARD
Gleichstellungs-Trashtalk bei "Hart aber fair": "Der sieht ja eh schon so gendermäßig aus"

Geschlechtsneutrale Toiletten, Frauenquote für Ampelmännchen, Jungs, die mit Puppen spielen - unter dem Begriff "Gender Mainstreaming" fordern viele Politiker seit einigen Jahren eine Art Umerziehungsprogramm für Männer und Frauen. Erlernte Geschlechterrollen sollen aufgeweicht, die Gesellschaft soll toleranter werden.

Befindet sich Deutschland mitten im Gleichheitswahn? Und wird das Verhältnis von Mann und Frau bald zur Staatsräson? Das waren die Fragen, die Frank Plasberg am Montagabend mit seinen Gästen bei "Hart aber fair" diskutierte.

"Kubicki ist genau der Typ Mann, auf den ich stehe"

Die Fronten waren gleich zu Beginn der Sendung geklärt. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter und Autorin Anne Wizorek (Initiatorin der "#Aufschrei"-Debatte gegen Diskriminierung von Frauen auf Twitter) bildeten eine Art ideologisches Tandem gegen die Gender-Nörgler um FDP-Vize Wolfgang Kubicki, Publizistin und Feminismus-Gegnerin Birgit Kelle ("GenderGaga: Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will") sowie Schauspielerin Sophia Thomalla ("Kubicki ist genau der Typ Mann, auf den ich stehe“), die es zustande brachte, 75 Minuten lang durch Augenrollen und niveauloses Herumgegacker aufzufallen.

Thomallas These gleich zu Beginn: "Wer gegen Sexismus wettert, hat noch nie ein Kompliment bekommen." So mancher Zuschauer dürfte sich da bereits gefragt haben, ob das noch Polit-Talk oder schon Realsatire ist.

Doch die steilen Thesen hatten am Montagabend Hochkonjunktur. Kubicki, der im Übrigen Ampelfrauen und Unisex-Toiletten für "überflüssig und lächerlich" hält, erklärte, es gebe nun einmal biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen, damit müsse man sich abfinden. Sein Hund etwa habe vom ersten Tag an das Bein gehoben zum Pinkeln, erklärte der FDP-Politiker mit Macho-Attüde.

Kubicki versicherte außerdem zu wissen, dass Männer von Haus aus eher zu Konkurrenz und Aggressivität neigen als Frauen. Ein Sinn für Wettbewerb als wesentlicher Unterschied zwischen Männern und Frauen? Eine der vielen Thesen, die der Biologe Hofreiter so nicht stehen lassen wollte.

"Wenn sie Ärzte sagen, denken Sie an Männer"

Der Grünen-Politiker warf den Begriff das „generische Maskulinums“ in die Runde, darunter versteht man Begriffe, die man vermeintlich selten mit Frauen verbindet. „Wenn Sie Ärzte, Politiker und Studenten sagen“, so Hofreiter, „denken Sie immer an Männer", kritisierte er. Mit seiner Forderung nach mehr geschlechterneutralen Begriffen im Alltag war Hofreiter spätestens da so etwas wie ein sozialpolitischer Outlaw in der Runde.

Schon zu Beginn der Sendung pöbelte Kubicki, der Grünen-Politiker sehe ja sowieso schon "so gendermäßig" aus. Zuvor hatte Plasberg von seinem Zettel abgelesen, dass Hofreiter zu Hause gerne Pralinen mache. "Das ist typisches Macho-Gehabe", konterte Hofreiter Kubickis Seitenhieb.

Während Schauspielerin Thomalla die Runde wissen ließ, dass sie von diesem ganzen "Schwachsinn noch nie etwas gehört" habe (sie meinte die Debatte um geschlechterneutrale Wortendungen), versuchte sich Kelle in einer persönlich motivierten Gesellschaftskritik. Sie sorge sich um die Zukunft ihrer Söhne, ließ die konservative Journalistin wissen. Der Grund: Seit Jahren würden die Mädchen bevorzugt.

Und überhaupt: "Was ist schlimm daran, ein Mädchen Mädchen sein zu lassen und einen Jungen einen Jungen?", fragte Kelle in die Runde. Sie sehe auch nicht ein, weshalb grammatikalisches Deutsch nicht mehr reichen soll, erklärte sie - einer der vielen Seitenhiebe auch die stets gefasst und souverän wirkende Feminismus-Befürworterin Wizorek. Die hatte zuvor wie Hofreiter dafür plädiert, sogenannte "Gender Gaps" in der geschriebenen Sprache zu etablieren. Aus "Studenten" sollen so etwa "Student_innen" werden.

Kubicki: "Zahlen des Statistischen Bundesamts sind falsch"

Leute, die so etwas fordern, hätten etwas geraucht, entgegnete Kubicki, der sich an vielen Stellen selbst demaskierte. Zahlen und Fakten spielten für den FDP-Politiker keine Rolle, wenn es um Gleichberechtigung geht, das wurde ziemlich schnell klar. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur unterschiedlichen Bezahlung von Mann und Frau bezeichnete er schlichtweg als „falsch".

Über die Gleichstellung von Mann und Frau im Alltag, über Karrierechancen von Frauen muss man im Jahr 2015 diskutieren, das ist traurig genug. Erschreckender ist jedoch die Tatsache, dass die Debatten auf einem Niveau geführt werden, die jegliche Lösungsansätze im Keim ersticken. Plasbergs Runde ist der Beweis.

Als gegen Ende der Sendung ein Bild von Kubicki eingeblendet wurde, auf dem der FDP-Politiker seiner Parteikollegin Katja Suding vermeintlich auf die Brüste schaut, bemühte sich Thomalla noch einmal um einen konstruktiven Beitrag. Angesprochen auf Sexismus im Alltag sagte sie:

"Ich bin halt so auf die Welt gekommen. Ich habe nun mal zwei Brüste. Damit habe ich kein Problem." Besser hätte es Kubicki auch nicht sagen können.

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