POLITIK
02/03/2015 05:43 CET | Aktualisiert 02/03/2015 06:51 CET

Reaktionen auf dem Nemzow-Mord: "Eine Gesellschaft, in der ein kalter Bürgerkrieg aufkeimt"

Reaktionen auf dem Nemzow-Mord: "Eine Gesellschaft, in der ein kalter Bürgerkrieg aufkeimt"
dpa
Reaktionen auf dem Nemzow-Mord: "Eine Gesellschaft, in der ein kalter Bürgerkrieg aufkeimt"

Der Mord an dem russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow hat nicht nur in Russland große Wellen geschlagen. Das Attentat bewegt Menschen in aller Welt - und das zu Recht.

"Es war nicht die Opposition, die sich gestern in Moskau zu einem machtvollen Trauermarsch versammelte", schreibt "Zeit Online". "Es waren verstörte und verängstigte Menschen, die ernsthaft ihre letzte Würde zu verteidigen suchten. Sie haben verstanden, dass mit dem Mord am oppositionellen Politiker Boris Nemzow eine neue rote Linie überschritten wurde."

"Psychologische Grenze überschritten"

Ähnlich sehen es russische Medien. Die Moskauer Tageszeitung "Wedomosti" sieht in dem Attentat eine Zäsur: "Mit dem Mord an Boris Nemzow an den Mauern des Kreml am 27. Februar ist eine psychologische Grenze überschritten, nach der Russland zwangsläufig ein anderes Land sein wird. Es gibt einen Übergang vom Hass zur Angst. Der Mord an Nemzow ist nicht einfach nur ein großes politisches Verbrechen. Es ereignet sich zu einem Moment, da in der Gesellschaft ein kalter Bürgerkrieg aufkeimt."

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Boris Nemzow war der Stachel im Fleisch des mächtigen Putin-Clans, schreibt "Focus Online": "Immer wieder provozierte der Draufgänger. „Putin ist gefickt“, soll er sogar gesagt haben - vor laufenden Kameras. Und bereute es sogleich, denn er war überzeugt: Mit diesem Satz hatte er sich selbst sein Todesurteil ausgesprochen."

"Eine Weisung Putins war für dem Nemzow-Mord nicht nötig"

Eine Gesellschaft im Ausnahmezustand: "Nemzows Äußerungen und Enthüllungen waren in einer Tyrannei wie dieser wohl Grund genug dafür, dass sich Freiwillige fanden, um ihn zum Verstummen zu bringen", schreibt die Budapester Tageszeitung "Nepszabadsag": "Eine Weisung Putins war dafür nicht nötig, denn er hat ein Regime geschaffen, in dem derlei Dinge passieren. Ein System mit einem Staatsapparat, den die ehemaligen sowjetischen Machtorgane beherrschen, mit Milliarden Dollar schweren Oligarchen und mit willfährigen Exekutivorganen."

Damit trägt Putin eine Mitschuld. Das sieht auch die "Neue Zürcher Zeitung" so: "Der Kremlchef kann seine Hände nicht in Unschuld waschen. Er hat ein Klima des übersteigerten Nationalismus geschürt, in dem überall Staatsfeinde und "fünfte Kolonnen" vermutet werden."

"Atmosphäre der Einpeitschung durch vom Kreml gelenkte Medien"

Kaum jemand vermutet, dass Putin den Auftrag an dem Mord gegeben hat, er hat lediglich das Klima dafür geschaffen, in dem solche Taten möglich werden, meinen Beobachter. "Das Attentat auf Nemzow ist ein Produkt des militarisierten Kreml-Vokabulars, nach dem jeder, der Putin kritisiert, ablehnt oder nicht an ihn glaubt, als Verräter der Nation gilt. In einer solchen Atmosphäre der Einpeitschung durch vom Kreml gelenkte Medien findet sich leicht ein bereitwilliger Schütze."

Medien in aller Welt zollen dem ermordeten Politiker Respekt: "Boris Nemzow war etwas ganz Besonderes, weil er Format und einen Mut hatte, den er trotz seiner Machtlosigkeit bewahrt hat, und weil er die Hoffnung auf eine Alternative zu Putins Kreml symbolisiert hat", schreibt die dänische Tageszeitung "Politiken".

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