POLITIK
02/03/2015 11:58 CET | Aktualisiert 05/03/2015 10:26 CET

Antisemitismus an deutschen Schulen: Wenn "Jude" zur Beleidigung wird

Antisemitismus an deutschen Schulen: Wenn Jude zur Beleidigung wird
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Antisemitismus an deutschen Schulen: Wenn Jude zur Beleidigung wird

Hakenkreuzschmierereien an Synagogen, Judenhetze auf Demonstrationen, Schändung jüdischer Friedhöfe: 75 Jahre nach dem Holocaust herrscht in Deutschland wieder ein offen ausgelebter Hass auf Juden.

Dass das nicht nur ein vages Gefühl ist, belegen aktuelle Zahlen der Bundesregierung. Die erschreckende Erkenntnis: Die Zahl antisemitischer Straftaten hat im vergangenen Jahr in Deutschland stark zugenommen. Wurden 2013 noch 788 Fälle registriert, waren es im vergangenen 864 - ein Anstieg um rund zehn Prozent.

Jude wird immer mehr zum Schimpfwort

Und auch auf deutschen Schulhöfen wird das Wort Jude immer mehr als Schimpfwort benutzt. Das wurde am Wochenende beim jüdischen Jugendkongress in Berlin deutlich, an dem auch Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen teilnahm.

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Mittlerweile gehe das Hetzen gegen jüdische Schüler vor allem durch arabische Kinder so weit, "dass die Betroffenen die Regelschule verlassen und auf eine jüdische Einrichtung wechseln", lautete nach Informationen der "Frankfurt Allgemeine Zeitung" eine der Erkenntnisse des Kongresses.

Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat bestreitet jedoch, dass die Angriffe hauptsächlich von arabischstämmigen Kindern ausgehen. Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Berlin sei in den vergangenen Jahren zwar gestiegen - die Täter stammten aber zu 90 Prozent aus der rechtsextremen Szene, sagte Kolat kürzlich im rbb. "Im Jahr 2013 kamen von acht antisemitischen Übergriffen sieben von rechts, und nur einer von einem Ausländer. Das Problem lässt sich nicht auf Muslime fokussieren", erklärte Kolat.

Dass es Personen gebe, die sich von einer Kippa oder Davidsternen provoziert fühlten, sei Realität, sagte Maaßen beim Kongress. „Darüber muss man sich einfach im Klaren sein, und man sollte sich in solchen Gegenden entsprechend verhalten“, sagte er.

Tragen einer Kippa als Provokation?

Zuletzt hatte auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Alarm geschlagen. Leider gebe es, 70 Jahre nach der Shoa, einzelne Bezirke in deutschen Städten, in denen das Tragen einer Kippa oder einer Halskette mit Davidstern als Provokation empfunden werde und der Grund für Angriffe sein kann, sagte Schuster vor wenigen Tagen.

Das gilt mittlerweile offenbar auch für deutsche Schulen. „Aufgrund konkreter Fälle von Mobbing und eines allgemeinen Klimas antijüdischer Anfeindungen gehen daher einige Schüler lieber zu jüdischen und nichtöffentlichen Schulen“, hatte Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee in Berlin, zuletzt der "Bild am Sonntag" gesagt.

Wegen Mobbing die Schule gewechselt

Die "FAZ" berichtet von einem jüdischen Jugendlichen aus Berlin, der von einer staatlichen auf eine jüdische Oberschule wechselte - weil seine Mitschüler ihn, vermutlich wegen seiner Religionszugehörigkeit, gemobbt hatten.

Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD), hatte zuletzt gesagt, dass man sich in Berlin überall frei bewegen könne.

Dennoch: Berlins jüdische Gemeinde, immerhin die größte in Deutschland, fürchtet sich vor Übergriffen. Erst vor kurzem hatten sich die Verantwortlichen der Zeitung "Jüdisches Berlin" dazu entschlossen, ihr Blatt nur noch in neutralen Umschlägen zu versenden.

Niemand soll wissen, dass die Empfänger Juden sind.

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