POLITIK
01/03/2015 05:56 CET | Aktualisiert 01/03/2015 07:24 CET

Putin-Freund Kadyrow: Westliche Geheimdienste haben Nemzow ermordet

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Putin-Freund: Westliche Geheimdienste haben Boris Nemzow ermordet

Wer hat Kremlkritiker Boris Nemzow in der Nacht von Freitag auf Samstag hinterrücks erschossen? Oder vielmehr: erschießen lassen? Auf diese Frage werden derzeit viele verschiedene Antworten gegeben, je nachdem, wen man fragt.

Und was bedeutet dieser Meuchelmord? Darauf gibt es nur eine Antwort: Es ist eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die die ohnehin extrem aggressive Stimmung noch gefährlicher macht.

Boris Nemzov galt Demokraten früher als dieHoffnung. Boris Jelzin hatte ernsthaft erwogen, den Physiker als Nachfolger einzusetzen. Und sich dann doch für den Geheimdienstler Wladimir Putin entschieden. Es war eine Entscheidung gegen die Liberalisierung und Demokratisierung, für den autoritären Staat. Nemzov blieb nur die Opposition.

50.000 Menschen zum Trauermarsch für Nemzow erwartet

Die „Welt am Sonntag“ schreibt, zwar seien bereits mehrere Oppositionelle ermordet worden, die Journalistin Anna Politkowskaja, der Anwalt Stanislaw Markelow, der ExAgent Alexander Litwinenko, aber: „Zum ersten Mal wurde in Russland ein Politiker von solchem Format umgebracht.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ merkt dagegen an, Nemzov habe keinen „nennenswerte Anhängerschaft“ gehabt. Immerhin hatte die Opposition für diesen Sonntag eine Demonstration gegen Putins Politik in Moskau organisiert – die allerdings nicht im Stadtzentrum, sondern am Stadtrand hätte stattfinden dürfen. Die Kundgebung fällt nun aus. Sie wird durch einen Trauermarsch für Nemzow ersetzt – der nun doch im Herzen der Stadt abgehalten werden darf. 50.000 Menschen werden erwartet.

In der Ukraine-Krise hatte sich Nemzow gegen Putin ausgesprochen. Eine tödliche Entscheidung. Sie brachte ihn wieder in den Fokus – und zwar aller Kriegsparteien.

War der Mörder vom Kreml bestellt?

Die Opposition vermutet, der Kreml habe Nemzow ermorden lassen. Dafür spricht, dass Putin keine Gegnerschaft duldet und eine tödliche Warnung an seine Gegner gerade jetzt Sinn ergäbe. Dafür spricht, dass Nemzow als bekannter Oppositioneller höchstwahrscheinlich überwacht wurde und sich die Tat laut „Welt am Sonntag“ in Reichweite der Überwachungskameras des Kremls abspielte - die Geheimdienste also wissen müssten, wer da hinter ihm her war – aber angeblich keine Ahnung haben. In diesem Zusammenhang wirkt es wenig vertrauenerweckend, dass Putin versprach, die Ermittlungen persönlich zu überwachen.

Pro-russische Separatisten hätten ebenfalls Mord-Interesse

Ausschließen kann man natürlich auch, dass pro-russische Separatisten aus der Ukraine genug von Nemzows Kurs hatten. Auch wenn das nicht besonders wahrscheinlich ist, da sie sich eigentlich darauf verlassen können, dass Putin seine Gegner schon nicht zu stark werden lassen wird .

Hat die ukrainische Regierung die Finger drin?

Der Kreml weist erwartungsgemäß alle Vorwürfe zurück. Putins Sprecher Dmitri Peskow spricht von einer „Provokation“. Das heißt: Der Kreml unterstellt allen möglichen Gegnern, Nemzow gemeuchelt zu haben, um die Schuld dem Kreml in die Schuhe zu schieben und seine Position im Konflikt zu schwächen. Da wäre natürlich die ukrainische Regierung ein Hauptverdächtiger. Die Regierung, die gerne vom Westen Waffen im Kampf gegen Putin hätte und bislang nicht bekommt.

Putins Freund verdächtigt westliche Geheimdienste des Anschlags

Oder der Westen, der sich gegen Putin stellt. Der Präsident Tschetscheniens, Ramzan Kadyrov, der als Freund Putins gilt, bezeichnete im russischen Sender „Russia Today“ westliche Geheimdienste als die eindeutig Schuldigen.

Islamisten aus dem Kaukasus?

Der Kreml bringt außerdem Islamisten als Schuldige ins Spiel: Nach Fernsehberichten fanden die Ermittler möglicherweise das Fluchtauto. Der TV-Sender Rossija 24 zeigte das weiße Fahrzeug mit einem Nummernschild der Teilrepublik Inguschetien, die im islamisch geprägten Konfliktgebiet Nordkaukasus liegt. Islamisten kämpfen dort für ein unabhängiges Emirat – was Putin keinesfalls zulassen will. Sie hätten ein Interesse daran, Putin in Misskredit zu bringen. Der Kreml bringt allerdings die These ins Spiel, Islamisten hätten Nemzow wegen seiner Haltung zu den Anschlägen auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" im Visier.

Die Londoner Zeitung „The Observer“ kommentiert wie viele andere große Blätter, dass es höchst wahrscheinlich ist, dass der Schuldige in diesem Mordfall nie gefunden werden wird.

Damit bleibt die Situation brandgefährlich: Putin kann die Situation nutzen, um unter dem Deckmantel der Sicherheit die Opposition noch stärker zu unterdrücken. Einige Beobachter fürchten eine gewaltige neue Repressionswelle wie sie bereits mehrmals in der Geschichte Russland zu beobachten war.

Putins Gegner können weiter argumentieren, dass Putin zu allem fähig sei. Dass er außer Gegengewalt keine Sprache versteht. Was letztlich ein Argument für eine weitere Militarisierung wäre.

Mit Material von dpa


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