POLITIK
18/01/2015 23:24 CET | Aktualisiert 19/01/2015 11:56 CET

Pegida bei Günther Jauch: Blamable Talk-Sendung wird zur Werbeveranstaltung für "Islamisierungsgegner"

Im Gespräch mit Pegida gerät Günther Jauch ins Schwimmen
Screenshot ARD Mediathek
Im Gespräch mit Pegida gerät Günther Jauch ins Schwimmen

Es hätte ein echtes Fernsehereignis werden können: Endlich stellt sich mit Kathrin Oertel eine der führenden Figuren der Pegida-Bewegung den Fragen eines Journalisten. Eine große Chance für Günther Jauch und die Öffentlichkeit im Allgemeinen: Endlich wäre eine kritische Diskussion mit der Gruppe möglich gewesen.

Jauch wirkte schlecht vorbereitet und passiv

Was aber am Sonntagabend tatsächlich über die Bildschirme flimmerte, war eine Blamage für den ARD-Talkmaster. Viel zu lässig ließ er seine Gäste agieren, insbesondere Oertel. Jauch wirkte schlecht vorbereitet und bemerkenswert passiv. Wo der gelernte Journalist nachhaken und für Klarheit hätte sorgen können, blieb er oft stumm. So macht man selbst schwache Argumentationen stark.

Bereits zu Beginn der Sendung bekam Oertel unwidersprochen die Gelegenheit, einige recht fragwürdige Statements zu machen. Die Pegida-Mitorganisatorin sagte etwa, dass sie sich durch eine kurdische Demonstration auf der Prager Straße in Dresden veranlasst sah, dem Protest gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“ ihre Stimme zu geben. Die kurdischen Demonstranten hätten damals gefordert, dass die Bundesregierung Waffen an die PKK liefern solle.

Selbstdarstellung als "Frau aus dem Volk"

Man kann zum militärischen Engagement Deutschlands im Nordirak sicherlich geteilter Meinung sein. Kurios ist Oertels Statement aber allein schon deswegen, weil die PKK besonders in Syrien eine zentrale Stellung im Kampf gegen den Islamischen Staat einnimmt. Sind es nicht gerade die ISIS-Terroristen, gegen die jeden Montag in Dresden Stimmung gemacht wird?

Auch die Selbstdarstellung Oertels als „Frau aus dem Volk“ und die Darstellung der Pegida-Demonstranten als „ganz normale Bürger“ wäre sicherlich eine Nachfrage wert gewesen. Es ist beispielsweise kein Geheimnis, dass die örtliche Hooliganszene schon sehr früh bei den Protesten präsent war. Mehrmals wurden gewalttätige Angriffe auf linke Protestgruppen publik. Darüber hinaus: Schlagen „ganz normale Bürger“ tatsächlich seit Wochen auf Fernsehkameras ein und bedrohen Medienvertreter?

Und: Von welchem „Volk“ spricht Oertel? Es blieb schon gleich zu Beginn der Eindruck, dass die Pegida-Frontfrau kritikfrei ihre Sicht der Dinge verbreiten konnte: Dass nämlich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung genauso denkt wie sie. Die Straße spricht da eine andere Sprache: Bundesweit besuchten vergangenen Montag über 100.000 Gegendemonstranten Anti-Pegida-Veranstaltungen, gut viermal so viele Menschen, wie Pegida selbst mobilisieren konnte.

Wo war die Dokumentation der Hetzreden?

Später distanzierte sich Oertel von Pegida-Demonstranten, die pauschal gegen „Ausländer“ wetterten. Aber was tut Pegida eigentlich, um sich solcher „Unterstützer“ zu entledigen? Frank Richter von der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung sagte richtig, dass es Hetzreden bei Pegida-Demonstrationen gab, in denen es etwa gegen Asylbewerberheime und angebliche Anzeichen für eine „Islamisierung“ ging. Zum Teil stand Oertel daneben und klatschte Beifall. Wäre es zu viel verlangt von der Jauch-Redaktion, solche Mitschnitte für die Sendung vorzubereiten?

Der Fehler liegt dabei nicht bei Kathrin Oertel. Aus Sicht der Pegida-Bewegung machte sie einen ordentlichen Job: Sie vertrat ruhig und sachlich den Standpunkt ihrer Mitstreiter. Aus journalistischer Sicht jedoch waren schon die ersten Minuten der Anfang eines diskursiven Totalschadens.

Denn Journalisten haben in einer Demokratie keinesfalls den Job, Standpunkte ungefiltert und kaum hinterfragt darzustellen. Wäre das so, machten sich die Medien zu PR-Kanälen für politische und wirtschaftliche Interessengruppen.

Gaulands Ausfall

Unerträglich wurde es, als der brandenburgische AfD-Chef Alexander Gauland seine Sicht auf das von der Dresdner Polizei ausgesprochene Demonstrationsverbot kundtun durfte. „Es ist der Beginn der Islamisierung, wenn wir ein großes Grundrecht, das uns sehr wichtig ist auf diese Weise nicht mehr ausüben dürfen.“

Zum Glück widersprach ihm der CDU-Politiker Jens Spahn, der abermals eine sehr ordentliche Figur in einer politischen Talkshow machte. Völlig zurecht merkte er an, dass die Entscheidung der Polizei durch eine Drohung radikaler Islamisten zustande kam, und dass dies nichts mit der Gesamtheit der Muslime in Deutschland zu tun habe. „Man kann von Herrn Gauland erwarten, dass er es sich nicht so billig macht.“

Oertel redete später von angeblichen „Tabus“. Man habe nicht über „Migranten“ reden dürfen. Es gehört zum Selbstverständnis von Rechtspopulisten, sich als „Unterdrückte“ des „Meinungsterrors“ zu stilisieren. Auch hier war es Jens Spahn, der dankenswerterweise den Namen „Sarrazin“ in die Runde warf. Natürlich wurde in Deutschland über Migranten diskutiert, auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen.

Absurde Argumentationslinien der Pegida-Frontfrau

Einige Male glitt Oertels Argumentationslinie ins Absurde ab. Angesprochen auf das stattliche Vorstrafenregister von Pegida-Begründer Lutz Bachmann, der sich einer knapp vierjährigen Haftstrafe wegen einer Einbruchserie durch eine zwei Jahre andauernde Flucht nach Südafrika entzog, verwies sie auf Cem Özdemir, der zur Zeit Ärger mit der Justiz wegen einer Cannabis-Pflanze hat, die in einem „Ice Bucket Challenge“-Video zu sehen war. Dass Özdemir deshalb wohl allenfalls eine Geldstrafe zu erwarten hat, unterschlug Oertel wohlfeil.

Bei anderer Gelegenheit rechtfertige Oertel die Proteste gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ im weitgehend islamfreien Sachsen damit, dass ja auch in Deutschland gegen die Abholzung des Regenwaldes protestiert würde, obwohl es in Deutschland keinen Regenwald gibt. Abgesehen davon, dass der Vergleich reichlich schief ist: Oertel erklärt damit keineswegs, worin ihre Angst nun tatsächlich besteht. Hat sie Angst vor Kurden? Vor Menschen mit schwarzen Haaren? Auch hier blieb Jauch wieder bemerkenswert wortkarg. Außer einer spitzen Bemerkung fiel ihm nichts ein.

Vielleicht ist es ja so, dass jeder Moderator seine Zeit hat. Jauch passte wunderbar in die Wohlfühldemokratie der ersten beiden Merkel-Legislaturperioden, wo Politik zeitweise eher Entertainment als Ideenstreit war. Mit dem hitzigen Debattenklima, das spätestens seit Anfang 2014 in Deutschland herrscht, ist Jauch jedoch offensichtlich heillos überfordert. Es passierte am Sonntag, was nie hätte passieren dürfen: Jauch ließ zu, dass seine Sendung streckenweise zu einer Werbeveranstaltung für Pegida wurde.

Video: Unterhaltsam und aufschlussreich: Diese Grafiken lassen Pegida ziemlich blöd aussehen

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