WIRTSCHAFT
13/01/2015 04:45 CET | Aktualisiert 22/05/2015 06:26 CEST

ARD, ZDF und der Rundfunkbeitrag: So würde das deutsche Fernsehen ohne Rundfunkgebühr aussehen

Die Diskussion ist Jahrzehnte alt. Seit Jahrzehnten werden dieselben Argumente ausgetauscht. Der Rundfunkbeitrag an ARD und ZDF sichere die Qualität in Fernsehen und Radio, sagen die einen. Ein gebührenfinanziertes öffentlich-rechtliches System sei längst aus der Zeit gefallen, sagen die anderen.

Aktuell ist wieder neuer Schwung in die Debatte gekommen. Berater von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kommen in einer Berechnung zu dem Schluss, dass die Versorgung der öffentlich-rechtlichen Programme “weit überdurchschnittlich” sei.

Hintergrund: Die Sendeanstalten kassieren jährlich knapp sieben Milliarden Euro durch den Rundfunkbeitrag. In keinem anderen Land Europas müssen die Menschen eine so hohe Summe entrichten. In Deutschland zahlt jeder Haushalt monatlich 17,98 Euro.

Schäubles Berater plädieren deshalb für eine Abschaffung des Beitrags in seiner jetzigen Form.

Diese Forderung ist alles andere als bindend. Sie ist dennoch Wasser auf die Mühlen vieler Zuschauer, wie die Mehrheit der Kommentare im Netz zeigt.

Doch wie genau soll deutsches Fernsehen ohne Rundfunkgebühr überhaupt aussehen? Diese Frage hat die Huffington Post mit einigen Medienexperten erörtert.

Werden ARD und ZDF bald eins?

Journalist und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar (“Die Nimmersatten”) gilt als großer Kritiker von ARD und ZDF. Er fordert eine radikale Entschlankung des öffentlich-rechtlichen Programms. Der Huffington Post sagte er:

“Ich bin für die Abschaltung verschiedener Kanäle. Warum braucht man zwei große Sendeanstalten? Warum können ARD und ZDF nicht zu einem Sender verschmelzen?”

Außerdem plädiert Siebenhaar dafür, die Landesrundfunkanstalten zu reduzieren.

“Vier große Landesrundfunkanstalten im Bundesgebiet. Das reicht aus. Mit einer solchen Verschlankung können sich die Sender auf die Aufgaben konzentrieren, die die Privaten nur unzureichend erfüllen.”

Was Siebenhaar meint: In den vergangenen Jahren haben ARD und ZDF viele Spartenkanäle aufgebaut, in denen Zweit-, Dritt-, häufig sogar Viertverwertung stattfindet. Für Kritiker wie Siebenhaar steht fest: “Diese Dinge braucht kein Mensch.”

Seine Vorstellung vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Zukunft: Ein Grundpaket an wenigen Sender. ARD, ZDf, arte, 3sat und ein Regionalsender. Dafür zahlt der Zuschauer zehn Euro pro Monat.

Wer meint, in Bayern auch noch den MDR oder Kanäle wie Einsfestival oder ZDF.info sehen zu müssen, bucht ein Zusatzpaket - gegen Extragebühr. So stellt sich Siebenhaar das vor.

Was die unzähligen Spartensender angeht: Sie waren von Anfang an nicht durch Quote gedeckt. Der Marktanteil lag mitunter weit unter einem Prozent, für Marktanalysten kaum messbar.

Die GEZ - eine Lebensversicherung für ARD und ZDF

Die Öffentlich-Rechtlichen hat das lange nicht gekümmert. Es gab ja die GEZ. Sie war und ist eine Art Lebensversicherung für ARD und ZDF. Und seitdem die abgeschafft wurde, ist es der Rundfunkbeitrag.

Eine Leistungskontrolle, das werfen selbst Insider und Mitglieder den Sendeanstalten vor, hat kaum mehr stattgefunden in den vergangenen Jahren.

Inzwischen spricht sogar WDR-Intendant Tom Buhrow offen von einer systematischen Neuausrichtung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Kritiker wie Siebenhaar gehen weiter. Sie fordern, dass sich ARD und ZDF mit ihren Programmen endlich an den Bedürfnissen ihrer Nutzer orientieren sollen.

“Das jetzige Rundfunkfinanzierungssystem stammt aus der analogen Zeit. Es kann nicht angehen, Bürger in ein Zwangssystem zu stecken, bei dem sie für alles zahlen müssen und tatsächlich nur einen Bruchteil sehen.”

Viele Zuschauer konsumieren Fernsehen heute nicht mehr über ein analoges Endgerät - so wie früher. Sie sind längst auf Video-on-demand umgestiegen. Laut einer Online-Studie von ARD und ZDF haben bereits 36 Prozent der Internet-Nutzer Erfahrung mit dieser Technik gemacht.

Zuschauer schauen wann sie wollen und was sie wollen

Das bedeutet: Sie konsumieren Inhalte unabhängig von Ausstrahlungstermin und stationärem Endgerät. Sie schauen dann Fernsehen, wann sie wollen. Und was sie wollen.

Viele fordern deshalb ein Gebührensystem nach dem Modell pay-per-view: Ich zahle nur für das, was ich auch ansehe.

ARD und ZDF rechtfertigen die Pauschalgebühr derweil mit ihren Inhalten. Informations- und Bildungsprogramme sicherten die Qualität im Rundfunk, so argumentieren viele, die einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt entstammen.

Und genau da setzt Siebenhaars Fundamentalkritik an. Er ist der Meinung:

“In Zeiten eines Informations-Overkills im digitalen Bereich ist das Argument Grundversorgung von Informationsinhalten völlig absurd. Bei jungen Zielgruppen liegen die Einschaltquoten bei den Öffentlich-Rechtlichen zum Teil im Promille-Bereich.”

Auch ein Kollege von Siebenhaar, der Produzent und Medienhistoriker Lutz Hachmeister, kritisiert:

“Die verfassungsrechtlich festgelegte Programmauftrag von ARD und ZDF besagt, dass die Einnahmen des Rundfunkbeitrags zuerst für Bildung und Information aufgewendet werden muss: Reportagen, Korrespondenz, investigative Recherche - das erwartet auch der Gebührenzahler. Das hat in der Vergangenheit nicht in ausreichendem Maße stattgefunden.”

40 Prozent Anteil für ARD und ZDF

Setzen sich am Ende also doch diejenigen durch, die die Festung von ARD und ZDF zum Einsturz bringen wollen?

In Deutschland sind etwa 40 Prozent des Rundfunkmarkts in der Hand der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Zum Vergleich: In den USA sind es zwei Prozent. Hans-Peter Siebenhaar sagt:

“Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört zweifellos zur DNA dieses Landes.”

Und Lutz Hachmeister ist sicher: Das bleibt auch so.

“ARD und ZDF werden sicher nicht liquidiert werden. Länder, die auf ein Mischsystem (öfffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk, d. Red.) gesetzt haben, sind immer besser damit gefahren.”

Wie aber lassen sich dann Interessen der Sendeanstalten mit den Bedürfnissen der Zuschauer in Einklang bringen?

Hans-Peter Siebenhaar ist sicher, es braucht kein opulentes System mit fast zwei dutzend TV-Sendern und fast 70 Radiostationen.

“Anspruchsvolle Information und Unterhaltung lässt sich auch mit sehr viel weniger Geld machen.”

Sind ARD und ZDF unverzichtbar?

Es ist an ARD und ZDF, dafür schlüssige Konzepte vorzulegen. Ob in den Führungsetagen der Sender aber tatsächlich von allen Handlungsbedarf gesehen wird, wer weiß?

Noch immer haben die Sender bei einigen Gruppen festen Rückhalt mit ihrem gebührenfinanzierten Modell. Jens Steinbrenner, Sprecher der Produzentenallianz, erklärte auf Anfrage:

“Das Bundesverfassungsgericht hat die herausragende Bedeutung der öffentlich-rechtlichen Sender mehrfach bestätigt. Auch im Sinne der Meinungspluralität ist es unverzichtbar, dass ARD und ZDF bestehen bleiben und damit auch ihr Finanzierungskonzept."

Ein Statement, das wenig überraschend kommt. Die Produzentenallianz ist eine Lobbygruppe. Sie vertritt TV-Produzenten und Filmemacher, also auch diejenigen, die aufwendige und kostenintensive Dokumentationen, Reportagen und Filme drehen – und am Hungertuch von ARD und ZDF hängen.


Video: GEZ-Ende bleibt ein Traum: Darum können Sie der Zwangsabgabe weiter nicht entkommen


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