POLITIK
25/11/2014 23:46 CET | Aktualisiert 26/11/2014 03:36 CET

ZDF-Doku zeigt, dass die Angst vor "Ausländerkriminalität" Unsinn ist - und dass wir mehr Zuwanderung brauchen

ZDF Mediathek
Eine ZDF-Doku klärt kontroverse Fragen um Immigration

Es hätte viel schief gehen können, am Dienstagabend im ZDF. Schon der Titel des Films ließ einiges befürchten: „Wie viele Ausländer verträgt Deutschland?“. Doch wer sich wohlig hoffend in seiner Wohnzimmercouch zurück lehnte und auf Bestätigung von Vorurteilen hoffte, dürfte enttäuscht gewesen sein.

Mehr noch: Dem ZDF ist ein mutiger Film gelungen. In doppelter Hinsicht: Zum einen versuchen die Autoren der Dokumentation „Wie viele Ausländer verträgt Deutschland?“ mit Fakten gegen Ängste anzukämpfen. In einer Zeit, in der sich viele Menschen an ihre Furcht vor den Fremden klammern, ist das ein ambitionierter Versuch.

Zum anderen steckt die Doku voller Mut machender Signale: Etwa die Umfragen, die das ZDF bei der Forschungsgruppe Wahlen in Auftrag gegeben hat. Eine deutliche Mehrheit der Deutschen glaubt, dass das Land Zuwanderung braucht. Ebenso, dass der Islam keine Gefahr darstelle. Sind am Ende die Ausländerfeinde vielleicht einfach nur lauter als jene, die Zuwanderer willkommen heißen?

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Ein wichtiges Verdienst der ZDF-Doku ist auch, dass sie endlich mit den Vorurteilen über Ausländerkriminalität aufräumt. Es ist zwar richtig, dass Eigentumsdelikte häufiger auf das Konto von Zuwanderern gehen. Doch das hat nichts damit zu tun, dass die Täter einen ausländischen Pass haben. Der bekannte Kriminologe Christian Pfeiffer ist da sehr deutlich: Das soziale Umfeld der Täter ist entscheidend.

Der alltägliche Rassismus hemmt die Aufstiegschancen

Deshalb wäre es auch so wichtig, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht durch den alltäglichen Rassismus in Deutschland an ihrer Entfaltung gehindert werden. Ein Test in dem Film zeigt nämlich auch: Der Bewerber „Michael“ bekommt doppelt so viele Zusagen für das Bewerbungsgespräch wie der gleich qualifizierte „Ahmed“.

Hilfreich in dem Film ist auch der Rückblick auf die deutsche Einwanderungsgeschichte. Denn Deutschland war immer schon ein Einwanderungsland, das brachte die geografische Lage in der Mitte Europas mit sich. Und Integrationsprobleme gab es schon im 18. Jahrhundert mit den Hugenotten.

Völlig in Vergessenheit geraten ist beispielsweise, dass es noch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Dörfer in Nordhessen gab, in denen sich die Bewohner auf Altfranzösisch verständigten. Es wirkt rückblickend wie eine Anekdote aus einer anderen Welt. Auch die Nachkommen der etwa eine halbe Million „Ruhrpolen“, die im 19. Jahrhundert einwanderten, sind mittlerweile bestens integriert, obwohl es bis heute polnischsprachige Medien und polnische Vereine im Ruhrgebiet gibt.

Zuwanderung fällt oft mit wachsendem Wohlstand zusammen

Die Autoren merken treffend an, dass Einwanderungswellen zumeist mit Phasen des Wohlstandes zusammen fallen. So wie polnische Arbeiter Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als ein Drittel der Zechenarbeiter an Rhein und Ruhr stellten und damit entscheidend zum Vermögensvermehrung der Kohlebarone beitrugen, erledigten die „Gastarbeiter“ der 50er- und 60er-Jahre jene Jobs, für die es keine deutschen Bewerber mehr gab.

Der grundsätzliche Irrtum der Fremdenängstlichen ist, dass Zuwanderer nur kommen würden, um abzukassieren. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn ein Land seinen Migranten keine Perspektive auf wirtschaftlichen Aufstieg bieten kann, ist es für Zuwanderer unattraktiv.

Das zeigt schon ein Blick in die jüngere Geschichte: Das Wanderungssaldo der Bundesrepublik nahm mit dem Ausbruch der Dotcom-Krise Anfang der Nullerjahre kontinuierlich ab, Ende des Jahrzehnts gab es sogar mehr Auswanderer als Einwanderer. Erst mit der einsetzenden Konjunktur ab 2009 stieg die Zahl der Zuwanderer wieder.

Die meisten Ausländer wollen einfach eine faire Chance

Glücklicherweise ist der Film auch an dieser Stelle deutlich: Natürlich haben manche Zuwanderer das deutsche Sozialsystem im Sinn, wenn sie in die Bundesrepublik übersiedeln. Als Beispiel wird werden Scheinselbständige genannt, die überdurchschnittlich häufig ein Gewerbe als freiberuflicher Fliesenleger anmelden. So haben zum Beispiel auch Zuwanderer aus Osteuropa die Möglichkeit, Hartz IV zu beantragen.

Doch die allermeisten Zuwanderer, darunter auch die von der CSU gebrandmarkten „Rumänen und Bulgaren“, wollen sich in Deutschland eine Existenz aufbauen.

Dass sie dabei oft von bereits in Deutschland lebenden Menschen ausgenutzt und ausgebeutet werden, zeigt der Film ebenso. Ein Arbeiter etwa, der schwere körperliche Arbeit verrichten musste und nach einem Unfall vor den Scherben seiner Existenz steht – weil der Arbeitgeber ihm fälschlicherweise versichert hatte, eine Krankenversicherung abgeschlossen zu haben. Die Mutter, die um ihren Sohn weint, der nach einem Gabelstaplerunglück schwer verletzt ist.

Für Deutsche, denen dieses Land tatsächlich am Herzen liegt und die in der Migrationsdebatte nicht einfach nur eine Projektionsfläche für die eigenen Ängste suchen, ist dies wohl der schmerzlichste Teil der ZDF-Doku gewesen: Denn es ist einfach unerträglich, dass Menschen, die in der Bundesrepublik ihr Glück machen wollen, derart um ihre Chancen betrogen werden.

Es ist allein schon aus demografischer Sicht in unserem Interesse, dass Deutschland für Zuwanderer attraktiv bleibt. Die Klagen über die „Probleme“ mit „Ausländern“ lenken uns allzu oft von den eigentlichen Zukunftssorgen dieses Landes ab. Das Problem sind nämlich wir alle.

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