POLITIK
21/11/2014 11:00 CET | Aktualisiert 24/11/2014 06:03 CET

Goslar wirbt um Flüchtlinge: Sieben Gründe, warum diese Stadt ein Vorbild für ganz Deutschland ist

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Es gibt Städte in Deutschland, die mittlerweile über ein "Flüchtlingsproblem" klagen. Angeblich wollen derzeit zu viele Menschen gleichzeitig nach Deutschland. Es gibt Beschwerden darüber, dass die Bundesrepublik an die "Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit" gelangt sei.

Das ist nicht nur statistisch gesehen ziemlicher Unsinn - in Deutschland kommen im Jahr 2014 knapp 400 Bürger auf einen neu angekommenen Asylsuchenden. Wenn die stärkste Wirtschaftsnation Europas in dieser Situation das Handtuch werfen müsste, würde das kein gutes Licht auf Deutschland werfen.

Es zeigt auch, wie tief Politik und Gesellschaft mittlerweile von Angst geprägt sind.

Gott sei Dank gibt es den niedersächsischen CDU-Politiker Oliver Junk. Der Bürgermeister von Goslar betrachtet die Flüchtlingswelle nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Und weil er glaubt, dass der Landkreis noch nicht genügend Flüchtlinge aufgenommen hat, möchte er jetzt Asylsuchende aus den umliegenden Regionen einladen, nach Goslar zu kommen. Der Mann hat Schneid. Sieben Gründe, warum Goslar ein Vorbild für ganz Deutschland ist.

1. Junk zeigt Führungsstärke

Der Bürgermeister von Goslar schürt keine Ängste, er handelt im Sinne seiner Stadt. Dabei setzt er sich politischen Risiken aus, doch die nimmt er in Kauf. Die Amerikaner nennen so etwas „Leadership“.

Unionspolitiker wie der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer reden gern darüber, dass sie „die Sorgen der Menschen ernst nehmen“ wollen. Tatsächlich bedienen sie aber nur stumpfe Reflexe und schüren die Furcht.

Wer die Fremdenängstlichen nicht aufklärt, sondern sie in ihrem Irrgefühl noch bestärkt, muss sich nicht wundern, wenn bei der nächsten Wahl wieder Bernd Lucke vor der Tür steht. Der ist nämlich in Sachen Xenophobie bei weitem Glaubwürdiger als Scheuer und der ganze rechte Flügel der Union zusammen.

2. Viele Lokalpolitiker sind zu ängstlich, um ihren Bürgern die Aufnahme von Asylbewerbern zu vermitteln. Junk geht die Sache offensiv an – gut so

Vielerorts hört man in den vergangenen Wochen, dass Bürger ganz plötzlich mit der Eröffnung eines neuen Asylbewerberheims in ihrer Nachbarschaft konfrontiert werden. Manchmal ist das den vollen Aufnahmelagern geschuldet, derentwegen neu eingetroffene Flüchtlinge schnell auf die Kommunen verteilt werden müssen.

Häufig genug jedoch versuchen Lokalpolitiker, das Thema bewusst klein zu halten. Das geht natürlich nicht gut, weil die Fakten irgendwann offensichtlich sind – und eine bessere Kommunikation vielleicht auch für mehr Akzeptanz gesorgt hätte. Junk dagegen vermittelt seinen Bürgern ein Problembewusstsein: Wir brauchen diese Menschen in unserer Stadt, weil sie Goslar nach vorn bringen können. So sollte es sein.

3. Die Entscheidung ist sehr klug

Oft sind unter den Asylbewerbern aus Krisenregionen überdurchschnittlich viele gut gebildete Menschen. Das hat einen simplen Grund: Ärmere Menschen können es sich häufig nicht leisten, tausende Kilometer weit von ihrer Heimat entfernt Asyl zu beantragen. Sie werden oft zu „Binnenflüchtlingen“, bleiben also im Land. Anders die Angehörigen der geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Elite.

Natürlich werden viele von ihnen irgendwann in ihr jeweiliges Heimatland zurückkehren. Sie werden beim Wiederaufbau gebraucht. So lange aber Krieg herrscht, ist jeder Bürgermeister gut beraten, den in seiner Kommune untergebrachten Flüchtlingen eine Perspektive zu bieten. So kann die gesamte Stadt davon profitieren. Das gilt gerade für ländliche Kommunen wie Goslar, die stark vom demografischen Wandel betroffen sind.

4. Junk ist ein Verfassungspatriot

Trotz der Reform von 1993 – es gilt weiterhin das Grundrecht auf Asyl. Artikel 16a des Grundgesetzes ist dahingehend eindeutig: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“.

Dieser Passus in unserer Verfassung ist eine Lehre aus der Geschichte: Denn einst war Deutschland daran Schuld, dass die bis dahin größte Flüchtlingswelle der Geschichte entstand. Zum Glück waren damals andere Länder bereit, die Verfolgten, Misshandelten und Ausgebombten aufzunehmen. Diese Form der Menschlichkeit sollte zum Leitbild für die neue Bundesrepublik werden.

Dass der Verwaltungschef der Stadt Goslar nicht herum mault und nach Ausflüchten sucht, sondern sich an die Buchstaben des Gesetzes hält und seine Verantwortung ernst nimmt, weist ihn als guten Konservativen aus.

5. Die Stadt Goslar handelt menschlich

Statt die Flüchtlinge in ein Containerdorf abzuschieben oder sie in die Obhut von windigen Geschäftemachern zu geben, bringt die Stadt Goslar sie zentral in leerstehenden Wohnhäusern unter. Verfolgten Menschen wird damit ein Stück Würde gegeben – und ganz nebenbei könnte dadurch auch die Integration erleichtert werden. Wer unter Deutschen lebt, kommt nämlich auch schneller in Deutschland an.

6. Die Entscheidung ist sehr christlich

Oft erkennt man das „C“ in der „CDU“ nur schemenhaft: Wenn wieder einmal arme Menschen pauschal von Nachwuchspolitikern wie Philipp Mißfelder verunglimpft oder Einwanderer aus Bulgarien und Rumänien zu „Wirtschaftsflüchtlingen“ deklariert werden. Konrad Adenauer würde sich im Grabe umdrehen, könnte er das hören.

Dass Bürgermeister Oliver Junk von sich aus Flüchtlinge nach Goslar einlädt, zeugt von gelebter Nächstenliebe. Oder, um es mit Papst Franziskus zu sagen: „Auch Jesus, Maria und Josef waren Flüchtlinge“.

Die Satiresendung "Die Anstalt" fand in dieser Woche passende Worte für diesen Zusammenhang.

7. Goslar denkt in die Zukunft

Während die Bundesregierung Milliardengeschenke an ihre alternde Wählerschaft verteilt und kaum Neigung für die Lösung von Zukunftsproblemen erkennen lässt, handelt Goslar mit einer klaren Vision. Natürlich sind kleine und mittlere Städte auf dem Land von Wegzug und Überalterung bedroht.

Aber ebenso richtig ist, dass Deutschland schon immer ein Zuwanderungsland war. Von den Hugenotten über die Ruhrpolen bis hin zu den Spätaussiedlern – alle haben ihren Teil dazu beigetragen, das Land menschlich, kulturell aber auch wirtschaftlich zu bereichern. Dass Junk nun die Chance ergreift, zeichnet ihn aus. Man würde sich wünschen, dass Politiker immer so angstfrei im Sinne ihres Wählerauftrages handeln würden.

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