POLITIK
20/11/2014 05:11 CET | Aktualisiert 20/11/2014 09:29 CET

Gäbe es keine Religion - wäre die Welt dann friedlicher?

Der wohl häufigste Vorwurf von Atheisten an gläubige Menschen lautet: Die Religion ist der Hauptgrund für Kriege.

Ohne Glaube, sagen viele, hätten die Anschläge vom 11. September 2001 nicht stattgefunden, gäbe es den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern und den Ärger in Nordirland nicht, fänden keine gewaltsamen Auseinandersetzungen über als heilig betrachtete Texte statt – und der Islamische Staat (ISIS) wäre kein Thema.

religion 911

Am 11. September 2001 stürzte das World Trade Center nach einem Terroranschlag ein

Große Chance auf weniger Kriege

Richard Dawkins, Großbritanniens bekanntester Atheist, hat argumentiert, Religion sei in der Geschichte der Hauptgrund für Gewalt und Krieg gewesen. Er schrieb 2013 in seiner Autobiographie, „Religion ist das wichtigste und gefährlichste Etikett, mit dem man die Unterscheidung ,die’ gegen ,wir’ aufmachen kann.“

Dawinks behauptete, es gebe eine „viel größere Chance auf keinen Krieg mehr“, wenn man Religionen irgendwie abschaffen würde.

Es gäbe dann seiner Meinung nach auch weniger Hass, „weil viel Hass in der Welt sektiererischer Natur“ sei. „In Nordirland, Indien und Pakistan zum Beispiel“,

sagte er der Webseite „belief.net“.

Wissenschaftliche Studien allerdings stellen einen Zusammenhang zwischen Religion und Krieg durchweg infrage. Für ein Papier, die das in New York und Sydney angesiedelte Institute for Economics and Peace im Oktober veröffentlicht hat, wurden alle Kriege des Jahres 2013 untersucht. Die Forscher fanden keinen „generellen kausalen Zusammenhang“ zwischen Religion und Konflikt.

Religiöse Themen spielten demnach in 14 von 35 bewaffneten Konflikten (40 Prozent) überhaupt keine Rolle und nur fünf (14 Prozent) hatten religiöse Fragen als Hauptgrund. Alle Kriege hatten mehrere Ursachen und das häufigste Motiv war der Widerstand gegen eine Regierung oder gegen das ökonomische, ideologische, politische oder soziale System eines Staates. Es spielte in fast zwei Dritteln der untersuchten Fälle die Hauptrolle.

Die Enzyklopädie der Kriege, eine umfangreiche 2008 veröffentlichte Studie, listet 1763 Kriege in der Menschheitsgeschichte auf. Nur 123 werden als „religiöser Natur“ bezeichnet – also nicht einmal sieben Prozent.

Die Forscher des Institute for Economics and Peace fanden außerdem heraus, dass weniger Religion ein Land nicht friedlicher macht. Der Anteil von Atheisten in einem Land hatte keinen Einfluss auf den Frieden.

Nordkorea ist wenig religiös - aber nicht friedlich

Länder mit den höchsten Atheisten-Anteilen – vor allem kommunistische oder ehemalige kommunistische Staaten wie Russland und die Tschechische Republik – waren nicht notwendigerweise die friedlichsten.

Video: Ex-US-Verteidigungsminister: Das wäre passiert, wenn Nordkorea die Grenze übertreten hätte

Nordkorea, wo anteilig mit am wenigsten Menschen eine Religion praktizieren, war 2013 eines der zehn am wenigsten friedlichen Länder der Welt, heißt es in dem Report.

"Religion spielt in Kriegen eine Rolle"

Religiöse Aspekte von Kriegen werden oft herangezogen, um sie kurz und bündig zu beschreiben, während die Realität komplexer ist, sagt John Wolffe, Professor für Religionsgeschichte an der Open University. „Selbst wenn man zu den sogenannten Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts [infolge der protestantischen Reformation in West- und Nordeuropa] zurückblickt, stellt man fest, dass Religion zwar ein wichtiger Faktor war, aber wenn man etwas unter der Oberfläche schürft, kommen Faktoren wie dynastischer Einfluss, Macht und Wirtschaft zum Vorschein.

„Eine Aussage, der ich zustimmen könnte, ist, dass Religion in den meisten Kriegen eine Rolle spielt, aber zu sagen, Religion sei dafür verantwortlich, wäre eine Verzerrung der Faktenlage“, sagt Wolffe.

Menschen hätten ein Argument weniger, sich zu bekämpfen

Rachel Woodcock, eine muslimische australische Autorin, glaubt, dass religiöse Konfliktlinien den Kriegen der jüngsten Zeit stärker hervortreten. „Religion hat heute einen besonderen Stellenwert, weil die Globalisierung alles herausfordert, alles infrage stellt. Religiöse Identität hat das nicht nur überlebt, sie kann sogar wichtiger werden, wenn nationale und politische Allianzen wegfallen, wie es im ehemaligen Jugoslawien Anfang der 1990er passiert ist, als Serben, Kroaten und Bosnier sich entlang orthodoxer, katholischer und muslimischer Bruchlinien spalteten“, schreibt si im Buch „For God's Sense“.

Woodcock verweist auf den irakischen Diktator Saddam Hussein, der Kurden vergast und niedergebombt hat und im Fernsehen eine Show abzog, er würde zu Allah beten. „Religion bietet leider einen nützlichen Deckmantel und mächtige Motivation für die Bösen“, schreibt sie.

„Dass Religion so ausgesprochen unterschiedlich sein kann, je nachdem, ob sie in der Hand von Machthungrigen oder von Selbstlosen und Rechtschaffenen liegt, sagt wirklich mehr über die menschliche Psyche aus als über die Religion. Deshalb ziehen so viele menschliche Konflikte leider die Religion mit hinein.“

hussein saddam

Saddam Hussein 2001

Menschen hätten ein Ausrede weniger

In den Unruhen und Kriegen in Nordirland wurde religiöse Rhetorik oft von beiden Seiten benutzt, nicht zuletzt vom ehemaligen Vorsitzender der Democratic Unionist Party, Ian Paisley, einem protestantischen Minister, der dafür bekannt ist, den Papst als „den Antichristen“ bezeichnet zu haben.

Aber Wolffe von der Open University sagt, religiöse Aspekte würden im Nordirlandkonflikt überbetont. „Die üblichen Stempel sind Protestanden und Katholiken, eher noch als Nationalisten und Unionisten, und das vermischt die Sachverhalte. Hinter den Kulissen lief viel in Sachen Versöhnung und so weiter, das nicht für die großen Schlagzeilen taugte.

Paisley war so eine einflussreiche und auffallende Figur auf der Seite der Protestanten und ganz offensichtlich jemand, der seine Position mit religiös begründete, aber ich denke, im Großen und Ganzen betrachtet war er keine ganz repräsentative Figur.“

Westliche Gesellschaften tendieren außerdem aufgrund kultureller Unterschiede dazu, für Kriege im Osten allein die Religion verantwortlich zu machen. Viele Akademiker haben darauf hingewiesen, dass Glaube im Osten und Westen etwas komplett anderes bedeutet.

Religion bedeutet nicht überall auf der Welt das Gleiche

In ihrem jüngsten Buch „Fields of Blood“ schreibt die ehemalige katholische Nonne

Karen Armstrong , dass das westliche Wort „Religion“ nicht einmal exakt in nicht-westliche Kulturen übersetzt werden könne. Während im Westen Religion als etwas Persönliches betrachtet werde, sei sie im Osten – und in der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte – untrennbar mit Politik verbunden.

Peter Morey, Professor für postkoloniale Studien an der University of East London, erklärt: „Religion wird in anderen Teilen der Welt als Lebensstil angesehen, wohingegen sie hier, im säkularen Westen, von der Zivilgesellschaft verdrängt wurde. Wenn wir Konflikte in anderen Teilen der Welt betrachten, denken wir, Religion sei der Motor des Krieges, wohingegen es tatsächlich nicht so einfach ist, die religiöse Komponente einzeln zu betrachten.“

Religion könnte nicht mehr missbraucht werden

Es scheint kaum möglich, den Einfluss der Religion im bekanntesten und vielleicht grausamsten Konflikt dieses Jahres herauszurechnen: dem Aufstieg des Islamischen Staates (ISIS), einer militanten Gruppe, die sogar das Wort „islamisch“ in ihren Namen trägt und ihre Anhänger um sich schart, um in den angeblich heiligen Krieg zu ziehen.

Aber Morey sagt, dass selbst in diesem Fall die Realität nicht so eindimensional sei. „Die große, romantische Behauptung des Islamischen Staates ist es, das Kalifat wiedereinzuführen, das ein Imperium war: eine ebenso politische wie religiöse Einheit“, sagt er. „Der Gebrauch des Wortes ,islamisch’ im Namen wirkt beschwörend und weckt Erinnerungen an eine Zeit, da Muslime eine Weltmacht waren. Aber die entsprechenden Dynastien wie die Ottomanen, die mit dem Kalifat in Verbindung zu bringen sind, waren in erster Linie politische und oft nationalistische Gebilde.“

Religiöse Sprache und Identität ins Spiel zu bringen, sei eine gut funktionierende Taktik des Islamischen Staates, um seine eigene Macht auszudehnen, sagt Morey. „Vor allem in der Zeit nach 9/11 hat sich der Westen selbst als säkular und modern beschrieben, als gegen ,die anderen’ – eine homogenisierte muslimische Gruppe. Der Islamische Staat greift das in einem gewissen Sinn auf, um seine Geschichte vom Kampf der Kulturen weiterzuspinnen.“

Wieso Religion als Vorwand so gut taugt

Was also hat der Glauben an sich, von dem man sagen kann, es befeure Gewalt? Verglichen mit anderen Ideologien ist er von sich aus spaltend, sagt Tom Sorell, Professor für Politik und Philosophie an der Warwick University. „In einer Religion muss es immer eine Vorstellung davon geben, was Rechtgläubigkeit ist“, sagt er. „Bestimmte Dinge verletzten die Rechtgläubigkeit also, und dann werden die Leute ziemlich wütend. Je enger die Rechtgläubigkeit definiert ist, desto einfacher ist es, die Menschen zu spalten. Zum Beispile gab es wenige Konflikte im Zusammenhang mit der Anglikanischen Kirche, weil es eine relativ junge ist, mit einer eher vagen Definition von Orthodoxie.“

Es gäbe aber auch einen Friedensstifter weniger

Allerdings werde die positive Rolle der Religion beim Erhalt von Frieden in den Medien oft übersehen, heißt es beim Institute for Economics and Peace. Den Erkenntnissen seiner Forscher nach kann das Engagement in einer sozialen Gruppe – sei es eine Religionsgruppe oder ein Sportverein – die Beziehung zwischen den Bürgern eines Landes stärken, und das korrespondiere mit ein klein wenig mehr Frieden. Zudem waren oder sind einige der Ikonen des Friedens tief religiös: Martin Luther King, Mahatma, Gandhi und Bischof Desmond Tutu.

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Mahatma Gandhi

„Man muss sich Beispiele ansehen, bei denen religiöse Menschen hart daran arbeiten, Frieden zu schaffen, was meiner Meinung nach im Vergleich zur anderen Seite der Medaille selten berichtet wird“, sagt John Wolffe von der Open University.

Einige der größten Konflikte der vergangenen 100 Jahre – der Erste und Zweite Weltkrieg, der Kalte Krieg und der Vietnam-Krieg – zeigen, dass nicht-religiöse Motive als ebenso destruktiv wie religiöse betrachtet werden können. Das wirft die Frage auf, ob militanter Atheismus für genauso viel geradestehen muss wie Religion.

Rachel Woodcock betont in ihrem Buch: „Nicht nur religiöse Ideologie verursacht Probleme – staatlich verordneter Atheismus war eine wesentliche Eigenschaft brutaler Regime im 20. Jahrhundert unter anderem unter der Führung von Stalin, Tito, Mao Zedong und Paul Pot, die im Leid und in der Ermordung von Millionen gipfelten. Allein zehntausende russische Christen wurden wegen ihres Glaubens von Atheisten hingerichtet, die darauf bedacht waren, die Sowjetunion frei von Religion zu machen.

Kommunismus und Nazismus waren explizit atheistisch – aber der australische Kommentator Jane Caro glaubt, Atheismus allein sei als Grund nicht zwingend genug, um Menschen umzubringen. „Atheisten sind nicht mehr oder weniger zum Bösen fähig wie andere Menschen auch, vielmehr hat es den Anschein, dass Mord, vor allem Massenmord und Krieg, Sünden im Auftrag von etwas sind.“

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Kinder im Konzentrationslager Auschwitz

Warum töten Menschen?

„In anderen Worten sind Menschen generell nur in Namen von etwas bereit zu kämpfen und zu töten. Das kann ein Gott sein, aber auch eine politische Philosophie – wie der Nazismus oder der Kommunismus. Viele kämpfen für Patriotismus: für eine Land, einen Stamm oder eine Rasse. Manche töten, weil sie psychisch gestört sind, aber niemand – bislang – in Namen des Atheismus“, meint Caro. Bislang sei niemand auf einen dicht besetzten öffentlichen Platz gelaufen und habe sich nach den Worten in die Luft gesprengt: „Kein Gott ist groß!“

Es sieht so aus, als ließen sich Kriege ohne Glaube als Basis auf dasselbe Bündel komplexer Faktoren zurückführen wie Glaubenskriege. Morey von der University of East London sagt: „Der gemeinsame Nenner von Bewegungen, die sich atheistisch nennen, ist, dass sie immer da, wo sie sich durchsetzen, eine Reihe von politischen Problemen ansprechen, die mit ökonomischen Fragen und Ungleichheit zu tun haben.“

Werden Atheisten kämpfen wie Gläubige?

Könnte sich eines Tages eine Armee des Atheismus formieren – und vielleicht einen atheistischen Staat fordern? Sorell von der Warwick University hält das für unwahrscheinlich. „Atheismus ist nicht wie eine Glaubensgruppe organisiert, er bildet nur eine Opposition zu Religion. Er ist mehr ein Pochen auf bestimmte rationale Prinzipien als ein Set von bestimmten Überzeugungen, die man mit religiösen Überzeugungen vergleichen könnte.“

Viele Atheisten sind sich nicht einig, wie sie sich organisieren könnten, sagt er.

Theoretisch könnte sich eine Armee des Atheismus bilden, wenn es eine „plötzliche, große Bedrohung von Atheisten durch eine diktatorische religiöse Macht“ gäbe. Doch derzeit scheint das etwa für Großbritannien unwahrscheinlich.

Letztlich sind Kriege, wie auch Menschen, komplex. Religiöse, politische und ökonomische Faktoren sind miteinander verwoben und vom Kontext abhängig. Religion „verursacht“ sicherlich einige Kriege, aber wie Woodcock sagt: „Menschen kämpfen auch um kleine Mengen gepressten Kohlenstoffes, um Dreck, süchtig machende und gehirnverändernde Substanzen und Fußballspiele.“

Dieser Text erschien ursprünglich auf Huffington Post UK und wurde von Susanne Klaiber aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

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