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24/10/2014 09:59 CEST | Aktualisiert 24/10/2014 10:23 CEST

Fehldiagnose ADHS und welche Ursachen wirklich dahinter stecken

Ritalin
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Ritalin

Zwischen 1989 und 2001 stieg die Anzahl der diagnostizierten ADHS Fälle um 381 Prozent. In Deutschland sind angeblich 472.000 Jungs und 149.000 Mädchen betroffen.

Auch die Ausgabe von einer Tagesdosis Ritalin, das gegen ADHS verabreicht wird, ist bei Kassenärzten von acht Millionen im Jahr 1999 auf 55 Millionen im Jahr 2009 gestiegen. Das sind erschreckende Zahlen.

Wie kommt es zu dieser dramatischen Entwicklung?

Die Ruhr-Universität Bochum und die Universität Basel haben in einer gemeinsamen Studie herausgefunden, dass Kinder- und Jugendpsychiater sehr oft eine falsche Diagnose stellen, wenn es um ADHS geht.

An der deutschlandweiten Studie nahmen 473 Therapeuten und Ärzte teil, die anhand von fiktiven Fällen eine Diagnose stellen sollten. Eine Vielzahl der Teilnehmer diagnostizierte ADHS - obwohl es nicht vorlag. Das zeigt deutlich, dass Ärzte und Therapeuten ihre Diagnose oft nach einer einfachen "Faustregel fällen, statt sich an gültige Diagnosekriterien, sogenannte Heuristiken, zu halten“, schließen die Forscher

Die häufigsten Symptome, bei denen oft zu schnell ADHS diagnostiziert wird, sind Konzentrationsschwäche, Aggressivität, übersteigerter Bewegungsdrang und Hyperaktivität.

Bei Mädchen äußert sich die Aufmerksamkeitsstörung oft durch Verträumt- und Unkonzentriertheit und wird deshalb seltener erkannt. Der typische ADHS-Fall ist männlich, unkontrolliert und hyperaktiv. Doch oft liegt gar kein ADHS vor und die Anzeichen haben eine andere Ursache.

Hier sind vier Ursachen, die möglicherweise wirklich hinter den Symptomen stecken:

1. Überforderung

Kinder, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen, sind häufig schlicht überfordert. Daran kann der Leistungsdruck, der in der Schule und von den Eltern ausgeübt wird, schuld sein.

Die Pädagogin und Familienberaterin Katharina Saalfrank hat in ihrer Praxis fast täglich mit Kindern zu tun, bei denen ADHS diagnostiziert wurde. In der "Welt" gibt sie zu bedenken: "Wir haben in der immer komplexer werdenden Welt heute extrem hohe Erwartungen an Kinder. Immer mehr Wissen und Bildung in kürzerer Zeit – das setzt alle Beteiligten unter Druck."

Manchmal brauchen Kinder einfach nur mehr Zeit und nicht gleich ein Medikament, das sie ruhig stellt. "Meiner Erfahrung nach hat jedes Kind, das als "ADHS-Kind" gilt, einen Grund für sein Verhalten. Wenn ich mir das Umfeld und das Beziehungsgeflecht der Kinder und ihrer Familien angeschaut hatte, konnte ich immer nachvollziehen und verstehen, warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten", sagt Saalfrank.

2. Langsamere Entwicklung im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern

Es kommt nicht selten vor, dass Kinder in ihrer Entwicklung langsamer sind als ihre gleichaltrigen Mitschüler und daraufhin Reaktionen wie Aggressivität und Hyperaktivität zeigen.

Die Aufgabe von Pädagogen und Ärzten muss es deshalb sein, die Kinder genau zu beobachten und nach Gründen für ihr Verhalten zu suchen. In manchen Fällen kann es die bessere Entscheidung sein, ein Kind die Klasse wiederholen zu lassen, anstatt ihm Medikamente zu geben.

Um eine ernsthafte Diagnose von ADHS zu stellen, muss ein Kind über mindestens sechs Monate hinweg beobachtet werden, weil die Symptome häufig auf ein temporäres Verhalten zurückzuführen sind, zum Beispiel bei der Wahl zu einer weiterführende Schule nach Beenden der Grundschule.

3. Defizite in der Erziehung

Die Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern können auch in der Erziehung liegen, zum Beispiel wenn Eltern zu wenig Zeit haben oder sie mit der eigenen Elternrolle überfordert sind. Auch hier gilt: Die Ursachenforschung sollte vor der Medikation erfolgen.

4. Schlechter Lebenswandel

Auch der Lebenswandel kann eine Rolle bei Verhaltensauffälligkeiten spielen. Biologe und Schlafforscher Peter Spork warnt beispielsweise, dass chronischer Schlafmangel das Risiko für ADHS erhöht. Konzentrationschwächen und Unaufmerksamkeit können ebenso auf Schlafmangel und zu wenig Bewegung zurückzuführen sein. Wenn ein Kind im Unterricht ständig herumzappelt, ist es möglicherweise körperlich nicht ausgelastet.

Es kann viele Gründe haben, warum Kinder sich auffällig verhalten. In den seltensten Fällen liegt jedoch eine Erkrankung vor, die mit Ritalin behandelt werden muss. Es darf nicht vergessen werden, dass es sich bei dem Mittel um ein Psychopharmaka handelt, das starke Nebenwirkungen haben kann. Dazu gehören unter anderem Depressionen, Schwindel, Schläfrigkeit, erhöhter Blutdruck, Nervosität, Kopfschmerzen und Muskelkrämpfe.

Eltern sollten also nicht leichtfertig mit dem Medikament umgehen und zunächst einmal nach anderen Ursachen für das Verhalten ihrer Kinder suchen.

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