POLITIK
23/10/2014 14:08 CEST | Aktualisiert 28/10/2014 07:23 CET

Nordkorea: Wie das Land zum größten Gefängnis der Welt werden konnte

Nordkorea ist extrem abgeschottet - und das seit Langem
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Nordkorea ist extrem abgeschottet - und das seit Langem

Nordkorea ist die wahrscheinlich größte Blackbox der Welt. Kein Land ist so abgeschottet wie die 25-Millionen-Diktatur. Über viele Bereiche des öffentlichen Lebens weiß der Rest der Welt so gut wie nichts. Wie konnte es so weit kommen?

Die Nutzung ausländischer Medien ist verboten. Wie der südkoreanische Professor Andrei Lankov in einem Beitrag für den arabischen Sender Al-Jazeera schreibt, lagern ausländische Zeitungen in speziell abgeschotteten Bereichen von Bibliotheken, zumindest theoretisch sei der Besitz eines Radios verboten, bei dem man selbst die Sender einstellen kann.

Zugang zum World Wide Web haben nur einige Auserwählte. Und der normale Nordkoreaner darf nicht einmal auf das nordkoreanische Intranet, das Kwangmyong-Netzwerk, zugreifen.

Touristen, die verbotenen Wesen

Der Kontakt mit den extrem wenigen Touristen ist ebenfalls verboten. Außer, die Begegnung wurde von den staatlichen Aufpassern speziell vorbereitet. Eigene Auslandsreisen sind für die normale Bevölkerung undenkbar.

Eigene Zeitrechnung

Der Wiener Nordkorea-Experte Rüdiger Frank schreibt in seinem neuen Buch, Nordkorea verfolge sogar eine „nationalistische Sprachpolitik“, Anglizismen etwa würden gemieden oder durch eigene Worte ersetzt.

Auch die Unterrichtsfächer drehen sich in extremer Weise um das Land selbst, es gibt diverse Fächer, die sich nur mit den „Wundertaten“ der Staatsführer beschäftigen, deren Verehrung Pflicht ist. Wer Kritik äußert, riskiert lebenslange Haft in einem Arbeitslager, Folter und Ermordung.

international space station north koreaDieses NASA-Bild vom 30. Januar 2014 zeigt Nordkorea als dunklen Fleck zwischen China und Südkorea (AP Photo/NASA, File)

BBC-Journalisten, die 2010 das Land bereisten, fanden heraus, dass Universitätsstudenten noch nie etwas von Nelson Mandela gehört hatte. Sogar eine eigene Zeitrechnung hat das Land, sie beginnt 1912, mit dem Geburtsjahr des Staatsgründers Kim Il Sung.

Das Ausland hat keine Ahnung

Umgekehrt hat man im Ausland wenig Ahnung, was im Land passiert. Offizielle Verlautbarungen transportiert die staatliche Nachrichtenagentur Korean Central News Agency (KCNA), Einblicke erlauben manchmal Satellitenbilder, mit viel Verzögerung berichten nordkoreanische Flüchtlinge. Aber belastbares Wissen ist selten. So blieben etwa im Herbst 2014 nur Spekulationen, wo der Machthaber Kim Jong Un abgeblieben sein könnte, der wochenlang nicht mehr öffentlich aufgetreten war.

Video: Nordkoreas Diktator: Kim Jong Un feiert Comeback mit Krückstock - und lacht dabei

Für die Ächtung durch das Ausland wohl den meisten Ausschlag gibt allerdings das Atomwaffenprogramm, an dem Nordkorea arbeitet. Internationale Sanktionen haben wohl wenig gebracht – außer eine weitere Isolation der staatlich gelenkten, rückständigen Wirtschaft und weitere Not für die immer wieder von Hunger geplagte Bevölkerung.

Der Grund, warum die Demokratische Volksrepublik Korea so isoliert ist, ist eine Mischung aus Traditionen und der Politik der Moderne.

Isolation als Schutz

Korea hat eine lange Geschichte der selbstgewählten Isolation, sie begann schon lange vor der Teilung der koreanischen Halbinsel in zwei Staaten im 20. Jahrhundert.

Die Choson-Dynastie, die Korea vom 14. bis ins frühe 20. Jahrhundert regierte, isolierte das Land insbesondere ab dem 17. Jahrhundert. Einerseits, um es gegen die ständig drohenden Invasionen aus Japan und von Norden zu schützen, andererseits wegen eines Überlegenheitsgefühls seiner konfuzianischen Kultur.

So etwas war nichts Außergewöhnliches in der Region – China und Japan verfolgten während dieser Zeit ebenfalls eine Isolationspolitik – nur hat Korea länger durchgehalten.

Korea wurde von westlichen Mächten im 19. Jahrhundert mit dem Spitznamen Einsiedlerkönigreich bedacht.

"Selbst als China und Japan gezwungen wurden, sich den westlichen Staaten zu öffnen, war Korea im Ausland nahezu unbekannt“, sagen die Akademiker Uichol Kim und Young-Shin Park.

Bedroht von Beginn an

Schon im 10. Jahrhundert, schreibt Wissenschaftler Rüdiger Frank, gab es in der Region ein Reich namens Koryo, von dem auch der Name Korea abgeleitet wird. Bereits dieses Reiche wurden bedroht, von den Mongolen. Die nachfolgende Choson-Dynastie wurde wieder bedroht, von japanischen Piraten, japanischen Invasionen, die über Korea nach China vorrücken wollten, und von Kräften aus dem Norden.

Im 20. Jahrhundert fiel Korea in fremde Hände, und die folgenden Kriege verschärften nur die Isolation des Nordens.

Japan annektierte Korea 1910 vollständig. Nachdem die Japaner den Zweiten Weltkrieg verloren hatten, wurde Korea entlang des 38. Breitengrades in zwei Territorien aufgeteilt, der Norden wurde von den Sowjets kontrolliert, der Süden von den USA. Nach diversen Unruhen entwickelten sich zwei getrennte Regierungen.

Josef Stalin setzte Kim Il Sung, der sich in der kommunistischen Partei einen Namen gemacht hatte, de facto als Nordkoreas Führer ein. Wenige Jahre später, 1950, mitten im kalten Krieg, griffen Truppen aus dem Norden den Süden an. Der Koreakrieg, in dem der Norden und Süden jeweils von ihren Verbündeten unterstützt wurden, war verheerend. US-Bombenangriffe machten große Teile Nordkoreas dem Erdboden gleich, in der Hauptstadt blieb nur ein einziges Gebäude stehen.

Der Waffenstillstand, der das Ende des Konflikts markierte, beließ die Nationen praktisch im Kriegszustand zurück und in ständiger Spannung.

Nachdem sich das China, das dem als Puffer zum Kapitalismus betrachteten Nordkorea traditionell einigermaßen freundlich gegenübersteht, dem Westen annäherte und die ideologische nahe Sowjetunion zusammengebrochen war, stand Nordkorea einsamer da als je zuvor.

In den späten 1990ern dann schien das Verhältnis zu Südkorea und dem Westen etwas aufzutauen, um gleich darauf wieder frostiger zu werden, als George W. Bush Nordkorea 2002 als Teil der Achse des Bösen definierte und Pjöngjang internationale Atomwaffeninspektoren auswies. Im folgenden Jahr kündigte Nordkorea den Atomwaffensperrvertrag auf und enthüllte, dass es Atomwaffen besitze.

Kurz: Nordkorea sieht sich permanent bedroht.

Die Lehre aus der Geschichte: nur keine Abhängigkeit

Auf Basis dieser Geschichte ist die Ideologie zu erklären, die Kim Il Sung entwickelt und die das Land noch immer zusammenhält.

Wesentlich ist der Gedanke der Autarkie.

Das betrifft einerseits das Militär. Die Militär-Zuerst-Ideologie spiegelt das wider. Nordkorea leistet sich mit etwa 1,3 Millionen Soldaten eine gigantische Armee, auch wenn sie schlecht ausgerüstet ist. Unternehmen, Schulen und Verwaltung, schreibt Rüdiger Frank, hielten regelmäßig Wehrübungen ab. Die Wirtschaft stehe im Dienst der Landesverteidigung.

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Kim Jong Un besucht seine Schiffe

Auch die Wirtschaft des Landes übt sich in Autarkie – von einigen Projekten der Zusammenarbeit in Sonderwirtschaftszonen mal abgesehen. So ist die Wirtschaft rückständig, auch die Landwirtschaft. Immer wieder musste das Ausland mit Hilfslieferungen Hungersnöte lindern.

Ebenso will Nordkorea politisch unabhängig bleiben. Zwar kann man China noch am ehesten als Verbündeten bezeichnen, eine Freundschaft ist das aber nicht. Wichtig ist dagegen der Führer. Die größte Verehrung wird Staatsgründer Kim Il Sung zuteil, etwas weniger seinem Sohn und Nachfolger Kim Jong Il und wieder etwas weniger dessen Sohn und aktuellem Machthaber Kim Jong Un.

Video: Eine ehemalige Elite-Lehrerin berichtet: So strenge Regeln herrschen in Nordkorea

"Diese politische Haltung hat Nordkorea wirklich zu einem Einsiedlerkönigreich gemacht“, schreibt Grace Lee für „The Stanford Journal of East Asian Affairs“.

Wird sich Nordkorea je öffnen?

Mit so wenig Informationen darüber, was Nordkoreas Führung denkt und wie es im Land aussieht, sind Prognosen zur Zukunft des Landes schlicht unzuverlässig.

Kim Jong Un ist zumindest offiziell mit dem Anspruch angetreten, die Wirtschaft des Landes zu modernisieren. Eine wenigstens zaghafte Öffnung scheint daher nicht unwahrscheinlich.

Eine freiwillige politische Öffnung scheint derzeit nicht in Sicht. Nordkorea-Experte Andrei Lankov sagt,es sei am wahrscheinlichsten, dass das Regime irgendwann zusammenbrechen und der Norden vom Süden aufgenommen werde.

Video: Der Kim-Clan: Kitt und Katastrophe Nordkoreas

Folgt man den Aussagen von Flüchtlingen aus dem Norden, könnten eine Öffnung des Marktes, Informationen von außen oder interne Machtkämpfe, wie es sie in letzter Zeit möglicherweise gegeben hat, das Regime destabilisieren. Nur gehen die Schätzungen, wann das passieren könnte, weit auseinander.

Möglicherweise würde aber eine wirtschaftliche Öffnung den Menschen einen besseren Lebensstandard bringen und dem Regime zumindest vorerst Legitimität verleihen.

Video: Diktator als Witzfigur

Chinesen machen sich über Kim Jong Un lustig

Unklar ist auch, wie sich China im Fall eines Machtproblems des Regimes verhalten würde. China sieht Nordkorea gerne als Puffer zum US-Verbündeten Südkorea. Lankov schreibt, Peking könnte im Fall einer Krise intervenieren, um ein pro-chinesisches Regime zu erwirken.

Es gab ein paar Signale der Hoffnung, dass Pjöngjang seine Isolationspolitik überdenken könnte, darunter häufigerer Dialog mit dem Süden und eine Art Charme-Offensive Kim Jong Uns. DIe haben bislang aber keinen sichtbaren Erfolg gebracht.

Video: Ex-US-Verteidigungsminister: Das wäre passiert, wenn Nordkorea die Grenze übertreten hätte

Das liegt auch daran, dass Nordkorea weiter auf seine schon Tradition gewordenen militärischen Provokationen setzt. Das Land treibt die Entwicklung von Atomwaffen und Raketen weiter voran, testet trotz internationaler Verbote. Alle multilateralen Gespräche zum Thema liegen auf Eis.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf The World Post und wurde aus dem Englischen übersetzt und weiter bearbeitet.

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