POLITIK
22/10/2014 07:37 CEST | Aktualisiert 23/10/2014 02:03 CEST

Lehrerverband kritisiert "Pornografisierung" der Schule

Thinkstock
Der Streit um den Umgang mit verschiedenen sexuellen Vorlieben in der Schule geht weiter

Angefangen hatte es im Winter. Das kündigte das Kultusministerium in Baden-Württemberg an, den zehn Jahre alten Bildungsplan zu modernisieren und die Schüler ab 2016 fächerübergreifend über „sexuelle Vielfalt“ zu informieren.

Die Folge war eine hochemotionale und dementsprechend aggressiv geführte Debatte. Jetzt geht sie weiter.

"Ehe und Familie vor"

Am Wochenende hatten 1200 Menschen in Stuttgart gegen die Pläne protestiert. Ihr Motto: „Ehe und Familie vor“. Der Vorsitzende des Philologenverbandes Baden-Württemberg, Bernd Saur, griff das Thema in einem Beitrag für die jüngste Ausgabe des „Focus“ auf und schrieb von einer drohenden „Pornografisierung der Schule“ und "Vergewaltigung der Kinderseele".

"Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr"

Es sei unsäglich, „was Gender-Sexualpädagogen, neoemanzipatorische Sexualforscher und andere postmoderne Entgrenzer“ in den Unterricht integrieren wollten. „Lederpeitsche und Fetische wie Windeln, Lack und Latex wollten sie als Lehrgegenstände in die Bildungspläne integrieren.

"Themen wie Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr und sonstige Sexualpraktiken inklusive Gruppensex-Konstellationen, Lieblingsstellung oder die wichtige Frage ‚Wie betreibt man einen Puff‘ sollen in den Klassenzimmern diskutiert werden.“ Das sprenge den Rahmen dessen, was Kindern im Alter von zehn bis 14 Jahren zugemutet werden dürfe.

Dem Baden-Württemberger sprang nun laut einem Bericht der „Welt“ der Bundeschef des Philologenverbandes bei, Heinz-Peter Meidinger. Inhaltlich stimme er zu, wenn auch nicht unbedingt in der Wortwahl.

Bereits vor Monaten hatte ein Realschullehrer eine Petition ins Netz gestellt, die Pläne zu stoppen. Anfang Mitte Oktober hatte der Petitionsausschuss des Landtages den von 192.000 Unterstützern unterzeichneten Aufruf abgelehnt.

„Wir unterstützen das Anliegen, Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle nicht zu diskriminieren“, hieß es in der Petition. Doch die Pläne zielten auf eine „pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung“.

Lehrkräfte, so heißt es in der Petition, sollten die nächste Generation mit dem Anspruch, sämtliche LSBTTIQ-Lebensstile seien ohne ethische Beurteilung gleich erstrebenswert und der Ehe zwischen Mann und Frau gleichzustellen, an eine neue Sexualethik heranführen. „Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist.“

Das ist die eine Seite. Die andere erbost genau diese Argumentation.

"Initiatoren spielen mit den Ängsten der Eltern"

„Die Initiatoren spielen bewusst mit den Ängsten von Eltern, um ihrer Ideologie zu entsprechen und ihre Anhänger anzuheizen“, zitiert die „Welt“ einen Sprecher aus dem Kultusministerium. Vielmehr sei der Wert von Ehe und Familie einer der Grundpfeiler des Bildungsplans.

Im der laut Kultusministerium neuesten Fassung des Papiers mit dem umständlichen Titel "Arbeitspapier für die Hand der Bildungsplankommissionen als Grundlage und Orientierung zur Verankerung von Leitperspektiven" vom April lesen sich die Pläne auch alles andere als dramatisch:

"Kernanliegen der Leitperspektive ist es, Respekt sowie die gegenseitige Achtung und Wertschätzung von Verschiedenheit zu fördern. Grundlagen sind die Menschenwürde, das christliche Menschenbild sowie die staatliche Verfassung mit dem besonderen Schutz von Ehe und Familie."

Die Schüler sollten die "die Präsenz von Menschen unterschiedlicher (...) Lebensformen, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität (...) beschreiben, sich selbst verorten und in eigener Entscheidung darüber berichten. Als mögliche Inhalte werden Stichworte präsentiert wie "Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender, Intersexuelle", ebenso die dazugehörigen rechtlichen Grundlagen wie UN-Charta für Menschrechte etc. Ebenso wie für sexuelle Themen gelten diese Anregungen übrigens für Kulturen, Nationalitäten, Religionen etc.

Man solle Klischees zu diesen Themen hinterfragen und universale Normen wie Menschenrechte von Gruppennormen unterscheiden.

Die Diskussion betrifft Persönliches - und wird persönlich

Die Heftigkeit dieser Diskussion – und die Tatsache, dass sie kaum voranzukommen scheint, liegt an mehreren Aspekten.

Erstens rührt das Thema an Moralvorstellungen - und damit am eigenen Ich.

Zweitens lassen sich solche Themen trefflich instrumentalisieren. Was auch passiert.

Und drittens gibt es bei der Ausgestaltung solchen Unterrichts erhebliche Spielräume, weshalb eine pauschale Diskussion an sich schon nicht zielführend ist.

Wenn Schüler einen Puff für alle ausstatten sollen

Christian Weber hatte sich im April für die „Süddeutsche Zeitung“ Literatur zum Thema angesehen. Darunter: das Buch „Sexualpädagogik der Vielfalt“von Elisabeth Tuider aus dem Jahr 2012 – ein Standardwerk, wie Weber schreibt.

15-Jährigen werde darin die Aufgabe gestellt, einen neuen „Puff für alle“ zu konzipieren, also für „verschiedene Lebensweisen und verschiedene sexuelle Praktiken und Präferenzen“. Die Schüler sollten ein inhaltliches Angebot, Innenraumgestaltung, Personal, Werbung und Preise vorschlagen.

Für 13-Jährige hielten die Autoren einen Workshop bereit, in der Klasse ihr „erstes Mal vorzutragen“, als „als Gedicht, als Bild, als Skulptur, als Theaterstück, Sketch“.

Das heißt nicht, dass diese Vorschläge in Baden-Württemberg geplant waren. „Wenn man aber nachliest, was unter einer ,Sexualpädagogik der Vielfalt’ möglicherweise konkret zu verstehen ist, wird einem doch komisch zumute“, resümierte Weber.

"Kommt deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen des gleichen Geschlechtes?“

Eine Rolle in der Diskussion spielt auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg und ihre Handreichung „Lesbische und schwule Lebensweisen – ein Thema für die Schule“. Darin findet sich unter anderem ein Fragebogen für die Verwendung ab der siebten Klasse, der schon viel Wirbel ausgelöst hat: „Ist es möglich, dass deine Heterosexualität nur eine Phase ist und dass du diese Phase überwinden wirst?“ oder „Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen des gleichen Geschlechtes kommt?“, wird darin gefragt.

Allerdings, so warnt die GEW in einem begleitenden Schreiben, seien diese Fragen nicht ernst, sondern provokativ gemeint. Sie sollten - nach längerer Beschäftigung mit dem Thema - die Vorurteile deutlich machen, denen Homosexuelle ausgesetzt sind. Dazu sei einfach das Wort "homosexuell" in der Frage durch "heterosexuell" ersetzt worden.

Wer übertreibt, schadet nur den Kindern

Vieles ist also noch unklar in diesem Prozess. Klar ist aber: Schriftlich fixiert ist im Entwurf des Kultusministeriums das Ziel, die Schüler über die Realität zu informieren und die Dinge zu hinterfragen, angstfrei, schamfrei, diskriminierungsfrei.

Dazu muss diskutiert werden, in welchem Alter Schüler welche Informationen verarbeiten können. Natürlich ist das keine leichte Aufgabe - aber dafür werden auch diverse gesellschaftliche Gruppen über viele Monate an der Ausarbeitung beteiligt.

Diese Ziele aber an sich infrage zu stellen, wäre unverantwortlich, gegenüber den Schülern und gegenüber der Gesellschaft, deren Teil sie sind oder werden sollen.

huffpost icon

Schnelle Nachrichten, spannende Meinungen: Kennen Sie schon die App der Huffington Post?

Sie können sie rechts kostenlos herunterladen.

Get it on Google Play

"https://developer.android.com/images/brand/en_generic_rgb_wo_45.png">



Auch auf HuffingtonPost.de: Gewalt im Klassenzimmer:

Riesiger Schüler schubst Lehrerin zu Boden