POLITIK
19/10/2014 20:46 CEST | Aktualisiert 20/10/2014 07:16 CEST

Günter Jauch: Abschiedsbrief des toten MDR-Intendanten Udo Reiter sorgt für Betroffenheit bei Gottschalk

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Es war ein emotionaler Moment. Einer von der Sorte, wie man sie nur selten in den Talkshows des deutschen Fernsehens erlebt. Wo normalerweise einer lauter sein will als der andere, und derjenige gewinnt, der seinem gegenüber am geschicktesten das Wort abschneidet war plötzlich alles still. Sekundenlang. Keiner der Gäste traute sich, etwas zu sagen. Und auch das Publikum war betroffen.

Günther Jauch hatte in seiner bemerkenswert unkonventionellen Sendung zum Thema „Sterbehilfe“ den Abschiedsbrief des früheren MDR-Intendanten Udo Reiter vorgelesen. Der Journalist, Entdecker und Förderer von TV-Größen wie Thomas Gottschalk, hatte sich Anfang Oktober erschossen. Reiters Familie wollte, dass der Brief verlesen wird.

Er spüre, so Reiter, dass seine körperlichen Kräfte schwinden. „Vor allem die Fähigkeit die Toilette und das eigene Bett zu erreichen, lassen nach“, heißt es in dem Schreiben. Zudem vermutete Reiter Anzeichen einer beginnenden Demenz. „Ich habe mehrfach erklärt, dass ein solcher Zustand nicht meinem Bild von mir selbst entspricht.“ Deshalb wollte er seinem Leben ein Ende setzen.

"Ich kriege es mit meinem Denken nicht zusammen"

Gottschalk, der vor zwei Jahren noch Trauzeuge von Reiter gewesen war, sagte: „Ich kriege es nicht mit meinem Denken zusammen. Ich kriege es aber mit seinem Denken zusammen.“ Reiter hatte sich sehr offen über einen möglichen Selbstmord geäußert. Der 70-Jährige saß seit einem Autounfall im Jahr 1966 im Rollstuhl und wollte nicht als Pflegefall enden.

Gottschalk machte keinen Hehl daraus, dass ihn die Entscheidung Reiters trotzdem irritiert: „Man musste damit rechnen, dass er es wahrmachen würde, man wusste nur nicht wann, und ich bin entsetzt, dass er es so früh gemacht hat.“

Es entwickelte sich nun eine offene Diskussion über die Möglichkeit eines Freitodes. Genau das war es auch, was Reiter offenbar mit seinem Abschiedsbrief zu erreichen versuchte.

Kein Verständnis von Müntefering

Der frühere Sozialminister Franz Müntefering zeigte kein Verständnis für Reiters Entschluss. „Das Argument, dass ich deswegen aus dem Leben scheide, weil ich kein Pflegefall sein will, ist eine Zumutung für alle Menschen, die Pflege bedürfen oder andere pflegen.“ Alle Menschen seien gleich viel wert, egal ob sie nun selbstbestimmt leben können oder nicht. Müntefering zollte Reiter als Person Respekt, könne aber dessen Argumente nicht nachvollziehen.

Sterbehilfe ist in Deutschland nur unter bestimmten Umständen legal. Verboten ist die „aktive Sterbehilfe“, also der Tod auf Verlangen. Die passive Sterbehilfe dagegen ist erlaubt – etwa, wenn Ärzte auf Wunsch des Patienten oder dessen Angehöriger die lebenserhaltenden Maschinen ausschalten und einen Menschen sterben lassen.

In einer Grauzone bewegen sich Mediziner, die dem Patienten die möglichen Mittel bereitstellen, sich selbst zu töten. Eigentlich ist das legal, in zehn der 16 Bundesländer droht den verantwortlichen Ärzten dafür jedoch ein Berufsverbot.

Große Mehrheit der Deutschen für aktive Sterbehilfe

Laut einer Allensbach-Umfrage sind 67 Prozent der Deutschen dafür, sogar aktive Sterbehilfe zu legalisieren.

Die Medizinerin und Philosophin Bettina Schöne-Seifert, langjähriges Mitglied im Deutschen Ethikrat, trat dafür ein, die Beihilfe zum Suizid zu legalisieren.

Suizidhilfe soll dann erlaubt sein, wenn sie frei bei einer schweren Erkrankung verantwortlich vor einem Arzt gewünscht wird. Der Arzt könne entscheiden, ob eine Entscheidung noch bewusst gefällt wird, so Schöne-Seifert.

Dem wiedersprach der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Dessen Frau ist derzeit schwer erkrankt und wünscht sich, dass sie im schlimmsten Fall Sterbehilfe in Anspruch nehmen kann. Schneider selbst will sie aus Liebe dabei begleiten, nicht aber selbst Sterbehilfe leisten.

Gottschalk verdrängt die Gedanken an den Tod

Über eine mögliche Legalisierung von Sterbehilfe sagt Schneider: „Menschliches Leben hat Würde, weil es menschliches Leben ist.“ Das Berufsbild des Arztes solle auf das Leben ausgerichtet sein. „Es ist für mich dagegen nicht vorstellbar, dass der Arzt den Punkt des Tötens bestimmt.“

Franz Müntefering vertrat einen ähnlichen Standpunkt, begründete ihn aber anders. „Demente Menschen sind Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn wir daran nicht festhalten, kommen wir auf eine schiefe Ebene. Unsere Gesellschaft wird älter, es spricht vieles dafür, dass es mehr Pflegefälle gibt. Und da müssen wir klare Entscheidungen treffen.“

Zum Schluss fragte Jauch seine Gäste, wie sie selbst eines Tages sterben wollten.

Als er jung war, so Müntefering, habe er sich gewünscht, eines Tages einfach tot umzufallen. Das habe sich jedoch mittlerweile geändert – auch weil er selbst Erfahrungen mit dem Tod von nahen Angehörigen gemacht habe. „Ich möchte das mit klarem Verstand erleben. Mit anderen sprechend, erinnernd.“

Gottschalk antwortete trocken: „Man kann in seinem Leben vieles planen, aber nicht seinen eigenen Tod. Ich verdränge das, und das ist relativ gesund.“

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