POLITIK
11/10/2014 07:41 CEST | Aktualisiert 11/10/2014 07:52 CEST

Ukraine und Gaza: Warum vergessene Konflikte so gefährlich sind - auch für uns

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Zerstörter Gazastreifen

Die Schlagzeilen sind voll von ISIS und Ebola. Schwer zu sagen, was von beiden eigentlich die größere Seuche ist.

Und die Kämpfe in der Ukraine trotz Waffenruhe? Der zerstörte Gazastreifen? Sind bei den meisten Deutschen vom Radar verschwunden.

"Es ist eine normale Entwicklung, dass Leser nach einiger Zeit gesättigt sind mit Informationen und dass sie denken, sie würden alles bereits wissen", sagt Ulrich Kühn vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitsforschung an der Universität Hamburg (ISFH). Und "oftmals gibt es in älteren Konflikten keine neue Entwicklung, es wird weiter gekämpft aber es verändert sich strukturell nichts gravierend".

Der Informationsbedarf sinkt. Doch dieser Mechanismus kann gefährlich sein. Nicht nur für die Menschen in den Krisengebieten. Auch für uns.

Warum es wichtig bleibt

Oft entwickeln sich in Ländern nach einem Krieg soziale und wirtschaftliche Probleme. Sie werden zu failing states wie Somalia, von wo aus Piraten die internationale Schifffahrt bedrohten. Sie werden zu einem sicheren Hafen für Terroristen wie der Jemen. "The Independent" hält die Lage dort inzwischen sogar für vergleichbar mit der in Syrien.

Aber man muss nicht weit zurückgehen in der Geschichte: Am 26. August endete der 50-Tage-Krieg in Gaza, der 2000 Palästinensern das Leben gekostet hat. Und den Lebenden die Existenz.

Es gibt 3600 Familien im Gazastreifen, berichtet "Al-Jazeera", die sich bislang von Viehhaltung ernährten. Jetzt sind nach einer Schätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) 20 Prozent des Tierbestandes verendet, vom Geflügel hat sogar die Hälfte die Krise nicht überlebt. 17.000 Hektar der landwirtschaftlichen Anbaufläche wurden zerstört.

Infolgedessen stiegen die Preise für Früchte, Gemüse und Milchprodukte im August laut dem Palästinensischen Zentralbüro für Statistik um sechs Prozent. Die am meisten Betroffenen sind natürlich – die Ärmsten. Schon vor dem Krieg lebten 70 Prozent der Menschen laut eines Reportes der Weltbank im Gazastreifen von weniger als zwei US-Dollar pro Tag. Der Wiederaufbau geht nur langsam, sehr langsam voran.

Solange es keinen Aufbau gibt, gibt es auch keine Stabilität. Die nächste Krise hat also schon begonnen.

gaza

Ein Waffenstillstand und weiter Gewalt in der Ukraine

Auch in der Ukraine braut sich bereits weiteres Unheil zusammen. Seit sieben Monaten wird dort gekämpft, nach dem neuesten Bericht der Vereinten Nationen sind 3600 Menschen gestorben - 331 nach dem offiziellen Beginn des Waffenstillstandes am 6. September. 375.792 Ukrainer wurden vertrieben.

ukraine

Tausende Menschen haben ihr Einkommen verloren, weil unter anderem sehr viel Infrastruktur zerstört wurde. Laut dem aktuellsten Bericht der Vereinten Nationen sind besonders die Regionen Donezk und Luhanks betroffen. Dort wurden 40.000 kleine und mittlere Unternehmen zerstört.

Die Menschenrechte auf der Krim verschlechtern sich weiter, die Meinungs– und Religionsfreiheit werden immer stärker eingeschränkt. Besonders die zunehmende Gewalt der Tataren gegenüber der muslimische Minderheit ist auffallend.

Der Konflikt wird immer schwerer zu lösen.

Die Ignoranz des Westens

Was also bleibt? Will man dem Sättigungsgefühl der Mediennutzer entgegenwirken, das Friedensforscher Kühn angesprochen hatte, dann müssen Organisationen und Journalisten immer neue Aspekte, Entwicklungen, Einblicke präsentieren.

Wolfgang Büttner von Human Rights Watch (HRW) kennt das aus der Praxis. Menschenrechtsorganisationen müssten unter anderem Journalisten schützen, die weiter aus den Krisenregionen berichten. Sie müssten immer weiter Pressemitteilungen verschicken, um die Aufmerksamkeit weiter zu erhalten.

Oft klappt das nur mäßig gut, aber es ist besser als nichts.

Video: Live aus Gaza: UN-Mitarbeiter bricht während eines Interviews in Tränen aus


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