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22/09/2014 14:05 CEST | Aktualisiert 22/09/2014 16:02 CEST

Oktoberfest in München: Braucht die Wiesn eine Alkohol-Grenze?

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Die Bilder erinnern an ein Massenbesäufnis anstatt an ein fröhliches Volksfest. Samstagabend, Theresienwiese in München: Auf dem Weg zum Oktoberfest tun sich Hindernisse auf. Menschliche Hindernisse.

Die einen sind immerhin noch bewegungsfähig. Sturz betrunkene Gestalten in Trachten, die ankommenden Besuchern entgegen talken. Die anderen sind nicht einmal mehr dazu in der Lage.

Sie liegen auf Grünstreifen und in Straßengräben - alle viere von sich gestreckt, geistig benebelt im Vollrausch. Zahlreiche Besucher haben der Wiesn gleich zum Auftakt einen Alkoholexzess erster Güte beschert.

Sorge um das Image der Wiesn

Das Traurige daran: Er findet jedes Jahr statt. Und so langsam aber sicher ruft er erste Politiker auf den Plan, die sich um das Image des Oktoberfestes sorgen.

Der Vorsitzende der bayerischen Grünen, Dieter Janecek, sagte der Huffington Post: „Die Wiesn ist die größte offene Drogenszene der Welt. Das ist von allen so gewollt. Es ist nötig, dass wir eine Debatte führen, ob das ein sinnvolles Lebensmodell ist.”

Woran sich der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag stört, ist die Art und Weise, wie der ausschweifende Bierkonsum in Bayern und speziell beim Oktoberfest gehandhabt werden - „einfach schlecht”, wie Janecek sagt.

„Alkoholexzesse ein Dorn im Auge"

Mit seiner Kritik trifft er alle Beteiligten an einem wunden Punkt: Ausschank-Betriebe und Zeltbetreiber, die zur Wiesn-Zeit das Geschäft ihres Lebens wittern. Politiker, die sich im Angesicht einer Weltöffentlichkeit als volksnah inszenieren. Und nicht zuletzt Besucher, die auch mal einen über den Durst trinken dürfen, ohne aus dem gesellschaftlichen Konsens zu fallen. So war es jedenfalls bislang beim Oktoberfest.

Allerdings, und das gibt auch Michael Siefener, Sprecher des bayerischen Innenministeriums, zu: „Alkoholexzesse sind uns ein Dorn im Auge. Dass bei Leuten in einem extrem alkoholisierten Zustand die Hemmschwelle zur Gewalt sehr gering ist, erleben wir leider jedes Jahr.”

Nennenswerte Gewaltausschreitungen hat die Polizei am ersten Wiesn-Wochenende zwar nicht verzeichnet. Alles wie gehabt, heißt es im Einsatzbericht der Beamten.

Zumindest für Menschen, die nicht aus Bayern stammen, befleckt dennoch jede Prügelei und jede Schnapsleiche auf den Grünflächen der Theresienwiese das Ansehen des Münchner Volksfestes.

„Traurige Begleiterscheinungen”

Sogar aus dem Umfeld von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ist zu hören, dass solche Vorkommnisse „traurige Begleiterscheinungen” der Wiesn seien.

Es sei deshalb die Frage erlaubt: Braucht das Oktoberfest ein Alkohol-Limit?

Zu dieser Forderung will sich derzeit (noch) kein Politiker durchringen. „Eine feste Alkoholbegrenzung beispielsweise auf ein oder zwei Maß wäre nicht praktikabel und würde den Festcharakter der Wiesn konterkarieren”, sagt etwa Michael Siefener vom Innenministerium.

Den Festcharakter der Wiesn: Wer dieses Mysterium verstehen will, muss sich anschauen, wie der Alkoholausschank dort bislang gehandhabt wurde.

Erinnerungen ans Koma-Saufen

„Einem sichtlich stark Betrunkenen darf nichts mehr ausgeschenkt werden”, erläutert Janecek. „Das gilt als unausgesprochene Regel für jeden Wirt.”

Vielleicht ist genau das ein Problem. Dass jeder Wirt, jede Bedienung und jeder Gast auf der Wiesn seine ganz eigenen Vorstellungen davon hat, wann eine Person betrunken ist und wann nicht.

Es ist noch gar nicht lange her, da hat Deutschland eine intensive Debatte über Koma-Saufen geführt. Gastwirte haben Minderjährige mit Alkohol abgefüllt ohne einzuschreiten. Die Politik, die Gesellschaft - alle haben laut aufgeschrien. Verbote gefordert.

Weil die Opfer Jugendliche waren? Oder weil Alkohol Menschen in einen Zustand versetzt, bei dem sie nicht mehr wissen, was sie tun - ganz gleich welchen Alters sie sind?

Betrunken ist nicht gleich betrunken

Damals wie heute war und ist das Problem, dass sich unter diese Fragen andere Interessen mischen. Interessen, die schlimmstenfalls mit dem eigenen Empfinden in Widerspruch stehen.

Wenn die Stimmung intakt ist, sind Volksfest-Besucher in Trinklaune auch nach der vierten und fünften Maß noch nicht satt, selbst wenn sie ihre körperlichen Grenzen längst überschritten haben.

Und dass Betreiber, die mit jedem verkauften Krug einen Reibach machen, das Saufgelage aus freien Stücken beenden ist so wahrscheinlich wie Wiesn-Besucher, die lieber Wasser als Bier trinken.

Aus dieser Problematik ziehen Gegner eines beschränkten Bier-Ausschanks beim Oktoberfest ihre Schlüsse. Einer dieser Gegner ist Alexander Reissl, SPD-Fraktionsvorsitzender im Münchner Stadtrat. Der Huffington Post sagte er: „Mann kann keinem Menschen die Frage abnehmen: Was vertrage ich und was nicht? Diese persönliche Autonomie muss schon noch erhalten bleiben.”

Wo sind die rote Ampeln?

Ohnehin versteht Reissl die ganze Aufregung nicht. „Ich sehe die Wiesn ganz anders”, sagt er. „Es ist ein international attraktives Volksfest, bei dem die Mehrheit der Menschen sich nicht voll laufen lässt, sondern sich vergnügt und dann heim geht.”

Unterstützung erhält Reissl aus dem Landesinnenministerium. „Es geht hier auch um Eigenverantwortung", sagt Michael Siefener. „Wenn Autofahrer über rote Ampeln fahren, kann man auch nicht die Hersteller belangen.”

Ein amüsanter Vergleich. Doch im Straßenverkehr gibt es immerhin rote Ampeln. Wer setzt sie beim Oktoberfest?


Video: So feiern die Stars auf der Wiesn