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17/09/2014 11:20 CEST | Aktualisiert 18/09/2014 03:48 CEST

Jugend-TV.net: Youtube-Sekte verharmlost den Zweiten Weltkrieg

Der Sender „Jugend-TV.net” inszeniert sich gerne als Lernhilfe für Kinder und Jugendliche im Internet. Er mimt den großen Problemversteher, der jungen Menschen die Welt erklärt.

In Wirklichkeit verbirgt sich hinter der Video-Plattform eine große Gefahr. „Jugend-TV.net” versucht offenbar, Kinder und Jugendliche zu manipulieren. Ihnen Ansichten einzuflößen, die realitätsfremd, radikal und gesellschaftsfeindlich sind.

Hinter „Jugend-TV.net” steckt, nach allem was bislang bekannt ist, eine Schweizer Sekte um den erzkonservativen Prediger Ivo Sasek. Er will sich auf Anfrage der Huffington Post nicht zu den Vorwürfen äußern.

„Deutschland wollte keinen Zweiten Weltkrieg"

Seine Anhänger nutzen offenbar diverse Video-Kanäle, um ihre Propaganda-Parolen in die Welt zu setzen. Parolen, die mitunter sogar homophob und rechtsradikal sind.

Einer von diesen Kanälen, auf der „Jugend-TV.net” seine Ideologien verbreitet, ist Youtube. Eine Plattform, die besonders von jüngeren Menschen häufig genutzt wird.

Auf Youtube hat die Huffington Post jetzt einen ungeheuerlichen Video-Beitrag von „Jugend-TV.net” gefunden. Er stammt vom 31. August.

Das Video verharmlost den Zweiten Weltkrieg, leugnet die Verantwortung Deutschlands, kehrt die Schuldfrage ins Gegenteil - und zieht eine Parallele zum Konflikt zwischen Russland und der Ukraine.

In dem Video taucht ein Moderator namens Patrick auf. Er soll 21 Jahre alt sein. Patrick zählt zu denjenigen Menschen, die die Sekte für ihre Propaganda vor der Kamera einspannt. Fast immer sind es junge Erwachsene, häufig sogar der eigene Nachwuchs aus der Anhängerschaft Saseks.

In dem Video-Beitrag erzählt Patrick eine neue Version des Zweiten Weltkriegs.

„Polen hat Deutschland angegriffen"

Polen habe Deutschland provoziert. „Deutschland sollte in einen Krieg mit Polen gezogen werden”, sagt Patrick - mit Unterstützung Großbritanniens. Deutschland habe den Krieg unter allen Umständen verhindern und Frieden bewahren wollen, sagt er.

Damit verhöhnt „Jugend-TV.net” all diejenigen Menschen, die dem Nazi-Terror im Dritten Reich zum Opfer gefallen sind.

Genauso abwegig wie die Deutungen des Moderators sind die Vergleiche, die er zur aktuellen Krise in der Ukraine anstellt. Dort würden russische Ukrainer von der eigenen Regierung angegriffen, „ähnlich wie die Polen die Deutschen angegriffen haben”, sagt Patrick.

Experten: Beiträge keine Straftat

Russland sei es, das in einen Krieg hineingezogen werden solle. „Das ist alles Taktik”, urteilt der Moderator. Sein Appell an die Zuschauer:

„Lasst uns nicht die gleichen Fehler machen und dem bösen Mainstream alles glauben. Vielleicht stimmt die Geschichte vom bösen Russland gar nicht.”

Das „Stück Geschichte”, in das Patrick zu Beginn des Beitrags mit den Zuschauern eintauchen will, es verfälscht historische Ereignisse und verkennt die Realität - auch in der Gegenwart.

Die Huffington Post hat versucht, zu dem Video eine Einschätzung von Ivo Sasek einzuholen. Seine Sekretärin erklärte, keinem Medium ein Interview geben zu wollen.

Rechtsexperten werten die Beiträge aber nicht als strafrechtlichen Tatbestand. Der Berliner Rechtsanwalt Ali Norouzi, Mitglied im Strafrechtsausschuss des Deutschen Anwaltvereins, sagte der Huffington Post: „Nicht jeder historische Unsinn ist strafbar – ein Glück, wo kämen wir ansonsten hin? In eine Meinungsdiktatur.”

„Von Meinungsfreiheit gedeckt"

Norouzi verwies auf einen Paragraph im Strafgesetzbuch, der nur die Billigung, Leugnung oder Verharmlosung des nationalsozialistisch begangen Völkermords unter Strafe stelle. Irrlehren über die Kriegsschuldfrage seien hiervon nicht betroffen, sagte Norouzi.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der Strafrechtsexperte Lutz Schäfer. Nach Ansicht des Videos stellte Schäfer fest, dass es sich bei den gezeigten Inhalten „um Meinungen handelt, die voll von Art. 5 GG gedeckt sind.”

Art. 5 im Grundgesetz garantiert das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. Schäfer verwies vor diesem Hintergrund auf mehrere Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, die dieses Recht gestärkt hätten.

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