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19/08/2014 12:04 CEST | Aktualisiert 09/12/2014 09:56 CET

IS-Terror: Dieser Mann verlor Heimat und Familie – dem Henker entkam er

Narek* war Nichtraucher. Und packt erstmal eine Schachtel Zigaretten auf den Tisch. So hat er etwas in der Hand, obwohl alles, alles entgleitet.

Narek war der egozentrische Klassenclown, der Märchenerzähler im Deutschkurs vor ein paar Jahren. Und kämpft erstmal, damit ihm die Gedanken nicht die Stimme rauben.

Narek hat seine Heimat und seine Familie verloren, weil er Christ ist. Und jetzt verliert er den Glauben.

Briefe des Terrors

Der Iraker hat sich aus seiner Heimat abgesetzt. Der Mann seiner Cousine, Vater eines acht Monate alten Babys, hatte einen Brief bekommen: Der Christ solle den Irak verlassen. Eine Woche später wurde er entführt. Die 50.000 Dollar Lösegeld waren so schnell nicht aufzutreiben. Vier Tage später fand die Cousine eine Tüte vor der Tür. Mit dem Kopf ihres Mannes darin.

Die restliche Leiche, so erfuhr sie, sei für 10.000 Dollar zu haben.

Auch Narek bekam einen Brief, schloss sich sechs Wochen lang zu Hause ein, bis er endlich seinen Pass in der Hand hielt und fliehen konnte. „Ich bin fast durchgedreht“, sagt er.

IS - die gleichen Islamisten wie damals

2004 war das, ein Jahr nach dem Sturz Saddam Husseins. „Damals und heute, das sind fast die gleichen Leute“, sagt er. „Nur sind es immer mehr geworden." Narek spricht von sunnitischen Extremisten, die heute als Islamischer Staat (IS) ihren Terror verbreiten.

Auch der Autohändler, der immer alle beschissen hat, verschwand damals, kurz nach dem Mann seiner Cousine. Wer die Mörder waren, kann Narek nicht belegen. Wie auch seine gesamte Geschichte nicht unabhängig überprüfbar ist.

Seine Heimat, ein "Schlachthof"

Narek, heute 39, kommt aus Karakosch, der größte christliche Stadt im Irak, nur 30 Kilometer von der Sunniten-Hochburg Mossul, und 70 Kilometer von der kurdischen Stadt Erbil. „Schlachthof“ nennt Narek das Gebiet.

Das Gebiet, das jetzt auch sein älterer Bruder und seine Mutter Hals über Kopf verlassen haben.

Denn die Islamisten kamen wieder, in der ersten Augustwoche. In der Nacht um 2 Uhr hat die Familie erfahren, dass der IS vorrückte. Früher haben seine Eltern darauf vertraut, darauf gehofft, dass die Islamisten die alten Leute verschonen, und sind geblieben. Jetzt sind sie geflohen, Richtung Norden. „13 Stunden haben sie für die 70 Kilometer bis Erbil mit dem Auto gebraucht“, sagt Narek, „weil mindestens 100.000 andere Christen auch auf der Flucht nach Norden waren.“

Vor vier Tagen hat er zuletzt mit seiner Familie telefoniert, sie ist in einer Schule untergekommen. Wie es ihr geht? „Nicht gut“, sagt Narek. Und dann sagt er erstmal eine Weile nichts mehr.

"Weinen", sonst bleibt nichts

Vergangenes Jahr hat er versucht, seine Mutter – der Vater ist vor Jahren gestorben – nach Deutschland einzuladen. Dreimal haben die Behörden das verweigert, sagt Narek. Und jetzt geht nichts mehr. Jetzt erst recht nicht.

Was er tun kann? Weinen, sagt er.

Außerdem hat er eine kleine Demonstration für die Christen im Irak organisiert, am vergangenen Tag in München. Die ist ruhig gelaufen, heißt es bei der Polizei. Und ruhig ist es auch im Nachhall geblieben. Oder anders: Viel hat es wohl nicht gebracht, außer dem Gefühl, wenigstens irgendwas gemacht zu haben.

Terror ohne Pause

Vor vier Jahren hat er eine Tante verloren, und einen Cousin, einen guten Freund aus der Schulzeit. „Autobombe“, sagt Narek. „Die Terroristen fahren in eine Straße, warten, bis genug Leute da sind, und dann“, sagt er und drückt auf eine virtuelle Fernbedienung, „track!“

Jetzt, auf der Flucht vor zwei Wochen, sind auch jemand ums Leben gekommen, den Narek kannte, aber keiner aus seiner Familie. Sein Bruder und seine Mutter sitzen nun im Nordirak fest, mit nichts. Nichts als Bildern des Grauens im Kopf.

Lebendig begraben, mit Stangen durchbohrt

Der Bruder war mit einem Freund unterwegs, sagt Narek, zehn, höchstens 15 Kilometer von Karakosch. Dort haben sie Hände aus dem Boden ragen sehen. Hände, die zu 20 Familien von Jesiden gehören, die sich geweigert hatten, zum Islam zu konvertieren. „Ältere Leute, Männer, Frauen, Kinder.“ Sie wurden lebendig begraben. Nur die Hände ragten in die Luft. Als Warnung.

Der Bruder hat Menschen gesehen, die mit Stangen durchbohrt waren. Andere Menschen versuchten, die Stangen wieder aus den Leichen herauszuziehen. Aber lange hat sein Bruder das Grauen nicht mitangesehen. Denn die Leichen stanken bestialisch in der heißen Sommersonne des Irak.

„Wir lieben den Irak“, sagt Narek. „Aber er kostet unser Leben.“

Und denkt laut darüber nach, warum die Christen in seiner Heimat immer beten. Und dann doch abgeschlachtet werden.

Narek hat seine Heimat wegen seiner Religion verlassen. Und jetzt verlässt ihn offenbar der Glaube.

Und die Zigarette, an der er sich festgehalten hat, hat sich in Rauch aufgelöst.

* Die Huffington Post hat Narek versprochen, seinen richtigen Namen nicht zu veröffentlichen. Denn IS, so fürchtet er wohl nicht ohne Grund, hat einen langen Arm, der bis nach Deutschland reicht.

Auch auf HuffingtonPost.de: Irak

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