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09/08/2014 12:10 CEST

Genderdiskriminierung: 10 Beispiele für alltäglichen Sexismus - und was Sie dagegen tun können

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Genderdiskriminierung: 10 Beispiele für alltäglichen Sexismus und was Sie dagegen unternehmen können

Dieser Post ist ein Update einer früheren Version, die auf Role Reboot erschienen ist.

Forschungen zeigen, dass die meisten Menschen Sexismus auch dann nicht erkennen, wenn sie ihn direkt vor der Nase haben.

„Frauen bestärken sexistische Überzeugungen - wenigstens zum Teil - weil sie dem subtilen, weit verbreiteten Sexismus in ihrem Privatleben keine Beachtung schenken,“ schrieben Julia C. Becker und Janet K. Swim, die Autorinnen einer Studie über die Unsichtbarkeit des Sexismus. „Vielen Männern fehlt es nicht nur an Aufmerksamkeit gegenüber solchen Vorfällen, sie empfinden sexistische Vorfälle auch seltener als diskriminierend oder potenziell verletzend für Frauen.“

Was denken Sie über diese zehn Beispiele von Sexismus und wie würden Sie reagieren?

1. Religiöser Sexismus und Diskriminierung.

Glauben Sie wirklich, dass Frauen nicht dazu in der Lage sind, religiöse Verantwortung zu übernehmen? Dieses ritualisierte Stillstellen von Frauen wird von beinahe allen großen Religionen praktiziert: Sie verbieten – mit wenigen Ausnahmen – Mädchen und Frauen, religiöse Führungspositionen zu übernehmen. Der Zugang zum Göttlichen wird also nur von männlicher Seite aus und durch ihre Stimme vermittelt. Das ist legal völlig unangefochtene Diskriminierung und ihre Auswirkungen gehen weit über religiöse Praktiken und Orte hinaus. In dem Moment, in dem ein Mädchen heraus bekommt, dass sie zur Teilnahme an kirchlichen Riten nicht eingeladen ist, weil sie ein Mädchen ist, erfährt sie, dass ihre Stimme machtlos ist und nicht respektiert wird. Und das Gleiche erfahren die Jungen um sie herum. Aber hey, wenigstens bezahlen wir dafür, dass öffentliches Gut unterminiert wird, indem wir Steuern und Subventionen an die Kirche zahlen.

Was glauben Sie würde passieren, wenn Sie widersprechen würden? Und aufhören würden, diese Diskriminierung zu unterstützen?

2.Doppelmoral – ständig.

Wir leben mit einer ständig präsenten, hierarchisierenden Doppelmoral, die rein auf dem Geschlecht beruht. Sie schränkt die Freiheit von Frauen ein und hält uns davon ab, ein sicheres, erfülltes und selbstständiges Leben zu führen. 50 von diesen Ungerechtigkeiten hat Jessica Valentis in ihrem Buch He’s a Stud, She’s a Slut (dt. „Er ist ein Hengst, sie eine Hure“) nachgespürt. Sie spielen in alle Lebensbereiche hinein: Das reicht von der Forderung, dass Frauen mehr Selbstkontrolle und Höflichkeit beweisen müssen über den völlig anderen Umgang mit Alterserscheinungen bei Männern und Frauen bis hin zu verdrehten Ideen über „natürliche“ Fähigkeiten von Männern und Frauen.

3.Ritterlichkeit, auch bekannt als wohlmeinender Sexismus

Ein Mann, der Ihnen die Tür aufhält und nichts dagegen hat, wenn Sie dasselbe für ihn tun, ist eine Sache. Aber jemand, der das kategorisch ablehnt, ist ein richtiges Problem. Wohlmeinender Sexismus, der oft auch noch als „Beschützertum“ oder „Ritterlichkeit“ verkauft wird, ist nämlich eines der zentralen Merkmale dafür, dass unser Konstrukt von Männlichkeit und Weiblichkeit einer konservativen Kultur entspringt. Studien haben bewiesen, dass besonders ritterliche Leute besonders häufig sexistische Meinungen vertreten – was unheimlich viel über #FrauengegenFeminismus aussagt. Dieses Phänomen wird definiert als „negative Konsequenz einer männlichen Haltung, die Frauen als rein, moralisch und anbetungswürdig idealisiert; als Objekte, die von Männern verehrt, beschützt und versorgt werden müssen.“

Viele dieser Manieren werden schon in der Kindheit erlernt, und zwar um Mädchen und Jungen dazu zu erziehen, wahre „Damen“ und „Kavaliere“ zu werden (anstatt sie einfach zu anständigen und liebenswürdigen Menschen heranwachsen zu lassen, die zusammenhalten). Kurz, was viele Leute für Ritterlichkeit und „männliches Benehmen“ halten. Die negativen Auswirkungen einer solchen Erziehung für Frauen sind gut dokumentiert, besonders am Arbeitsplatz.

Es gibt eine gut erforschte Beziehung zwischen wohlmeinendem Sexismus und der Akzeptanz von unausgewogenen Geschlechterrollen. Nehmen wir zum Beispiel die Art, auf die der Verdienstunterschied zwischen Mann und Frau einfach geleugnet wird. Phyllis Schlafly hat kürzlich sogar verkündet, dass ein Schließen der Verdienstlücke (immerhin hat sie überhaupt zugegeben, dass es eine Lücke gibt) zu dem Ergebnis führen würde, dass Frauen keine Ehemänner mehr finden würden. Ideen wie diese wurzeln tief in dem systematisch propagierten Ideal eines Arbeiters, der männlich und Alleinverdiener zu sein hat. In diese Richtung zielt auch der immer wiederkehrende Sermon konservativer Arbeits- und Geschlechterpolitik.

Dadurch, dass wir auch den offensichtlichsten Sexismus nicht sehen wollen, können sich mächtige Leute erlauben, Aussagen wie „Geld ist für Männer wichtiger als für Frauen“ von sich geben, ohne dass sie dadurch ihren Job verlieren würden. Bitte stellen Sie sich jetzt einmal vor, dass ein Politiker von heute sagen würde, dass Geld für Juden wichtiger sei als für Andere. Oder für Farbige. Oder große Leute.

Die Gehaltsschere zwischen Mann und Frau beläuft sich aufs ganze Leben gerechnet auf $ 431.000. In nur sieben von 534 verschiedenen Jobs verdienen Männer weniger als Frauen; deshalb hat – natürlich – der Republikaner Lamar Alexander aus Tennessee kürzlich gefordert, mit einem Geschlechtergleichheits-Gesetz diesen Männern zu Hilfe zu kommen.

Wohlmeinende Sexisten sind definitiv feindselig gegenüber Frauen, wenn es um Erfolg am Arbeitsplatz geht. Wenn wir diese sehr stille Form des Sexismus nicht bekämpfen, werden wir dafür bezahlen. Wie viel ist Ihnen Ritterlichkeit wert? Denn letztendlich können Sie ja Türen auch ohne Hilfe öffnen. Sich selbst eine Gehaltserhöhung zu verpassen, ist dagegen unmöglich.

4.Der hohe Preis für Sicherheit.

Jeden Tag zahlen Frauen den Preis dafür, sicher leben zu können. Das kostet Zeit und Geld und schränkt die Flexibilität in der Arbeitswahl ein. Manche Jobs können nämlich plötzlich ziemlich gefährlich für Frauen werden: Da brauchen Sie nur Reporter, LKW-Fahrer, Migrationshelfer oder Aktivisten zu fragen.

Fragen Sie sich Folgendes, liebe Männer: Fühlen Sie sich in ihrer Straße sicher? Überlegen Sie sich genau, wann und wo Sie einkaufen gehen? Haben Sie ein ausgeklügeltes Parksystem entwickelt, wie beispielsweise nicht neben einem Van zu parken? Verwenden Sie Ihren Schlüssel als Waffe oder ergreifen Sie andere ähnliche Maßnahmen? Sparen Sie sich das Geld fürs Fitnessstudio, weil Sie problemlos draußen Sport machen können?

Wir bringen unseren Kindern bei, dass diese Dinge „normal“ sind. Sprechen Sie über den Preis, den Sie für Ihre Sicherheit zahlen mit den Leuten um Sie herum.

5.Sexismus in den Medien ist unterhaltsam. „Familienfreundliche“ Medien grenzen Mädchen und Frauen aus oder objektivieren sie, sie schaden Jungen durch konservative Männlichkeitsideale und sie unterstützen den Status Quo einer gewaltsamen, männerdominierten Gesellschaft.

Wir leben nicht nur mit diesen Medien, wir tun auch nichts dagegen. Die meisten Leute, die ansonsten sehr bedacht sind auf das Wohlbefinden ihrer Kinder, fordern nicht von der Unterhaltungsindustrie, sich zu bessern.

Wenn Sie einen Film sehen, in dem auf 20 Männer eine Frau kommt (normalerweise insgesamt nicht mehr als ein oder zwei) – sagen Sie dann etwas? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass es bei diesem Ungleichgewicht 20 Mal mehr Jobs für Männer als für Frauen in der Filmbranche gibt? Und was dieses Missverhältnis vor und hinter dem Set bedeutet?

6. Frauen zahlen mehr für ihre Produkte, nur weil sie nicht als „Standard“ angesehen werden.

Ein Artikel von Jezebel hat es vor ein paar Jahren so ausgedrückt: „Als Frau geboren worden zu sein, ist ein großer finanzieller Fehler.“ Marie Claire hat eine ähnliche Liste veröffentlicht. Bis vor Kurzem war es völlig legal, dass eine Frau für eine Kopf-bis-Fuß-Versicherung bis zu 31% mehr bezahlen muss als ein Mann. Sie meinen, ich scherze? Sehen Sie sich mal diesen Zehnerpack von Farbstiften an für &5.89. Die Version „für sie“ dagegen kostet $10.14.

Hören Sie also damit auf, diesen Müll auch noch zu kaufen.

7.Unsere Sprache ist absolut parteiisch. Sie beeinflusst unsere Art zu denken.

Wir verwenden ständig männliche Gattungen und das hat einen negativen Effekt. Ich benutze sie auch die ganze Zeit – ich kann es mir einfach nicht abgewöhnen. Frauen werden regelmäßig als „Mädchen“ angesprochen, Männer dagegen als „Männer“. Das ist Teil eines größeren Problems, das sich um die Verniedlichung von erwachsenen Frauen dreht. Wir Frauen werden häufiger als Tiere angesprochen, und das nicht grundlos. Die Liste ließe sich endlos ausweiten.

Aber Worte sind wichtig – sie zeigen das dynamische Spiel zwischen Ideen. Das mag zunächst einmal trivial klingen, aber wenn Sie hören, dass in Japan alle drei Pronomen gegendert sind, während die nordischen Länder gerade versuchen, ein genderneutrales Pronomen einzuführen, geraten Sie sicher auch ins Grübeln. Denn Japan ist das am wenigsten gleichberechtigte Land – zumindest wenn es um Arbeit geht. Die nordischen Länder dagegen sind da am weitesten.

8.Wir kleben an Vorurteilen gegenüber Männern fest. Das verhindert Gleichberechtigung.

Ich habe Frauen gesehen, die ihren Männern das Baby vom Arm nehmen, sobald es ans Wickeln geht, weil „Männer so etwas nicht können“. Oder vielleicht haben Sie ja schon einmal Männer sagen hören, sie seien der „Babysitter“ ihrer Kinder, oder Sie haben Werbungen gesehen, in denen Männer als inkompetente Idioten dargestellt werden, sobald sie sich an die Hausarbeit machen.

Noch gefährlicher als diese Vorurteile sind aber die noch immer kursierenden Mythen über Vergewaltigung und Missbrauch. Jungen und Männer sind häufig der Meinung, dass Frauen, die auf Partys betrunken sind oder allein im Dunkeln nach Hause laufen, irgendwie selbst schuld sind, wenn ihnen etwas zustößt. So eine Einstellung ist gefährlich.

9.Belästigung auf der Straße wird entweder komplett ignoriert oder für unwichtig erklärt.

Ich wette, dass sehr wenige Leute mit ihren Töchtern oder nicht genderkonformen Söhnen über Belästigung auf der Straße sprechen, bevor es tatsächlich passiert. Die Folgen solcher Belästigungen können übel für das Opfer sein und dürfen nicht unterschätzt werden.

10. Wir lassen unsere Schulen sexistischen Unterricht halten.

Zunächst einmal löscht das Schulsystem Frauen einfach aus dem Geschichtsunterricht. Dadurch vermittelt es kein differenziertes Bild unserer Vergangenheit und liefert nicht genügend Vorbilder. Mädchen sind bei der Einschulung oft voller Elan und Ehrgeiz, aber wenn sie die Schule verlassen, haben sie das alles verloren.

Zweitens sind Schulen bis zum Rand voll mit sozialen Normen, die – wenn man sie nicht hinterfragt – Vielfalt und Gleichberechtigung verhindern. So zum Beispiel die Dresscodes.

Drittens bleiben viele Schulen strukturell in überalteten Strukturen, die auf Mann und Frau zugeschnitten sind. So ist der Schulrat meistens voll besetzt mit Männern (denn dort, das ist ja klar, wird die wahrhaft schwere Arbeit verrichtet), während Ehrenarbeit und Elternbeirat die Domäne der Frauen ist. Schulverwaltung und Direktion sind noch immer männlich dominiert, obwohl die „Erziehungsindustrie“ fast nur aus Frauen besteht.

Kinder halten sich also täglich in einer Umgebung auf, in der die historische Rolle der Frau an den Rand gedrängt wird, Mädchen überkommene Moralvorstellungen erlernen müssen, eine genderungleiche Sozialstruktur herrscht und – zu großen Teilen – in den Klassenräumen die Fairness fehlt. Das ist schlecht für Jungen und Mädchen.

Wenn Jungen und Mädchen schließlich die Schule verlassen und auf die Universität gehen, fühlen sich doppelt so viele Jungen wie Mädchen bereit für eine politische Karriere. Ich kenne einige hart arbeitende Lehrer, die ihr Bestes dafür tun, diese Tendenz im Keim zu ersticken, aber die patriarchalischen Institutionen und Traditionen arbeiten gegen sie. Wie wäre es, wenn Sie die Schule Ihrer Kinder dazu auffordern würden, der Gender-Gerechtigkeit insgesamt mehr Aufmerksamkeit zu schenken, anstatt sich die ganze Zeit mit Teilproblemen zu beschäftigen wie Homphobie, Mobbing oder Männlichkeitskrisen?

***

Das ist eine kurze Liste. Lässt man die physischen Verletzungen, die zusätzlich viele Frauen erleiden müssen, beiseite, so hat auch der alltägliche Sexismus etwas von einer kleinen, aber hartnäckigen Infektion, die man sein Leben lang mit sich herumschleppt. Wenn Frauen sich des täglichen Sexismus um sie herum bewusst sind – indem sie beispielsweise über Belästigung auf der Straße oder Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz sprechen – und ihn beim Namen nennen, dann hören wir vielleicht auf, die kleinen Ungerechtigkeiten einfach als „normal“ zu schlucken. Gerade bei Politikerinnen, die ja ständig mit paternalistischen Kommentaren und alteingessenenen Männerclans in Kontakt sind, funktioniert es gut, den Sexismus offen anzusprechen. Wenn Männer darauf aufmerksam gemacht werden und darüber nachdenken, was schief läuft, können sie sich häufig einfühlen. Das ist der erste Schritt, um zu verstehen, dass „so wie es derzeit ist, Männlichkeit im Grunde ein anderer Ausdruck für patriarchalische Unterdrückung ist“ – so drückte es Jamie Utt aus. Aber damit sich dieses Bewusstsein entwickeln kann, müssen Frauen ihre Geschichten erzählen und ihre berechtigten Beschwerden ausdrücken. Und die Leute müssen ihnen zuhören und verstehen, warum dieses Thema so wichtig ist. Denn die aktuelle Kultur bagatellisiert immer noch genderspezifische Übergriffe und Ungerechtigkeiten.

In jedem Fall befinden sich Frauen derzeit eindeutig in einer Zwickmühle: Denn Sexismus zur Sprache zu bringen, kann Nachteile für die Frau nach sich ziehen. Eine neue deprimierende Studie liefert dazu die Zahlen: Frauen, die auf Gleichberechtigung pochen, zum Beispiel am Arbeitsplatz, werden aktiv dafür bestraft.

Die traurige Wahrheit ist: Während es höflich ist, sexistische Äußerungen vorzubringen, gilt die kritische Thematisierung von Sexismus noch immer als Grobheit und Gipfel der Humorlosigkeit. Dieses Sprechverbot ist ein großes Hindernis auf dem Weg zu einer Veränderung unseres Alltags. Wenn ein Nachbar bei einer Party offen und schamlos meine Brüste kommentiert oder ein Kollege mich bei einem Meeting unentwegt unterbricht, bin ich es – und nicht sie – die als bigott und feindselig abgestempelt wird.

Und das nur, weil ich sage: "Mein Gesicht ist übrigens hier oben“ oder „Könntest du bitte aufhören mich zu unterbrechen?“.

Wir befinden uns gerade in einer Gezeitenwende, in der das Bewusstsein für Genderdiskriminierung steigt. Dafür muss jeder seine Augen für den Sexismus um ihn oder sie herum öffnen.

Erkennen Sie Sexismus, wenn er Ihnen begegnet, und tun Sie etwas dagegen?

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