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24/07/2014 11:57 CEST | Aktualisiert 11/11/2014 06:21 CET

Experte: Muslime haben Antisemitismus von Europäern gelernt

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Wenn es um die wissenschaftliche Beurteilung von Judenhass geht, gehört der Historiker Wolfgang Benz in Deutschland zu den wichtigsten Experten. Der 73-Jährige leitete viele Jahre lang das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Im dpa-Interview erläutert er, woher der Antisemitismus kommt.

Frage: Was ist das eigentlich, Antisemitismus?

Antwort: Die Feindschaft gegen Juden, weil sie Juden sind. Man definiert eine ganze Gemeinschaft von außen und versieht sie mit negativen Eigenschaften, um sie ablehnen zu können. Den Begriff gibt es seit 1879. Damals kamen einige Wirrköpfe auf die Idee, für die zuvor schon vorhandene Abneigung gegen Juden eine wissenschaftliche Begründung zu entwickeln, mit einer rassistischen Komponente.

Tenor: Der Jude ist durch und durch schlecht, aufgrund von körperlichen Eigenschaften, aufgrund seines Blutes, und das kann durch nichts verändert werden.

Frage: Wie viele Antisemiten gibt es in Deutschland?

Antwort: Alle Umfragen ergeben regelmäßig, dass 15 bis 20 Prozent der Deutschen eine negative Einstellung gegenüber Juden haben. Das bedeutet nicht, dass sie fanatische Antisemiten sind.

Aber das ist der eine oder andere ererbte Vorverhalt. Die Zahl der Hardcore-Antisemiten, die mit Schaum vor dem Mund den Juden bekämpfen, verjagen oder vernichten wollen, ist hier in Deutschland ganz gering. Aber das ist bei uns auch verpönt. Und es wird bestraft wie kaum etwas anderes.

Frage: Hat sich der Antisemitismus in Deutschland im Lauf der letzten Jahre verändert?

Antwort: Da gibt es überhaupt keinen Unterschied. Genauso wenig wie es ein lawinenartiges Anwachsen gibt. Der "neue Antisemitismus" wird gelegentlich immer wieder neu erfunden. Dabei sind die Messwerte über Jahre hinweg immer konstant.

Was aber tatsächlich neu ist: Die Stimmung gegenüber Israel wird immer schlechter. Manche Antisemiten glauben, jetzt ein Ventil gefunden zu haben: Denn Kritik an Israel ist eben nicht verpönt - wenn sie sich in normalen Bahnen bewegt, ist sie völlig legitim. Da hängen sich Antisemiten jetzt dran.

Frage: Bei den Kundgebungen gegen Israel dieser Tage fällt auf, dass viele arabisch- oder türkischstämmige Demonstranten unterwegs sind. Gibt es durch die Einwanderung in Deutschland eine andere Judenfeindlichkeit?

Antwort: Nein, im Unterschied zu Frankreich. Klar: Es gibt einen muslimischen Antisemitismus. Aber das ist zu beträchtlichem Teil ein Import aus Europa. Ursprünglich sind die islamischen Gesellschaften nicht rassistisch oder antisemitisch.

Das haben sie von den Deutschen, den Franzosen, den Österreichern gelernt. Und die deutschen Muslime sind per saldo sehr viel weniger anfällig als zum Beispiel die Muslime in Frankreich. Hier sind das überwiegend Türken, die ein entspannteres Verhältnis zu Israel haben.

Frage: Manche ziehen schon Parallelen zwischen Juli 2014 und November 1938, als die Nazis Hunderte Juden ermordeten oder in den Tod trieben...

Antwort: Damals gab es wirklich bösartige, wüste antisemitische Exzesse, für die wir uns immer noch zu schämen haben. Das ist überhaupt nicht zu vergleichen.

ZUR PERSON: Wolfgang Benz wurde 1941 in Ellwangen (Baden-Württemberg) geboren. Von 1990 bis 2011 leitete er das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Inzwischen ist er im Ruhestand. Benz hat auch zahlreiche Bücher verfasst ("Geschichte des Dritten Reichs", "Der Holocaust", "Deutsche Juden im 20. Jahrhundert"). Er ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

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