VIDEO
02/07/2014 08:45 CEST | Aktualisiert 02/07/2014 10:09 CEST

6 Bibelzitate über Homosexualität und was sie wirklich bedeuten

Getty

Es hat lange gedauert, bis Homosexualität in der Gesellschaft Akzeptanz gefunden hat. Bis Menschen sich trauen konnten, öffentlich zu ihrer Sexualität zu stehen. Bis Gesetze verabschiedet wurden, die gleichgeschlechtliche Paare unterstützen, anstatt ihre Existenz unter Strafe zu stellen.

Doch bis heute gibt es zu viele Menschen, die homosexuelle Liebe verabscheuen - sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Verborgenen. Häufig argumentieren sie – wie die Kirche – mit der Bibel.

Als wohl einziges Buch auf der Welt ist die Bibel in 469 Sprachen übersetzt worden - und in all diesen Sprachen wird auch zum Thema Homosexualität zitiert.

Und das, obwohl aus der Bibel gar nicht eindeutig hervorgeht, dass gleichgeschlechtliche Liebe etwas ist, das verurteilt werden muss. So sieht es zumindest Matthew Vines. Er hat diesem Thema gleich ein ganzes Buch gewidmet. “God and the Gay Christian” heißt das Werk, von dem er sich erhofft, das größte und umstrittenste Christen-Buch des Jahres zu werden.

In einem YouTube-Video, das auf sein Projekt aufmerksam machen soll, hat Vines sich vor allem mit sechs Bibelzitaten auseinandergesetzt, die angeblich belegen, dass Homosexualität von Gott verurteilt wird und zeigt, dass die Worte gar nicht so eindeutig sind, wie es auf den ersten Blick erscheint.


Das wohl bekannteste stammt aus dem dritten Buch Mose (auch Leviticus genannt), Kapitel 19 und lautet:

“Du sollst nicht beim Knaben liegen wie beim Weibe; denn es ist ein Gräuel.”

Das wirkt auf den ersten Blick eindeutig und unangreifbar. Doch Vines zeigt, dass das Wort “Gräuel” nicht nur an dieser Stelle in der Bibel auftaucht.

Als “Gräuel” wird im alten Testament auch der Verzehr von Krustentieren, Schweine- und Kaninchenfleisch bezeichnet. Ein “Gräuel” ist es laut der Bibel auch, mit einer Frau zu schlafen, die ihre Periode hat. Und das Interesse an finanziellen Darlehen wird ebenfalls als solches bezeichnet.

Was wäre wohl im katholischen Bayern los, wenn der Verzehr eines Schweinebratens auf einmal das Tor in den Himmel versperrte?

Sodom und Gomorrah

Das alte Testament erzählt auch die Geschichte von Sodom und Gomorrah. Gott schickt demnach zwei Engel in Erscheinung von Männern in die Stadt Sodom, wo die männlichen Bewohner der Stadt sich sexuell an ihnen vergehen wollen. Gott lässt Sodoms Männer erblinden und zerstört die Städte Sodom und Gomorrah indem er Feuer und Schwefel auf sie herabregnen lässt.

“Jahrhundertelang wurde diese Bibelpassage als Gottes Urteil über gleichgeschlechtliche Beziehungen interpretiert”, sagt Vines. “Doch die einzige beschriebene Form von gleichgeschlechtlichem Sex ist eine abscheuliche Massenvergewaltigung.”

Passagen aus dem alten Testament sind ungültig

Ohnehin handelt es sich bei diesen Texten um Passagen aus dem Alten Testament, das laut Römer 10:4 durch das Neue Testament abgelöst wurde und daher auch in Vines' Argumentation keine Gültigkeit mehr besitzt: “Mit dem Worte neuer Bund hat er den ersten für veraltet erklärt; was aber verjährt, das geht dem Verschwinden entgegen.”

Vines wirft deshalb auch einen Blick auf das Neue Testament.

“Darum haben sie auch Gott dahingegeben in schändliche Lüste", wird der Apostel Paulus dort zitiert. "Denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen; desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sich aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selbst empfangen.” (Römer, Kapitel 1: 26-27)

“Ja, Paulus hat keine positive Einstellung gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen”, sagt Vines. “Aber der Kontext, den er beschreibt, ist weit von Homosexuellen in festen, monogamen Beziehungen entfernt. Paulus kritisiert hier lustvolle Handlungen. Aber er schreibt nichts über Liebe, Hingabe und Treue.”

Die letzten zwei Bibelstellen, die Vines zitiert, beschäftigen sich mit der Frage, wer aufgrund seiner Handlungen nicht in den Himmel darf. Sowohl 1. Korinther 6:9 als auch 1. Timotheus 1:10 beinhalten Listen darüber, welche Taten und Eigenschaften die Menschen für das Himmlische Reich disqualifizieren. Dazu zählen insbesondere die griechischen Wörter “malakoi” und “arsenokoitai”.

Das Wort “malakos” wird häufig als “der männliche Homosexuelle” übersetzt, obwohl es nicht eindeutig diese Bedeutung hat. Eine denkbare Übersetzung wäre auch “Weichling” - so steht es zum Beispiel in der deutschen Übersetzung (Luther 1912).

Der Begriff "homosexuell" entstand erst Ende des 19. Jahrhunderts

Das Wort “arsenokoitai” ist in vielen Fassungen der Bibel als “homosexuell” oder “homosexuelle Perversion” übersetz worden. Doch als Paulus die Passage angeblich schrieb, existierte das Wort noch gar nicht. Homosexualität wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts als Begriff geprägt.

Wie in vielerlei Hinsicht lässt sich die Bibel eben auch beim Thema Homosexualität unterschiedlich auslegen und interpretieren.

Matthew Vines ist bei weitem nicht der Erste, der mithilfe der Bibel versucht, gegen die kirchliche Ablehnung von gleichgeschlechtlichen Paaren vorzugehen. Das macht seinen Ansatz aber nicht weniger bedeutsam. Im Gegenteil.

Auch auf HuffingtonPost.de: Diese Promis stehen zu ihrer Homosexualität