WIRTSCHAFT
05/06/2014 10:54 CEST | Aktualisiert 05/06/2014 13:05 CEST

Zinsschock: Wie Berufseinsteiger trotzdem ein Vermögen aufbauen können, um früher in Rente zu gehen

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Mario Draghi möchte das Vermögen der Deutschen vernichten. Das liest man derzeit überall - und die jüngste Zinsentscheidung seiner Zentralbank legt nahe, dass ihm das auch gelingt: Die EZB hat den Leitzins auf historische 0,15 Prozent gesenkt.

So mancher Berufseinsteiger fragt sich dennoch beim Blick auf den eigenen Kontostand erst einmal verwirrt: Äh, welches Vermögen, bitte?

Diejenigen, die im Moment ganz laut über eine "Enteignung" stöhnen, haben meist schon ein üppiges Vermögen. Oder, wie es Martin Hellmich, Finanzexperte an der Frankfurt School of Finance & Management ausdrückt: "Sie haben ein Luxusproblem. Denn sie haben Liquidität und müssen sich jetzt überlegen, wie sie angesichts der drohenden Minuszinsen damit umgehen.“

Die heute 20- bis 30-Jährigen, die frisch im Beruf durchstarten, haben ganz andere Probleme, viel gravierendere.

Sie sorgen sich weniger um ihr (wenn überhaupt vorhandenes) Erspartes als viel mehr um die Frage: Was bleibt im Alter zum Leben übrig? Droht mir eine Altersarmut? Und warum fürs Alter sparen und jetzt auf Konsum verzichten, wenn es dafür doch eh keine Belohnung in Form von Zinsen gibt?

Provokant formuliert: Für diese Generation stellt sich eher die Frage, ob sie mit 72 oder 83 Jahren in Rente gehen wird. Denn die gesetzliche Rente - wie sicher ist die schon? Über Aussagen wie "Die Rente ist sicher" kann diese Generation nur noch schmunzeln.

Die eigenen Eltern hatten es besser. „Frühere Generation mussten erst mit 35 Jahren anfangen, sich um ihre Altersvorsorge zu kümmern. Damals konnte man relativ risikolos anlegen und gut sparen - da gab es ja auch noch vier oder fünf Prozent Zinsen aufs Ersparte", sagt Chris-Oliver Schickentanz, Chef-Anlagestratege der Commerzbank. Die Zeiten sind vorbei. "Heute gilt: Je früher sparen, desto besser."

Auch wer jetzt gerade erst sein erstes Einkommen beziehe, müsse schon darüber nachdenken, was los ist, wenn dieses Einkommen nicht mehr da ist. "Das ist kein schöner Gedanke, aber die Berufseinsteiger müssen am besten schon 50 bis 60 Jahre im Voraus planen“, so Schickentanz.

Aber wie viel Geld sollten junge Menschen sparen? "Berufseinsteiger sollten sieben bis acht Prozent ihres Nettoeinkommens monatlich an die Seite legen", empfiehlt der Anlage-Experte. Bei einem Berufseinsteiger mit einem Nettogehalt von rund 2000 Euro wären das also 140 bis 160 Euro.

Welche Anlage- und Sparmöglichkeiten gibt es?

Sparbuch oder Tagesgeldkonto

Die aktuellen Konditionen sind zum Heulen. "Sparbücher und Tagesgeld-Konten sind gut, um ein bisschen Geld als Liquiditätsreserve zu parken. Das ist ganz nett, wenn mal die Waschmaschine kaputt geht und man schnell Geld haben möchte. Aber als Anlage bringt das nichts, weil das Geld durch die Inflation aufgefressen wird", sagt Schickentanz.

Wertpapier-Sparplan:

Egal, wen man in diesen Tagen fragt: Alle Experten empfehlen Berufseinsteigern Investments in Wertpapiere. Doch die Generation Y ist bei Geldfragen wenig risikofreudig und ängstlich.

"Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten", gibt Schickentanz zu. "Denn die derzeitige Zinsentwicklung ist natürlich keine sofort ersichtliche Geldentwertung und damit keine Entwicklung, bei der jeder sofort aufschreckt. Aber über 30 Jahre hinweg summieren sich die Ausfälle." Doch die Angst vor Aktien bleibt bei vielen - obwohl der Dax nach der Zinsentscheidung der Zentralbank am Donnerstag die magische 10.000er-Marke geknackt hat. Die Deutschen sind top im Sparen, aber nur „Provinzklasse in der Geldanlage“, spottet Gottfried Heller von der Fiduka-Depotverwaltung in München im Gespräch mit "FOCUS Money".

Commerzbank-Experte Schickentanz empfiehlt seinen Kunden, Geld in verschiedene Anlagesegmente zu streuen, in Aktien, Anleihen, Rohstoffe, in verschiedene Regionen - je nach Absprache. Ein Berater überwacht das Portfolio und passt es an. Für die Kunden habe das den Vorteil, dass sie sich nicht selbst ums Depot kümmern müssen, sondern ihr Portfolio überwacht wird und ständig angepasst werden kann.

„Wer konservativ ist, kann über längere Sicht eine Rendite von 2 oder 2,5 Prozent erzielen, wer risikofreudiger ist, sogar oder 6 bis 7 Prozent", sagt er. Komplett ohne Risiko ist das natürlich nicht.

"Aber", sagt Schickentanz, "wird sind seit vier Jahren unter dem Titel schleichende Enteignung unterwegs“.

Auch Martin Hellmich empfiehlt jungen Sparern einen ähnlichen Weg. „Einem 30-jährigen Berufseinsteiger, der für seine Altersvorsorge sparen möchte, empfehle ich ein Investment in breit gestreute Fonds. Mit denen erreicht man längerfristig gesehen eine ordentliche Rendite.“

Gerade junge Sparer müssen natürlich bei der Wahl der Anlage berücksichtigen, ob sie in drei Jahren die letzte Rate für ihr Auto abstottern wollen oder viel längerfristiger ansparen wollen. Folgendes Beispiel zeigt, was eine langfristige Sparanlage in einer optimistischen Modellrechnung bedeuten kann: Wählt ein 30-jähriger Single heute eine Anlage mit mittlerem Risiko und investiert pro Monat sogar 600 Euro, könnte er mit 62 Jahren auf diese Weise bei einer Wertentwicklung von rund fünf Prozent rund 398.000 Euro gespart haben, ermittelte kürzlich die Quirin Bank für die Huffington Post.

Natürlich sind 600 Euro im Monat Sparbetrag angesichts teils horrender Miete für viele junge Menschen schon eine unrealistische Vorstellung. Außerdem müssen auch erstmal fünf Prozent Rendite (nach Abzug von Steuern und Inflation) übrig bleiben. Aber was wir daraus mitnehmen: Ausdauer lohnt sich.

Riestern und betriebliche Altersvorsorge:

Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) empfiehlt jungen Berufseinsteigern, mit dem Betriebsrenten (bAV)- und Riester-Sparen zu starten. Arbeitnehmer sollten sich erkundigen, ob der Arbeitgeber eine betriebliche Altersvorsorge anbietet.

In "FOCUS Money" nannte das IVFP das Szenario einer 27-jährigen Betriebswirtin (ledig, keine Kinder). Sie müsse dank der staatlichen Förderung von 100 Euro zur betrieblichen Altersvorsorge und den 130 Euro zum Riestern lediglich 39,37 Euro beziehungsweise 84,78 Euro zahlen.

Bausparen:

Die staatliche Bausparförderung erhält jeder ab 16 Jahren. Aber auch wer älter als 25 Jahre alt ist, könne durch Bausparverträge immer noch mehr Prämien bekommen, als wenn er das Geld auf einem Sparbuch oder einem Tagesgeld-Konto liegen lässt, sagt Commerzbank-Experte Schickentanz.

Gold:

"Einen Gold-Kauf für 500 Euro? Davon kann ich nur abraten. Aber wenn Sie 50.000 Euro haben, dann würde ich Ihnen empfehlen, davon fünf Prozent in Gold anzulegen. Das kommt für Berufseinsteiger wahrscheinlich nicht in Frage."

Lebensversicherung:

Glücklich schätzen können sich Berufseinsteiger, deren Eltern schon vorgesorgt haben und eine Lebensversicherung auf den Namen des Sohnes oder der Tochter abgeschlossen haben. Sollten monatliche Beiträge fällig sein, sollten die Kinder diese Versicherung unbedingt übernehmen, auch wenn dafür mitunter bei den Handykosten gespart werden muss.

Denn Altverträge haben noch üppige Zinszusagen mit 4 Prozent. Neue Verträge mit einem Garantiezins von 1,75 Prozent (bald werden es noch weniger sein) sind mehr schlecht als recht. Eine solche Verzinsung reicht manchmal nicht mal mehr, um die Kosten wieder reinzubekommen, die Lebensversicherer für ihre Service-Dienste von der Prämienzahlung abziehen.

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