GOOD
28/05/2014 17:05 CEST | Aktualisiert 27/03/2015 12:16 CET

Psychische Gewalt: Wenn Worte Leben zerstören

Weapon of Choice

Schlampe. Schwuchtel. Versager. Ein Wort kann wie ein Fausthieb sein. Wenn wir über Gewalt sprechen, meinen wir fast immer ihre körperliche Form. Ein Mensch kann einem anderen aber auch psychisch Gewalt antun. Ihn beleidigen, demütigen, erniedrigen. Und das hat oft schlimmere Folgen als Schläge oder Tritte.

Psychische Gewalt schlägt Wunden, die man zunächst nicht sieht. Und doch sind sie da. Zur Zeit bewegt das Foto-Projekt "Weapon of Choice" die Netzgemeinde. Der amerikanische Fotograf Richard Johnson macht die Grausamkeit der Worte sichtbar. Was wäre, wenn verbale Gewalt körperliche Spuren hinterlassen würde?

Blutergüsse, Prellungen, Schnittwunden: Die Menschen auf den Bildern tragen effektvolles Make-up, aber die Botschaft ist echt. Worte sind eben nicht nur Worte.

Worte sind Waffen. “Mit dem Projekt wollen wir zeigen, dass wir uns bei Mobbing in der Gesellschaft nur auf körperliche Gewalt konzentrieren", sagte Johnson der Huffington Post. "Es erregt großes Aufsehen, wenn ein Vater seinen Sohn, seine Tochter oder seine Frau misshandelt, aber das Problem geht viel tiefer. Bevor diese Menschen ihre Hand gegen jemanden erheben, misshandeln sie ihre Opfer verbal.”

Photo galleryGewalt der Worte See Gallery

In der Öffentlichkeit ist psychische Gewalt kaum ein Thema. Dabei ist sie viel weiter verbreitet als körperliche Übergriffe. Eine Studie aus dem Bundesgesundheitsblatt 2013 hat ergeben, dass jeder fünfte Deutsche 2012 Opfer psychischer Gewalt wurde. Körperliche Gewalt erlebte jeder Zwanzigste.

Fast immer aber geht es dem Täter darum, das Opfer zu degradieren. Um festzulegen, ob die Teilnehmer psychische Gewalt erlebt haben, stellten ihnen die Forscher der Studie deshalb die Frage: "Sind Sie in den letzten zwölf Monaten durch irgendeinen Menschen abgewertet worden (zum Beispiel bezüglich Ihres Aussehens, Ihrer Art, sich zu kleiden, Ihrer Denk-, Handlungs- oder Arbeitsweise oder möglicher Behinderungen)?"

Beleidigungen und hämische Kommentare werden oft als harmlos abgetan. Dabei sagten mehr als die Hälfte der Befragten in der Studie, dass sie dadurch "in ihrem Befinden stark oder sehr stark beeinträchtigt" worden seien.

Seelische Gewalt kommt in verschiedenen Umfeldern vor. Sie betrifft Erwachsene, aber auch Kinder.

Psychische Gewalt in Beziehungen

Es gibt den kleinen Streit in Partnerschaften. Den Ehe-Knatsch, der eben vorkommt, wenn zwei Menschen lange zusammen sind und viel Zeit miteinander verbringen. Es gibt aber auch Beziehungen, in denen ein Partner den anderen demütigt. Dauernd. "Psychische Gewalt ist unglaublich schwer greifbar", sagt Kerstin Zander, die einen Verein gegen Partnerschaftsgewalt gegründet hat: "Re-Empowerment". Zander sagt: "Einzelne Vorfälle wirken oft harmlos. Sie werden als Kabbeleien abgetan."

Gefährlich werde es dann, wenn ein Partner den anderen systematisch unterdrücke. Wenn er versuche, Dominanz und Kontrolle über ihn zu erlangen. Zander beschreibt das so: "Stellen Sie sich vor, Ihr Partner sagt Dinge zu Ihnen wie Dieter Bohlen zu den Kandidaten bei 'Deutschland sucht den Superstar'. Und stellen Sie sich vor, er tut das jeden Tag."

Es können kleine Bemerkungen über Kochkünste oder Kleidung sein. Witze vor gemeinsamen Freunden. Oder entmutigende Kommentare wie: "Den Job bekommst du doch sowieso nicht." Keine Beziehung wandle sich von heute auf morgen, sagt Zander. "Der psychische Terror baut sich langsam und schleichend auf. Der Täter radiert systematisch Ihr Selbstbild aus und ersetzt es durch das Bild, das er von Ihnen hat." Und bald fühlt sich das Opfer tatsächlich wertlos, dumm, hysterisch oder frigide.

"Re-Empowerment" stellt diesen Prozess als Gewaltspirale dar:

"Die Betroffenen leiden unter Depressionen, Angststörungen oder psychosomatischen Störungen. Sie werden teilweise arbeitsunfähig", sagt Kerstin Zander. Der wichtigste Schritt für das Opfer sei es, zu erkennen, dass es Gewalt erlebe. "Deshalb muss es in der Öffentlichkeit viel mehr Informationen zu dem Thema geben."

Mobbing in der Schule

Lehrer und Schulleiter unterschätzen dieses Phänomen oft. Die Schüler werden das unter sich regeln, denken sie. Es sind ja nur Kinder. Harmlose Hänseleien - solange niemand körperlichen Schaden nimmt.

Doch hinter Spitznamen und Sätzen wie "Du stinkst" oder "Du bist hässlich" steckt viel mehr. "Verbales Mobbing soll das Opfer entwürdigen", sagt Mechthild Schäfer, Entwicklungspsychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die betroffenen Kinder denken, dass sie etwas falsch machen. Dass sie anders sind. "Sie sehen nicht, dass sie für ein ganz anderes Ziel benutzt werden", sagt Schäfer. "Die mobbenden Kinder wollen ihren Status gegenüber der Gruppe demonstrieren."

Sie demütigen die anderen Kinder nur aus einem Grund - um zu zeigen: Ich kann das tun und niemand hält mich auf. "Schon Fünfjährige sagen Sätze wie 'Du bist schwul'. Dabei verstehen sie noch gar nicht, was sexuelle Orientierung ist", sagt Schäfer. "Aber sie wissen, dass sie den anderen dadurch erniedrigen."

Für die Opfer kann das verbale Mobbing schlimme Folgen haben. Sie ziehen sich zurück, zeigen schlechtere Leistungen. "In etwa 15 Prozent der Mobbingopfer berichten von Selbstmordgedanken während ihrer Schulzeit", sagt Schäfer.

Doch auch wenn das Mobbing mit dem Erwachsenwerden aufhört - oft leiden die Betroffenen langfristig. Das fand Schäfer in einer groß angelegten Studie unter Lehrern und Studenten in Deutschland, Spanien und England heraus. Die, die früher gemobbt wurden, empfanden später mehr soziale Einsamkeit. Sie nahmen sich und andere in sozialen Beziehungen negativer wahr. Sie erwarteten auch als Erwachsene, dass andere Menschen sich leichter von ihnen abwenden. "Ihnen fehlt ein Stück des Grundvertrauens in ihre sozialen Beziehungen", sagt Schäfer.

Wenn ein Schüler gemobbt wird, kann er sich nicht selbst aus dieser Situation befreien. "Das Opfer hat keine Chance, egal, was es macht", sagt Schäfer. Das Kind weicht seinen Peinigern aus. Es wird schlimmer. Das Kind wehrt sich. Es wird schlimmer.

"Unser Schulsystem versagt", sagt Schäfer. "Weil es solchem Verhalten keine Grenzen setzt." Die einzige Lösung sei ein gemeinsamer Schulethos, an den sich alle hielten. Nicht nur die mobbenden Schüler, jedes Kind in der Klasse müsse wissen, dass Mobbing nicht toleriert werde. Auch, wenn das für Wiederholungstäter am Ende den Schul-Ausschluss bedeutet.

Kampagnen wie "Find a voice" wollen die Gesellschaft auf das Thema aufmerksam machen. "Find a voice", also finde eine Stimme, ist eine Initiative der National Australia Bank und der "Allanah and Madeline Foundation" - eine Stiftung, die Kinder vor Gewalt schützt.

Huffington-Post-Blogger Jonas Wuttke hat selbst einen Kurzfilm über Mobbing gedreht.

Die Werner-Bonhoff-Stiftung bietet den Test "Hat deine Schule Mobbing im Griff" für Schüler und Eltern an.

Video: Überwältigende Reaktionen auf Hashtag: # notjustsad - so fühlt sich Depression wirklich an