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25/05/2014 10:24 CEST | Aktualisiert 03/09/2014 15:20 CEST

Panikattacken: 8 Dinge, die nur Menschen mit Angststörung verstehen

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Für Menschen, die an einer Angststörung oder an Panikattacken leiden, kann der Alltag eine größere Herausforderung darstellen, als ihren meisten Mitmenschen bewusst ist. Da sind die schreckliche Angst vor bestimmten Ereignissen, der vage Gedanke an eine Panikattacke und die permanenten körperlichen Symptome – und all das kann noch schlimmer sein, wenn sich das Gefühl einstellt, dass niemand versteht, was los ist.

Laut Todd Farchione, klinischer Psychologe an der Boston University, erklärt Hintergründe und gibt Tipps, was man tun kann, um heikle Situationen zu entschärfen.

Der Satz „Beruhig Dich“ ist sehr nervig

Das Letzte, was ein Mensch mit einer Angststörung macht, dem man sagt, er solle sich beruhigen, ist eben dies zu tun. Wahrscheinlich macht es die Situation sogar noch schlimmer. Farchione berichtet über Forschungsergebnisse, die darauf schließen lassen, dass der Versuch, sich während Panikattacken zu beruhigen, die emotionale Reaktion in diesem Moment noch verstärken kann. Der Betroffene kann eine noch intensivere Reaktion auf den Auslöser erleben, wenn er versucht, sich nicht zu fürchten.

Anstatt jemanden mit einer Panikattacke aufzufordern, sich zu beruhigen, schlägt Farchione vor, Verständnis zu zeigen. „Es ist eine schlechte Strategie, jemandem zu sagen, er solle sich beruhigen, da der Betroffene so keine Vorstellung davon bekommt, wie er dies tun kann“, erklärt Farchione. „Wenn die Person sich beruhigen könnte, würde sie dies natürlich tun – es ist eine zu einfache Sichtweise.“ Eine besser Herangehensweise ist es, Fragen zu stellen, wie zum Beispiel: „Wodurch fühlst Du Dich so?“ Indem darüber gesprochen (und generell gesprochen) und nachgedacht wird, können Menschen mit einer Angstattacke besser mit der Situation umgehen.

Panikattacken können aus dem Nichts kommen

Manche Panikattacken kommen aus dem Nichts, ohne die geringste Vorwarnung, wohingegen andere durch bestimmte Situationen ausgelöst werden. Unabhängig davon, wann es passiert (und wie diese Erfahrung Sie persönlich betrifft), es ist niemals angenehm und nur sehr selten günstig.

„Wenn jemand an einer dieser Störungen leidet, ist dies völlig lähmend für ihn“, erklärt Farchione. „Dies liegt teils daran, dass die Betroffenen erkennen, dass ihre Empfindung völlig irrational ist. Sie haben aber gelernt, in solchen Situationen auf eine bestimmte Weise zu reagieren – es ist daher eine natürliche Reaktion auf diese Situationen. Das kann sehr beängstigend sein.“

Angst kann sich in verschiedenen körperlichen Krankheiten äußern

Panikattacken betreffen nicht immer nur den Geist – sie können auch körperliche Symptome verursachen. Im Jahr 2007 hat eine neuseeländische Studie den Zusammenhang zwischen Angststörungen und der Entwicklung des Reizdarmsyndroms nachgewiesen.

Das hohe Stresslevel, das gewöhnlich mit Angststörungen einhergeht, kann Symptome hervorrufen, die von Nesselfieber und Hautausschlag bis zu Schwindelgefühl und Mundtrockenheit führen können.

Angst bekommt eine neue Bedeutung

Wer es mit Panikattacken zu tun bekommt, dessen Ängste werden extrem verstärkt – und das ist etwas, das nicht unbedingt wieder verschwindet. Ein Flugzeug oder einen Raum voller fremder Menschen zu betreten, kann sehr quälend werden, und es gibt keine schnelle Lösung für diese Gefühle.

Die Kinderpsychiaterin Allison Baker erklärte, dass wir alle uns unwohl fühlen, wenn wir Ungewissheiten gegenüberstehen. Menschen mit einer Angststörung empfinden die Angst auf einer tiefergehenden Ebene. „Wir alle empfinden Angst in einem gewissen Maße”, erzählte Baker HuffPost Healthy Living. „Es hilft uns, uns für öffentliche Auftritte vorzubereiten, zu üben und zu trainieren. Jeder kann sich mit diesem Gefühl identifizieren. Bei einer Angststörung wird diese mäßige Nervosität zu einer chronischen und täglichen Erfahrung.“

Um einem Betroffenen zu helfen, versuchen viele Menschen, ihn nicht mit dem Auslöser der Angst in Berührung zu bringen. Farchione warnt jedoch davor, dass diese Art Mitgefühl die angstbeladenen Gewohnheiten noch verschlimmern kann.

Angehörige können sich so für die Panikattacken des Betroffenen sensibilisieren, dass sie beispielsweise ihr Heim übermäßig reinigen, damit keinerlei Keime vorhanden sind. Oder sie meiden bestimmte Situationen völlig, um keine Belastung durch Stress zu verursachen. „Dies ist auch nicht der richtige Weg und fördert die Angst sogar noch“, sagt Farchione. „Mit diesem Verhalten bestätigt man, dass die Angst begründet und rational ist, was problematisch sein kann.“

Wenn Patienten mit Panikattacken von ihrer Erkrankung erzählen, versucht der Zuhörer häufig, dies nachzuvollziehen und nachzuempfinden. Studien haben aber nachgewiesen, dass Stress ein ansteckendes Gefühl ist. Wenn zwei Menschen sich gemeinsam auf negative Aspekte konzentrieren, schadet dies mehr, als es nützt, so Keith Humphreys, Professor der Psychiatrie an der Stanford University. „Es ist wichtig, sich nicht nur aufeinander zu konzentrieren“, sagte Humphreys HuffPost Healthy Living. „Zwei Menschen mit einer Angststörung können sich gegenseitig hochschaukeln. Wenn Menschen Probleme haben, ihre Angst in den Griff zu bekommen, versuchen Sie, sich nicht daran zu beteiligen, auch wenn Sie denken, dass es helfen könnte.“

Es ist erschöpfend, sich zu viele Gedanken zu machen (aber man kann nichts dagegen tun)

Es ist ein Teufelskreis: Ihre Gedanken werden zu Ihren Sorgen und Ihre Sorgen werden zu Ihren Gedanken. Doch gemäß einer in der Zeitschrift PLOS One veröffentlichten Studie kann es Folgen haben, Gedanken zu sehr nachzuhängen. Die Forscher fanden heraus, dass das Wälzen von negativen Gedanken einer der wichtigsten Prädiktoren für Depressionen und Panikattacken sind. Und die psychologische Reaktion auf Ereignisse ist noch entscheidender als das, was tatsächlich passiert ist.

Farchione empfiehlt, professionelle Hilfe zu suchen, wenn Betroffene anfangen, sich zu sehr in ihren negativen Gedankengängen zu verlieren. „Die Gefühle der Betroffenen sind real und keineswegs nur Einbildung“, erklärt er.

Farchione berichtet, dass es vielen Menschen Spaß bereitet, Phobiker mit ihren Angstauslösern zu konfrontieren, wie zum Beispiel jemandem mit Arachnophobie das Bild einer Spinne unter die Nase zu halten. Er schlägt vor, dass man an sein eigenes Mitgefühl appellieren sollte, bevor man einen Witz macht. „Machen Sie sich bewusst, dass die Ängste für die Betroffenen ganz real sind, egal wie irrational und unverständlich sie Ihnen erscheinen. Es ist besser, diese mit Rücksicht und Respekt zu behandeln“, so Farchione.

Das ungute Gefühl, das mit einer Tablettenpackung einhergeht

Emotionale und geistige Störungen mit Medikamenten zu heilen, kann mit einem Stigma belegt sein – und diejenigen, die gegen ihre Panikattacken Medikamente verschrieben bekommen, sind nur allzu vertraut mit dem unguten Gefühl, dass mit der Tablettenpackung einhergeht.

Tom Wootton, Autor und Referent für mentale Gesundheit, erklärt in einem Blog auf Psychology Today, dass das Stigma nur ein weiteres äußerliches Anzeichen für die Unsicherheit ist. „Wir können uns vor vielen Dingen fürchten, aber die schlimmste Angst ist die vor dem Unbekannten. Die Kombination aus Angst und Ignoranz ist so brisant, dass viele Menschen der Überzeugung sind, dass Angst und Ignoranz ein und dasselbe sind … Aber wenn wir die Angst und ihre Rolle in unserer Erkrankung verstehen, können wir sie nutzen, anstatt uns von ihr zerstören zu lassen“, schrieb er.

Farchione betont, dass es einen Weg gibt, weiterzumachen und die Angst hinter sich zu lassen – sei es durch Medikamente, Gesprächstherapie oder beides. Er erklärt, dass es unterschiedliche Behandlungsmethoden gibt und dass es vor allem darum geht, was im Einzelfall die beste Methode ist. „Es gibt Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen, und nicht nur eine. Sie können darüber hinwegkommen. Es gibt keinen Grund dafür, dass Menschen so leiden sollten, wie sie leiden”, sagt er.

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