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19/03/2014 06:05 CET | Aktualisiert 20/03/2014 06:10 CET

Ärzte müssen wieder Menschen sein - keine gefühllosen OP-Maschinen

Zuhören, erklären, Zeit nehmen: Viele Patienten wünschen sich mehr Menschlichkeit von Ärzten
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Zuhören, erklären, Zeit nehmen: Viele Patienten wünschen sich mehr Menschlichkeit von Ärzten

Der Anruf kommt unerwartet: "Die Operation Ihrer Mutter wurde vorgezogen. Sie muss jetzt ins Krankenhaus kommen." Kathy LeMay und ihre Familie sind geschockt. Eigentlich sollte sich die Mutter erst Monate später dem Eingriff unterziehen. Brustkrebs. Stadium drei. Die OP ist kompliziert, es könnte sein, dass sie nicht überlebt.

Wenigstens hatten sie noch eine Weile, um sich darauf vorzubereiten, dachten die LeMays. Nun aber soll alles schnell gehen. Ein neuer Chirurg habe den Fachbereich übernommen und beschlossen, die OP früher durchzuführen, heißt es. Also packt die Patientin ihren Koffer und fährt ins Krankenhaus. Ihr Mann und ihre Tochter, Kathy, begleiten sie.

Der Patient als Ware

In der Klinik schleust man die Familie von Untersuchung zu Untersuchung. Niemand fragt, wie es den LeMays geht, niemand hört ihnen zu. Das Krankenhaus ist eine Maschine. Und die Patienten sind Waren, die auf dem Fließband transportiert werden.

Kathy LeMay hat Angst um ihre Mutter. Mit ihrer Organisation "Raising Change" ist sie sonst für andere Menschen da und sammelt Geld für den sozialen Wandel. Jetzt könnte sie selbst Beistand gebrauchen.

Sie fühlt sich hilflos, alleingelassen. Bis die Tür zum Krankenzimmer aufgeht und eine Frau hereinkommt. "Ich stand gerade neun Stunden im OP. Ich bin total erschöpft, aber ich habe ein Leben gerettet", sagt sie. "Ich bin die Chirurgin. Ich werde Sie operieren." Die Ärztin greift Kathys Mutter an der Hand: "Und jetzt erzählen Sie mir Ihre Geschichte." Kathy sieht, wie die Anspannung aus den Schultern ihrer Mutter weicht. Endlich hört jemand zu. Endlich ist jemand Mensch.

So alleingelassen wie anfangs die LeMays fühlen sich vielen Patienten und deren Angehörige. Sie wünschen sich mehr Menschlichkeit von ihren Ärzten. Die sind oft zu sehr in medizinische Details vertieft. Krankheitsverlauf, Statistiken, Fachbegriffe. Das Startup "Washabich.de" will Mediziner nun darin schulen, wie sie besser mit ihren Patienten sprechen können.

Mehr Menschlichkeit in der Medizinerausbildung

Bisher waren die Macher der Website schon sehr erfolgreich damit, medizinische Befunde in die Sprache von Laien zu übersetzen. Patienten senden die Dokumente ein, Medizinstudenten oder Ärzte erklären sie in einer verständlichen Sprache - kostenlos. 16.819 Befunde wurden seit Gründung des Portals 2011 übersetzt, 975 Mediziner engagierten sich bereits regelmäßig auf der Plattform. Das Projekt wird gefördert von Ashoka, einer internationalen Organisation, die sich für soziales Unternehmertum einsetzt.

Nun geht "Washabich.de" einen Schritt weiter: "Unsere Arbeit hat vielen Menschen geholfen", sagt Geschäftsführer Johannes Bittner. "Aber mit knapp 17.000 übersetzten Befunden rettet man noch nicht die Welt." Das Startup will das Übel jetzt von Grund auf bekämpfen - und sich für eine Ausbildung der Mediziner engagieren, die näher am Patienten ist.

Zum Sommersemester geben die Macher von "Washabich.de" einen Kurs an der Universität Hamburg. Medzinstudenten lernen, wie sie so sprechen, dass Patienten sie verstehen. Nach erfolgreich ablegter Prüfung bekommen sie einen Schein. Wenn die Fakultätskommission ihr Einverständnis gibt, startet das Projekt bald auch an der Uni Dresden. "Später wollen wir das Prinzip an weiteren Fakultäten in Deutschland etablieren", sagt Johannes Bittner.

"Ich muss mich schon sehr anstrengen, verständlich zu sprechen"

98 Prozent der Übersetzer geben an, dass ihre Arbeit für "Washabichde" ihre Fähigkeiten verbessert habe, mit Laien zu sprechen. So geht es auch Karen Kühlke, Medizinstudentin im 8. Fachsemester. Seit drei Wochen ist sie dabei und merkt schon, dass sich ihre Einstellung zu Patienten verändert hat.

"An der Uni haben wir Professoren, die Wert darauf legen, dass wir unsere Sätze mit so vielen Fachbegriffen wie möglich spicken", sagt Kühlke. Zur Zeit macht sie ein Praktikum in der Augenheilkunde und bemüht sich, ihr neues Einfühlungsvermögen einzusetzen: "Ich muss mich schon sehr anstrengen, um so zu sprechen, dass es die Patienten verstehen."

Die Mühe lohnt sich, die Patienten und ihre Familien sind dankbar. So wie Kathy LeMay, als sie die Chirurgin sofort nach dem Eingriff informiert. "Ich konnte alle Nerven ihrer Mutter retten", sagt sie mit einem stolzen Lächeln.

Da geht plötzlich ihr Pager los. Ruhig sagt die Ärztin: "Es gibt Komplikationen bei ihrer Mutter. Ich gehe jetzt zu ihr. In fünf Minuten werde ich Sie aus dem OP anrufen und Ihnen sagen, was passiert."

Das tut sie auch. Kathy bangt um ihre Mutter, bis die erlösende Nachricht kommt, dass alles überstanden ist. Sie weiß: Ohne diese eine Chirurgin hätte die Familie die schweren Stunden vor Angst kaum ausgehalten.

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