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17/02/2014 15:28 CET | Aktualisiert 18/02/2014 10:50 CET

Schule muss nicht schlimm sein - Drei Schülerinnen mit dem Rezept für besseren Unterricht

Drei Mädchen, die Antworten haben für die Schule der Zukunft
Hans Scherhaufer
Drei Mädchen, die Antworten haben für die Schule der Zukunft

Hässlich sei ihre Schule von außen, sagen Alma (14), Jamila (15) und Lara-Luna (16). Es ist ein alter DDR-Plattenbau in der Nähe vom Alexanderplatz. Und auf dem Pausenhof müssen sie aufpassen, dass sie nicht über Wurzeln stolpern.

Aber das war schon alles, was ihnen Negatives zu ihrer Schule einfällt. Sie lieben die Evangelische Schule Berlin-Zentrum (ESBZ). Sie sind glücklich, nicht auf „irgendeinem blöden Gymnasium“ sein zu müssen, sondern auf ihrer Gemeinschaftsschule, in der es von der siebten bis zur neunten Klasse keine Unterteilung in Jahrgänge gibt.

So einiges ist an ihrer Schule anders als an anderen Schulen. Die Mädchen haben darüber ein Buch geschrieben. „Wie wir Schule machen“ heißt es und ist jetzt im Knaus-Verlag erschienen. Es geht um die Zukunft des Lernens. Alma, Jamila und Lara-Luna fordern einen Wandel in deutschen Klassenzimmern. Denn Schule müsse nicht frustrieren. Lehrer und Schüler müssten sich nicht gegenseitig anöden und bekämpfen, wie es manche Freunde und Freundinnen von anderen Schulen schildern. „Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass die Dinge nicht zu ändern sind“, erklären die Mädchen.

Das sind ihre zentralen Forderungen:

1. Schluss mit dem Frontalunterricht

„Man sitzt, man hört, man schreibt“, beschreiben die Mädchen den typischen Unterricht an den meisten Schulen. „Vorne steht einer, und die anderen haben zu verstehen, was er sagt, und dann gibt es Arbeitsblätter zum Ausfüllen.“ Die Schülerinnen können nicht fassen, dass das Alltag an deutschen Schulen ist. „Das ist so unwirklich, so krass. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht?“.

2. Raus aus den Klassenräumen

Die Schülerinnen fordern Praktika spätestens ab der dritten Klasse. Drittklässler könnten im Kindergarten ein Praktikum machen, schlagen die Mädchen vor. An ihrer Schule besuchen die Siebt- und Achtklässler jeden Mittwoch nach dem Mittagessen andere Orte, Altenheime oder Grundschulen, um dort Verantwortung zu übernehmen. Außerdem können Alma, Jamila und Lara-Luna nicht verstehen, dass der Biologie-Unterricht viel zu oft drinnen stattfindet und der Religionsunterricht viel zu selten in Kirchen.

3. Rollentausch

Schüler an die Macht! So kann man eine weitere Forderung der Schülerinnen zusammenfassen. Schüler sollten einmal den Unterricht übernehmen. Das würde helfen, sich gegenseitig besser wahrzunehmen. Die Schüler wüssten, dass es ganz schön schwierig ist, die Aufmerksamkeit einer Gruppe nicht zu verlieren - und die Lehrer würden verstehen, dass es anstrengend ist, lange zuzuhören.

4. Verzicht auf Noten

An der ESBZ gibt es bis zur achten Klasse keine Noten. „Der Kampf und die Konkurrenz um die besten Noten entfallen“, loben die Schülerinnen. „Wir finden es schlimm, dass es für alles, was man in der Schule tut, Noten gibt.“ Sie glauben, dass Noten den Lehrer helfen, „weil sie so nicht jedes Kind endlos lange bewerten müssen. Sondern ihm einfach nur eine Zahl geben.“ An ihrer Schule gibt es vierseitige Zeugnisse, mit persönlichen Bemerkungen zum Arbeits- und Sozialverhalten.

5. Klassenrat einrichten

Wenn Gleichaltrige in einer Klasse hocken, wird gemobbt. Wenn einer zu dick ist, aus der Sicht der Mehrheit die falschen Klamotten trägt oder häufig auf dem Schlauch steht. An der Berliner Reform-Schule gibt es einen Klassenrat, der Ort, an dem gestritten wird. Wo auch mal Tränen fließen können. Aber es gibt Regeln für Feedback, die ein Regelwächter prüft. „Der Lehrer spielt da überhaupt keine Rolle, er sitzt nur da und hört zu.“ So viel Autonomie ist für viele Lehrer sicher ein Albtraum.

6. Vollversammlung nutzen

Jede Schule kann eine Vollversammlung institutionalisieren - irgendeinen Raum, der groß genug ist, werde es schon geben, argumentieren die Schülerinnen. Bei einer Vollversammlung haben alle Schüler die Gelegenheit, über die großen und kleinen Themen zu sprechen. Alles, was den Schülern und Schülerinnen auf den Herzen liegt, kann zur Sprache kommen. Egal, ob es um das gestohlene Portemonnaie geht oder um große Themen wie Fukushima oder brennende Textilfabriken in Bangladesch.

7. „Herausforderungen“ als Unterrichtsfach

Die Schüler an der ESBZ müssen Herausforderungen planen. Drei Wochen im Schuljahr verplanen sie, mehr als 150 Euro dürfen sie nicht ausgeben. Manche Schüler wandern 362 Kilometer von Berlin nach Usedom und zurück, andere fahren mit dem Zug nach Florenz und arbeiten dort in einer Käserei. „Das Projekt Herausforderung ist bei den meisten von uns das Lieblingsfach“, schreiben die Mädchen. Die Projekte würden sie prägen und verändern.

8. Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit als Ziel

Die Mädchen können nicht verstehen, dass derjenige, der einen Freund abschreiben lässt und dabei erwischt wird, eine Strafe bekommt. „Die schlechteste Note, die es gibt. Wofür? Für Hilfsbereitschaft.“ Das sei absurd. „Es heißt doch immer, die Unternehmen suchen teamfähige und sozial engagierte Mitarbeiter. Wäre die Schule dafür nicht eigentlich zuständig?“

Nicht alle finden gut, was da in Berlin und anderen Reformschulen geschieht. Sie sind misstrauisch. Alma, Jamila und Lara-Luna erinnern sich an eine Lehrerin einer anderen Schule, die in Berlin zu Besuch war. Sie stellte den Mädchen eine Test-Rechenaufgabe. „Sie war drauf und dran, uns noch mehr Aufgaben zu stellen, aber wir sind gegangen, das war uns dann doch zu blöd.“ Manche Eltern sind ähnlich skeptisch, befürchten, dass ihre Kinder zu wenig lernen, um später ein Einser-Abitur zu machen und zu studieren.

Die drei Mädchen können das nicht nachvollziehen. „Für uns ist total logisch, was wir erzählen. Wir machen ja die Erfahrung, dass es geht.“ Die Mädchen sind gefragte Expertinnen, reisen nach Zürich, Basel, Wien oder Stuttgart, um ihre Ideen zu präsentieren.

Doch solange der bildungspolitische Flickenteppich in Deutschland bleibt, wird es zu keiner großen Bildungswende kommen. Reformen bleiben zu häufig auf lokale Initiativen begrenzt. Über die natürlich alle staunen, die sich alle gerne anhören. Und dann geht’s zurück in den Alltag. In dem Schüler bis 22 Uhr ihre Hausaufgaben machen. In dem Eltern den Lehrern vorwerfen, ihre Kinder falsch zu unterrichten. Und Lehrer verzweifeln und mit 50 in Frührente gehen. Nicht unbedingt, weil sie faul sind, sondern weil sie an ihrem Ehrgeiz und dem Hass der Eltern zugrunde gehen.

wie wir schule machen

Alma de Zárate, Jamila Tressel, Lara-Luna Ehrenschneider: Wie wir Schule machen. Lernen wie es uns gefällt. Knaus, 191 Seiten, ISBN: 978-3-8135-06181-1. Preis: 19,99 Euro.