POLITIK
17/02/2014 01:35 CET

Warum das Chaos in Libyen Deutschland nicht egal sein kann

Getty

Der erste Februar 2014 war ein außergewöhnlicher Tag: Da gab es eine gute Nachricht aus Libyen: Seine Fußball-Nationalmannschaft des nordafrikanischen Landes hat den ersten internationalen Titel ihrer Geschichte gewonnen, im African Nations Championship.

Normalerweise gibt es vor allem Trauriges zu berichten aus dem Land, in dem vor genau drei Jahren der Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi begann. Noch immer ist das Land im Würgegriff von Gewalt, noch immer gibt es nur eine provisorische Regierung.

„Den Menschen geht es jetzt wesentlich schlechter als unter Gaddafi“, sagt Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt (ZEFAW) an der Universität Mainz, zur Huffington Post. „Die Unsicherheit, die unkontrollierbaren Milizen, die Straßensperren ...“ Dieses Chaos betrifft auch Deutschland.

1. In Deutschland suchen viele Libyer Schutz

Nach Auskunft des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) leben derzeit mehr als 10.500 Libyer in Deutschland. 2010, als noch Gaddafi das Land beherrschte, stellten 18 Personen einen Antrag auf Asyl in Deutschland. 2011, als die Krise ausbrach, waren es 170. Im vergangenen Jahr hatte sich die Lage noch verschärft: Da gingen 346 neue Anträge beim Bamf ein.

2. In Libyen ausgebildete Terroristen können auch hier zuschlagen

Wenn sich Terroristen ein Stelldichein geben wollen, zum Austausch oder zur Ausbildung, ist Libyen, dieser failed state ohne funktionierende Polizei und Justiz, ein beliebtes Ziel. Der örtliche Al-Kaida-Ableger zum Beispiel soll mehrere Ausbildungslager im Land unterhalten. „Dort ausgebildete Terroristen können auch in Europa zum Einsatz kommen“, sagt Meyer.

3. Waffen aus Gaddafis Arsenal sind eine weltweite Bedrohung

Muammar al-Gaddafi hat ein immenses Waffenarsenal aufgebaut. Die Chemiewaffen sollen, so bestätigte die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) Anfang Februar, nun vernichtet sein. Meyer würde allerdings nicht ausschließen, dass doch solche Waffen, die bereits während der Kämpfe gegen Gaddafi entwendet wurden, doch noch auftauchen. Die Handfeuerwaffen Gaddafis sind unters Volk gebracht, die Bestände wurden geplündert.

Und von dort werden die Waffen in andere Krisengebiete geschmuggelt, an deren Befriedung Deutschland und Europa ein großes Interesse haben: Syrien, Ägypten und Mali zum Beispiel. Gerade wird in Deutschland diskutiert, ob man nicht mehr Truppen nach Mali schicken müsste.

„Außerdem ist nicht auszuschließen, dass Terroristen Waffen aus geplünderten libyschen Arsenalen auch für Anschläge in Europa nutzen“, sagt Meyer.

4. Weniger Spielraum in der Energieversorgung

Die Förderung von hochwertigem, teils sehr schwefelarmem Erdöl in Libyen ist während der Kämpfe zusammengebrochen, stieg 2012 wieder auf 1,6 Millionen Barrel – und brach dann wieder ein, weil Milizen die Förderanlagen und Exporthäfen besetzten, wie Meyer sagt. „Der Weltmarkt hat das aber längst aufgefangen.“

Doch Libyen droht die ganze Region zu destabilisieren – und damit auch jene Länder, in denen das Sonnenenergieprojekt Desertec entstehen sollte. „Die dort gewonnene Energie sollte vor allem in Europa genutzt werden.“

5. Pech für die deutsche Bauindustrie

In Libyen gab es große staatliche Infrastrukturprojekte. Die sind wegen der Gewalt, wegen der eingefrorenen Gelder im Ausland und den fehlenden Einnahmen aus den Erdölexperten zunächst zum Erliegen gekommen – und die kommen laut der Germany Trade & Invest, der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft, nicht so recht wieder in Gang.

„Deutsche Firmen, insbesondere aus der Bauindustrie und im Anlagenbau, hatten viele Projekte in Libyen“, sagt Meyer. „Die sind weitgehend zum Erliegen gekommen. Und angesichts der Unsicherheit wird es da auch nicht so schnell weitergehen.“

6. Suche nach der Wahrheit über Lockerbie

Vor gut 25 Jahren haben Terroristen ein Flugzeug der Panam über Lockerbie in Schottland gesprengt. 270 Menschen starben, darunter vier Deutsche. Als Verantwortlich galt der libysch Geheimdienst. Nun wollen Großbritannien, die USA und Libyen einen neuen Versuch starten, den Anschlag aufzuklären. Das geht nur, wenn in Libyen recherchiert werden kann.