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17/02/2014 16:21 CET | Aktualisiert 17/02/2014 17:38 CET

Citizen Science in Deutschland: Online-Gamer lösen Rätsel der Wissenschaft

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Als sich die holländische Grundschullehrerin Hanny van Arkel abends an den PC setzt, ahnt sie nicht, dass sie gleich eine große Entdeckung machen wird. Sie loggt sich bei der Webseite „Galaxy Zoo“ ein, eine Online-Community, deren Mitglieder sich durch hunderte Bilder von Sternen klicken. Sie suchen nach Ungereimtheiten, lösen Rätsel, finden verlorene Planeten. Eine Art Videospiel für "Star Wars"-Fans.

Nur, dass "Galaxy Zoo" keine erfundene Spiele-Welt ist. Die Bilder zeigen echte Galaxien. Die Gamer müssen sich nicht mehr den Vorwurf anhören, dass sie ihre Zeit mit Daddeln verschwendeten. Sie leisten echte Forschungsarbeit - ehrenamtlich und ohne wissenschaftliche Kenntnisse.

Auf Hannys Bildschirm erscheint das Foto einer Galaxie, die sie einordnen soll. Ist das Objekt rund oder spiralförmig? Wo leuchtet es am hellsten? Sie will gerade zum nächsten Foto klicken, da fällt ihr ein komischer Fleck auf. So etwas hat sie bei „Galaxy Zoo“ noch nie gesehen.

Lösungen für Probleme, über denen Wissenschaftler Jahrzehnte brüten

Sie veröffentlicht das Foto im Forum der Webseite und fragt die anderen Mitglieder der Community um Rat. Keiner kann sich das Phänomen erklären. Bald beschäftigt der Fleck auch die Profi-Wissenschaftler, die „Galaxy Zoo“ betreuen.

Später stellt sich heraus, dass dieses Objekt eine bis dahin unentdeckte Gaswolke ist. Sie zeugt von einer Kollision, bei der vor 100.000 Jahren Sterne entstanden. Hannys Fund bringt der Forschung neue Erkenntnisse über Schwarze Löcher.

An einem Abend vor dem heimischen PC hat eine Grundschullehrerin einen wichtigen Beitrag zur Astrophysik geleistet. Hanny ist das bekannteste Beispiel für einen Trend in der Wissenschaft: Bürgerforscher, sogenannte Citizen Scientists, finden Lösungen für Probleme, über denen Forscher seit Jahrzehnten brüten.

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Punkte, Level, Ranglisten: Wissenschaft als Computerspiel

Sie sind engagiert und sie sind viele. 300.000 Freiwillige arbeiten bei „Galaxy Zoo“ mit. Nur mit ihrer Hilfe können die Wissenschaftler von „Galaxy Zoo“ eine Million Fotos auswerten, die ein Weltraum-Teleskop aufgenommen hat.

In Amerika und Großbritannien gibt es unzählige solcher Forschungsprojekte für Laien. Oft sind sie als Computerspiel programmiert, bei dem die Nutzer Punkte bekommen und neue Levels erreichen. Das macht Spaß und hat einen Nutzen. Zocken für die Wissenschaft.

Das Spiel "Phylo" funktioniert ähnlich wie der Gameboy-Klassiker "Tetris". Die Spieler müssen bunte Bausteine so verschieben, dass sie farblich zusammenpassen. Diese Bausteine sind DNA-Stränge. "Phylo" vergleicht menschliche Gene mit denen verschiedener Tierarten. Weil alle Lebewesen gemeinsame Vorfahren haben, ist die DNA an bestimmten Stellen gleich. Normalerweise finden Computer diese Ähnlichkeiten. Das menschliche Gehirn kann aber viel besser Muster erkennen als eine Maschine.

Die Wissenschaftler haben auch Strategiespiele für sich entdeckt. Sie erinnern an den Facebook-Hit "Farmville" oder an das Kriegsspiel "Age of Empires". Bald erscheint das Spiel "Ora", bei dem die Zocker sich um ein Stück Wald in Neuseeland kümmern müssen. Mit Fallen, Gift und anderen Methoden sollen sie die Bäume vor Beuteltieren schützen. Der sogenannte Fuchskusu ist aus Australien eingewandert und bedroht nun neuseeländische Pflanzen und Tiere. Die erfolgreichsten Strategien der Spieler wollen die Forscher in der Praxis testen.

Sterne zählen in Berlin - mit dem Smartphone

Das Weiße Haus hat Bürgerwissenschaftler mehrfach für ihren Verdienst um die Forschung ausgezeichnet. Jetzt kommt die Bewegung auch nach Deutschland. „2014 kann das Jahr der Bürgerforscher werden“, sagt Markus Lemmens, der die Plattform „Citizen Science Germany“ aufbaut. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Die Plattform soll Wissenschaftler mit interessierten Bürgern zusammenbringen. „Citizen Science ist eine Chance für die Zukunft“, sagt Lemmens. „Die Bürger haben neue, originelle Themen-Ideen. Sie stellen Fragen, auf die Profis nie gekommen wären.“

Auch die ersten deutschen Projekte sind erfolgreich gestartet. In Metropolen wie Berlin messen Freiwillige mit einer Smartphone-App die Lichtverschmutzung. Sie halten ihr Handy in den Himmel und prüfen, wie viele Sterne sie mit bloßem Auge erkennen können. Je weniger Sterne sichtbar sind, desto schlimmer ist der Lichtsmog. Gerade in Großstädten ist es nachts zu hell. Pflanzen und Tiere kommen aus dem Gleichgewicht. Die App mit dem poetischen Namen „Verlust der Nacht“ wurde bislang 12.000 Mal heruntergeladen. Momentan ist sie nur für Android-Geräte erhältlich.

Bürgerforscher wollen etwas bewegen

Bezahlt werden die Nutzer für ihre Arbeit nicht. „Grundsätzlich treibt sie das Gleiche an, was auch Profis vor allem motiviert: Wissbegier, Neugier“, sagt Peter Finke, Wissenschaftstheoretiker und Autor des Buches „Citizen Science“, das im März erscheint. „Aber es können auch andere Motive dazu kommen: Entdeckerlust und das Motiv, etwas erhalten zu wollen oder dazu beizutragen, aber vielleicht auch die Lust am Sammeln oder am Spielen.“

Nicht immer läuft alles nach Plan. Wenn Laien wissenschaftlich arbeiten, können Fehler passieren. Sie übertragen Daten vielleicht falsch, halten sich nicht immer an Standards. Für Peter Finke kein Hindernis. „Vielfach sind auch professionelle Projekte nicht so zuverlässig, wie ihr wissenschaftlicher Anstrich es suggeriert“, sagt er. Und schließlich sei die Datenqualität nur ein mögliches Kriterium für gute Wissenschaft. Wichtiger sei, ob die Funde die Forscher überhaupt weiterbringen. Und ob man sie für einen sinnvollen Zweck einsetzen kann. Finke sagt: „Hier läuft manche noch so zuverlässige professionelle Forschung ins Leere, weil sie einfach Dinge betrifft, die kaum jemanden interessieren.“