POLITIK
10/02/2014 09:19 CET | Aktualisiert 10/02/2014 10:12 CET

Votum gegen Masseneinwanderung: Minderheits-Schweizer, kommt zu uns!

dpa

Wer die Schweizer bisher für langsam und ein wenig bieder gehalten hat, dürfte spätestens Sonntag ins Staunen geraten sein. Gegen Abend war klar, dass sich die Eidgenossen mit knapper Mehrheit für den Wahnsinn entschieden haben. Insgesamt 50,3 Prozent haben bei einem Volksentscheid die SVP-Initiative „Gegen Masseneinwanderung“ angenommen. Künftig soll der Zuzug in die Schweiz quotiert werden. Damit lehnen die Schweizer einen der vier Eckpfeiler des europäischen Binnenmarktes ab: die Freizügigkeit bei der Wohnortwahl.

Man könnte auch sagen: Der Mehrheitsschweizer hat sich in Zeiten des wirtschaftlichen Glücksgefühls dazu entschieden, ohne Netz und Seil von einer Brücke zu springen. Ganz ohne ersichtlichen Leidensdruck. Einfach nur, weil er es kann.

Seitdem die Schweiz im Jahr 2002 einen privilegierten Zugang zum europäischen Binnenmarkt bekommen hat, ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um fast ein Viertel gestiegen. Die Arbeitslosigkeit ist mit 3,5 Prozent so lächerlich niedrig, dass die Schweizer hinter vorgehaltener Hand über die „Probleme“ im deutschen Streberstaat Bayern lästern könnten.

Die Schweizer Wirtschaft profitiert von den Einwanderern und von den weggefallenen Wirtschaftsschranken. Das steht nun zur Disposition. Die Vize-Präsidentin der EU-Kommission, Viviane Reding, sagte bereits, dass es aus ihrer Sicht keinen Binnenmarkt ohne Freizügigkeit gebe.

Wir laden die Minderheitsschweizer ein

Volkes Wille ist zu respektieren. Alles andere steht einem Demokraten schlecht zu Gesicht. Aber jede Entscheidung produziert Konsequenzen. Vielleicht haben die Mehrheitsschweizer das alles bereits im Auge gehabt. Die 49,7 Prozent Minderheitsschweizer dagegen wollten gegen den Wahnsinn optieren. Sie wollten kein Land, das von einer Schweizerischen Tea Party namens SVP am Nasenring durch die Arena geführt wird. Das zeugt von Realitätssinn und Intelligenz.

Wir laden die Minderheitsschweizer deshalb ein: Kommt nach Deutschland! Bei uns ist selbstverständlich nicht alles besser: Die Deutsche Bahn kommt immer zu spät, Jogis Jungs wären schon mit einer Teilnehmerurkunde bei der Fußball-WM zufrieden und in Berlin dilettiert ein regierender Totalausfall seit mehr als einem Jahrzehnt durch die Landespolitik.

Aber wenigstens hat eine breite Mehrheit der Bevölkerung erkannt, dass die Bundesrepublik auf Zuwanderung angewiesen ist. Laut einer Umfrage heißen 68 Prozent „qualifizierte Einwanderung“ willkommen. Selbst die CSU dürfte diesmal nichts dagegen haben. Jedenfalls zieht das Argument mit der „Armutseinwanderung“ irgendwie nicht.

Die Minderheitsschweizer könnten dabei helfen, aus den ostdeutschen Bundesländern endlich jene blühenden Landschaften zu machen, die Helmut Kohl einst versprochen hat. Und man traut ihnen das auch ohne Weiteres zu. Wir würden uns natürlich auch revanchieren. Bisweilen, so hört man, soll es ja bei konstant steigender Bevölkerung im Mittelland zwischen Jura und Alpen etwas eng zugehen. In Mecklenburg, Thüringen oder Brandenburg wohnt der nächste Nachbar mitunter zehn Kilometer entfernt: Hier ist die Freiheit zu Hause. Es gibt wunderschöne Landschaften. Und bisweilen sogar Wintersport.

Bekannte Gesichter in Köln

In Baden-Württemberg mit seinen fleißigen Einwohnern und den vielen mittelständischen Präzisionsbetrieben würden sich die Minderheitsschweizer fast heimisch fühlen. Nicht umsonst wollte die SVP einst den Südwesten der Bundesrepublik in eine künftige „Großschweiz“ integrieren. In Frankfurt mit seinen Banktürmen und den netten kleinen Schankbetrieben im Stadtteil Sachsenhausen werden sich vor allem die Zürich-Liebhaber gut zurechtfinden. Und im lebensfrohen Köln trifft man ja ohnehin jeden Tag bekannte Gesichter. Alice Schwarzer zum Beispiel.

Am wichtigsten aber: Wir Deutschen können von den Minderheitsschweizern lernen. Wie man in einem vergifteten Diskussionsthema Flagge zeigt und sich nicht von Ressentiments bei der Wahlentscheidung beeinflussen lässt. Eine bewundernswerte Eigenschaft, die bald schon auch in Deutschland abgeprüft wird: AfD-Chef Bernd Lucke möchte für Deutschland ebenfalls eine Einwanderer-Quote haben.

Ende Mai wird ein neues Europaparlament gewählt, und die Anti-Europa-Populisten haben Chancen, die Drei-Prozent-Hürde zu überspringen. Die deutsche Tea-Party setzt zum Sprung an. Und wir haben es immer noch in der Hand, uns gegen den Wahnsinn zu entscheiden.