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31/01/2014 04:06 CET | Aktualisiert 31/01/2014 04:26 CET

Amoklauf an Schulen – Warum der Film „Staudamm" so wichtig für Deutschland ist

Roman und Laura stehen am Staudamm.
milkfilm 2012
Roman und Laura stehen am Staudamm.

Roman läuft durch die leere dunkle Schule. Er betritt ein Klassenzimmer und feuert. Sein Gewehr ist nicht echt. Er hat gar nichts in der Hand. Er versucht nur, es zu fühlen. Jede Kugel, die er abfeuert, ist ein raues Hauchen in seiner Kehle. Er kann den Rückschlag des Gewehrs spüren. Er kann fast sehen, wie Menschen getroffen werden und zu Boden gehen. Hier an diesem Ort, in diesem Raum hat ein 18-Jähriger seine Mitschüler erschossen. Er stand genau da, wo Roman jetzt steht. Doch seine Waffe war echt, seine Kugeln tödlich.

mücke

Roman, die Hauptfigur im Film "Staudamm" (ab 30. Januar im Kino) wird gespielt von Friedrich Mücke. Roman ist ein lethargischer junger Mann, der sich für nichts zu interessieren scheint. Er jobbt für einen Anwalt (Dominic Raacke), für den er regelmäßig Akten einspricht, damit er sie sich im Auto anhören kann. So liest er auch Dokumente über einen Amoklauf an einem Gymnasium in der Provinz ein. Durch eine Verkettung von Umständen ist Roman auf einmal mitten im Geschehen. Er trifft Laura (Liv Lisa Fries) , die alles miterlebt hat. Plötzlich steht er am Tatort, in einem der Klassenzimmer, in dem Menschen gestorben sind.

HuffPost: Herr Mücke, wie hat es sich angefühlt, diese Szene zu spielen?

Friedrich Mücke: Sie war nicht schwer zu spielen. Beim Erleben war sie intensiv. Intensiver als alles, was ich bisher in meiner Schauspiellaufbahn erlebt habe. Es kommt leider viel zu selten vor, dass eine Szene einen so richtig berührt.

HuffPost: Obwohl die Schule in der Szene leer ist, kann man fast die Schreie hören, beinahe die Panik spüren. Ging es Ihnen beim Spielen auch so?

Mücke: Ja, natürlich. Das soll auch passieren. So nah kommen wir dem Geschehen, auch ohne eine Waffe und großes Blutvergießen zu zeigen. Das ist grundsätzlich ein starkes Stilmittel für einen Film.

HuffPost: Warum ist es wichtig, einen Film über einen Schulamoklauf zu machen?

Mücke: Ich stand dem Thema jahrelang sehr distanziert gegenüber. So geht es wahrscheinlich vielen Menschen. Wir haben den Film nicht unbedingt für die Opfer gemacht. Er soll die Menschen vor allem dazu animieren, sich über das Thema auszutauschen. Man darf davor nicht die Augen verschließen.

HuffPost: Der Film soll auch an Schulen gezeigt werden. Was kann man aus ihm lernen?

Mücke: Es ist vor allem wichtig, dass das Thema entsprechend begleitet wird. Es gibt bestimmt Altersgruppen, für die der Film noch nichts ist. Er ist auch für Erwachsene nicht leicht anzuschauen. Ich würde mir wünschen, dass das Thema an den Schulen mit entsprechendem Material begleitet wird, sodass man dem Kern der Sache nahe kommt und der Frage nachgeht, warum so etwas passiert. Es ist wichtig, dass man die Gesellschaft zur Diskussion und zum Austausch anregt. Nur so kann man Lösungen finden, die der Gewalt entgegenwirken.

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Fünf Amokläufe in zwölf Jahren

In den vergangenen zwölf Jahren gab es in Deutschland fünf Schulamokläufe. Robert Steinhäuser tötete am 26. April 2002 17 Menschen als in einem Gymnasium um sich schoss. Am 2. Juli 2003 verletzte Florian K. eine Lehrerin und beging Selbstmord. Am 20. November 2006 lief Bastian B. Amok. Er verletzte mehrere Menschen und tötete sich selbst. Am 11. März 2009 tötete Tim Kretschmer bei seinem Amoklauf an einer Realschule 15 Menschen und sich selbst. Am 17. September 2009 lief ein 18-Jähriger Amok und verletzte zwei Schülerinnen schwer. Der Täter überlebte und wurde des versuchten Mordes in 47 Fällen schuldig gesprochen.

„Ich saß am Schreibtisch, als Robert Steinhäuser 2003 in Erfurt 15 Mitschüler erschoss“, sagt „Staudamm”-Regisseur Thomas Sieben. „Der Fernseher lief und ich weiß noch, dass draußen die Sonne schien und sich alles surreal anfühlte. Bestimmte Dinge lassen einen nicht mehr los.“

„Genial und sehr beeindruckend“

Das zeigt der Film. Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Klaus Wenzel, beschreibt „Staudamm“ als „genial und sehr beeindruckend“. Er sehe in dem Film das Potenzial einen wichtigen Beitrag zu leisten. Mit ihrer Herangehensweise gelingt es Regisseur Sieben und Autor (und Produzent) Christian Lyra, dass der Zuschauer in “Staudamm” dem Thema Amoklauf an einer Schule viel näher kommt als in anderen Filmen.

Von einem Amoklauf erzählen, ohne ihn zu zeigen

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Der übliche mediale Aspekt spielt in „Staudamm“ keine Rolle. Medienreaktionen, wie sie solche Ereignisse immer begleiten, zeigt der Film nicht. Das Publikum nähert sich dem Thema stattdessen durch den Protagonisten Roman. „Roman hat sich in seine Wohnung zurückgezogen und interessiert sich eigentlich für gar nichts, eine richtige Slacker-Figur“, sagt Autor Lyra. „Und dann stößt er plötzlich auf diesen Amoklauf und beginnt Fragen zu stellen – natürlich auch stellvertretend für die Zuschauer.”

„Was mich besonders fasziniert hat, ist die Idee von einem Amoklauf zu erzählen, ohne ihn zu zeigen,“ sagt Liv Lisa Fries. „Die Tat wird im Nachhinein rekonstruiert, durch die Akten, die Friedrich als Roman einliest, durch die Tagebücher des fiktiven Attentäters. Und gerade dadurch ist der Horror die ganze Zeit präsent.“ Ein Horror, der das Publikum unweigerlich in seinen Bann nimmt. Der Zuschauer leidet mit Laura mit und stellt durch Roman Fragen.

Staudamm“ ist ein wichtiger Film

kuss

Eineinhalb Jahre recherchierten er und Regisseur Thomas Sieben. Erst dann habe es die erste Drehbuchfassung gegeben, die dem Thema gerecht geworden sei, sagt Sieben. „Und erst bei der Recherche ist auch uns das Ausmaß und die Verantwortung, die das Thema mit sich bringt, bewusst geworden.“

Bei der Premiere in München bezeichnete Thomas Sieben seinen Film als „klein“ und „schwierig“. Das mag er sein, aber dennoch ist „Staudamm“ ein wichtiger Film, der mit großartigen Schauspielern einfühlsam zeigt, was ein Amoklauf hinterlässt. Das, was bleibt, wenn scheinbar wieder Normalität eingekehrt ist.

Ab 30. Januar 2014 bundesweit im Kino.