POLITIK
21/01/2014 05:52 CET | Aktualisiert 24/02/2015 12:48 CET

Junge Bundestagsabgeordnete nach 100 Tagen im Amt: "Ich wurde für einen Praktikanten gehalten"

Noch stehen sie ganz am Anfang ihrer Politik-Karriere. Aber sie werden es sein, die in Zukunft über unsere Zukunft entscheiden. Diejenigen, die die wichtigen Fragen unserer Zeit beantworten werden müssen. Von ihnen werden wir nun immer häufiger hören.

Vor etwa 100 Tagen hat der neue Bundestag die Arbeit aufgenommen. Besonders spannend war die Zeit seitdem für die neuen jungen Abgeordneten. Nach der Wahl hatten wir sie vorgestellt, jetzt haben wir nachgefragt: Wie sie die erste Phase erlebt haben. Worauf sie stolz sind. Und was sie noch vorhaben. Lesen Sie hier Teil 1.

Marian Wendt (28, CDU)

marian wendt

"Ich bin sehr freundlich aufgenommen worden. Ältere Kollegen kamen auf mich zu und haben gesagt: Mensch, endlich auch ein paar jüngere Leute. Erst mal ging es darum, sich einzuleben und die richtigen Ausschüsse zu finden, ich sitze jetzt im Innenausschuss. Mein Vater ist bei der Polizei, ich war deshalb immer schon polizeiaffin. Und die innere Sicherheit ist für mich die wichtigste Aufgabe des Staates. Gerade habe ich meine erste Rede gehalten. Es ging um Migrationspolitik. Wahrscheinlich bekomme ich auch einen Sitz im noch zu gründenden Internet-Ausschuss.

Herausragend war für mich die konstituierende Sitzung, die Wahl der Kanzlerin, das war bedeutend. Und dann gab es viele kleine schöne Erlebnisse: Menschen aus dem Wahlkreis, die sagen: Schön, dass Sie uns jetzt vertreten. Der Pfarrer, der sagt: Sie sind jetzt unser direkter Draht.

Stolz bin ich auch darauf, dass im Koalitionsvertrag steht, dass der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau (Sachsen) in meinem Wahlkreis als Erinnerungsstätte gefördert wird, eine ehemalige Einrichtung der DDR-Heimerziehung."

Zur Webseite von Marian Wendt.

Luise Amtsberg (29, Grüne)

luise amtsberg

"Anfangs war eine Menge Organisationskram zu erledigen, Mitarbeiter suchen, der Umzug und so weiter. Es war lustig, bei den neuen Leuten von Union und SPD hatte man in der Zeit bis zur Regierungsbildung den Eindruck, dass sie erst einmal abwarten. Ich war aber angriffslustig und wollte loslegen, deshalb habe ich zum Beispiel gleich eine flüchtlingspolitische Abgeordnetenreise nach Italien gemacht.

Das ist auch mein Schwerpunkt, die Flüchtlings- und Asylpolitik, dass wir solche Tragödien wie vor Lampedusa nicht mehr erleben müssen. Ich hatte früh Kontakt mit Menschen, die selbst geflüchtet sind, deshalb ist es mir so wichtig. Gerade wird viel über das Thema geredet, aber es wurde viel zu lange geschwiegen. Das muss sich ändern, Deutschland muss da auch mehr Verantwortung übernehmen. Und die Bundespolitik hat das in der Hand. Deshalb bin ich hier. Darum geht es mir in der nächsten Zeit.

Froh bin ich allein schon über die Tatsache, es in den Bundestag geschafft zu haben. Und darüber, dass ich ein tolles Team hier und in meinem Wahlkreis Kiel habe, das auch hinter meinen Themen steht. So macht es Spaß, jeden Tag ins Büro zu kommen."

Zur Webseite von Luise Amtsberg.

Dirk Wiese (30, SPD)

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"Aus SPD-Sicht wirkte ein Großteil der ersten 100 Tage wegen der Koalitionsverhandlungen und des Mitgliederentscheids wie ein verlängerter Wahlkampf. Da hatte man Zeit, alles vorzubereiten. Im Wahlkampf hatte ich eine Aktion 'Sie kochen den Kaffee, ich bringe den Kuchen mit'. Da haben sich so viele gemeldet, dass ich das vor der Wahl gar nicht alles geschafft habe. Aber dafür konnte ich die Zeit dann nutzen. Die Leute haben uns schon gefragt, wann’s denn endlich losgeht. Aber jetzt geht’s endlich los!

Darauf, dass wir den Mitgliederentscheid so erfolgreich hinbekommen haben, bin ich ziemlich stolz. Es war aber schon ein komisches Gefühl, Angela Merkel zur Kanzlerin zu wählen. Aber für vier Jahre ist es okay, sozusagen als Lebensabschnittskanzlerin. Aber 2017 wollen wir die Wahl gewinnen.

Ich sitze nun im Rechts- und im Ernährungsausschuss. Man sagt immer, im Bundestag würden nur Juristen sitzen, aber das stimmt gar nicht. Aus der NRW-Landesgruppe der SPD bin ich einer von zweien. Und Landwirtschaft interessiert mich, weil mein Wahlkreis, das Sauerland, eine ländliche Region ist. Da kann ich viel für die Heimat tun.

Dass ich wirklich junger Abgeordneter bin, hat man gemerkt, als ich bei der Wahl des rechtspolitischen Sprechers erst keinen Stimmzettel bekommen habe, weil man dachte, ich sei Mitarbeiter oder Praktikant.

Zur Webseite von Dirk Wiese.

Emmi Zeulner (26, CSU)

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„Die vergangenen Wochen haben mir einen ersten Einblick in die parlamentarische Arbeit gegeben. Die Zeit war sehr erlebnisreich, vieles war neu für mich.

Ich möchte mich ganz konkret für den Bau einer Umgehungsstraße in meinem fränkischen Wahlkreis einsetzen: Fast 20.000 Kraftfahrzeuge fahren täglich durch Kauerndorf und Untersteinach und belasten die Menschen vor Ort sehr. Schon jahrzehntelang wurden den Bürgern Versprechungen gemacht, bisher ohne Erfolg. Ich werde alles tun, für die Bürger ein Ergebnis zu erzielen. Über die große Unterstützung und das Vertrauen, das ich dafür von den Menschen meines Wahlkreises erhalten habe, freue mich sehr."

Zur Webseite von Emmi Zeulner.

Martin Pätzold (29, CDU)

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"Die ersten 100 Tage waren eine unglaublich abwechslungsreiche Zeit mit vielen neuen Eindrücken. Schön ist, dass die Ausschusstermine nun endlich losgehen. Inhaltlich habe ich schon Punkte in die Diskussion eingeworfen, zum Beispiel die einheitliche EU-Sozialversicherungsnummer.

Ich sitze im Ausschuss für Arbeit & Soziales, weil ich länger im Sozialsenat in meiner Heimat Berlin beschäftigt war, und weil ich glaube, dass gute Wirtschaftspolitik die Grundlage für gute Sozialpolitik ist. Und ich sitze im Europaausschuss. Ich bin in Moskau geboren, meine Mutter ist gebürtige Armenierin, das Internationale trage ich deshalb auch ein bisschen in mir. Ich glaube an die Zukunft Deutschlands im vereinten Europa.

Ich möchte mehr Akzeptanz für Europa, mehr Fachkräfte in Berufen, in denen wir sie brauchen. Dass wir in Europa mit der Blue Card so erfolgreich werden, wie es die amerikanische Green Card ist.

Stolz bin ich, dass ich schon so viele Menschen aus meinem Berliner Wahlkreis Lichtenberg begrüßt und ihnen meinen Arbeitsplatz gezeigt habe, 200-250 Leute waren schon hier. Wir hatten dazu aufgerufen, aber dass es so viele werden würden, hatte ich nicht erwartet. Das ist eine tolle Möglichkeit, Distanz zu Politik abzubauen. Gerade waren zwei Schulklassen hier."

Zur Webseite von Martin Pätzold.

Teil zwei lesen Sie in der kommenden Woche.