WIRTSCHAFT
20/01/2014 09:22 CET | Aktualisiert 20/01/2014 12:07 CET

ADAC: So funktioniert der gelbe Riese

dpa

Das Jahr 2014 dürfte in die Geschichtsbücher des ADAC eingehen - im negativen Sinne. Niemals zuvor hat der einflussreiche Automobilklub solch ein PR-Desaster erlebt wie in diesen Tagen. Nachdem die "Süddeutsche Zeitung" vergangene Woche über Manipulationsvorwürfe im Zusammenhang mit der Wahl zum Lieblingsauto der Deutschen berichtet hatte, wies ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair die Vorwürfe zunächst scharf zurück.

Am Sonntag dann die Kehrtwende: ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter räumte ein, bei der im Hausblatt "Motorwelt" veröffentlichten Umfrage die Zahl der abgegebenen Stimmen gefälscht zu haben. Er übernehme dafür "die alleinige persönliche Verantwortung" und habe alle Funktionen beim ADAC niedergelegt.

Wie will der ADAC wieder Vertrauen zurückgewinnen?

Mittlerweile ist klar: Die Manipulationen beim ADAC gingen womöglich über Jahre, sind also kein Einzelfall. Wie soll der Klub, der sich unter anderem als seriöser Tester von Tunneln, Reifen und Kindersitzen gibt, jemals wieder Vertrauen bei seinen Mitgliedern zurückgewinnen? Ein Blick hinter die Kulissen eines der mächtigsten Lobby-Giganten der Welt.

Info-Box: ADAC

Mit 18,6 Millionen Mitgliedern ist der ADAC Deutschlands größter Verein. Er setzt sich aus 18 Regionalclubs zusammen und betreibt bundesweit 178 Geschäftsstellen. Etwa 8600 Mitarbeiter arbeiten für den Club. 2012 nahm er mehr als eine Milliarde Euro an Beiträgen ein. Auch die Zahl der geleisteten Pannenhilfen steigt immer weiter. 2012 verzeichnete der ADAC das zweithöchste Pannenaufkommen in seiner Geschichte. Die "Gelben Engel" leisteten 4,17 Millionen Mal Hilfe.

Der ADAC ist längst mehr als nur Pannenhelfer und Straßenkarten-Verteiler - in Berlin hat der Klub großen politischen Einfluss, mischt sich immer wieder im Sinne seiner Klientel in verkehrspolitische Debatten ein. Unlängst hat er sich beispielsweise mit dem neuen Bundesverkehrsminister einen heftigen Streit um die Einführung einer Pkw-Maut geliefert. Vor diesem Hintergrund klingt denn auch womöglich etwas Genugtuung aus Alexander Dobrindts Stimme (CSU), wenn er sich damit zitieren lässt, dass "großen Verbänden manchmal etwas mehr Bescheidenheit im Auftreten gut täte".

Fakt ist: Der ADAC hat mehr Mitglieder als alle deutschen Gewerkschaften und Bundestagsparteien zusammen. Einen beträchtlichen Teil seiner Öffentlichkeitsarbeit verwertet der Klub darauf, im politischen Berlin gehört zu werden. Erhaltung der motorisierten Mobilität, die Verhinderung von Tempolimits, Verkehrsrecht - mit fast 19 Millionen Mitgliedern im Rücken macht der ADAC seine Forderungen selbstbewusst publik.

Durch die Tochtergesellschaften kann der ADAC wirtschaften

Mit zwanzig Tochtergesellschaften ist der ADAC zudem ein gigantischer Konzern mit einem Jahresumsatz von etwa 900 Millionen Euro. Entgegen der landläufigen Meinung legt der ADAC etliche Zahlen offen und gibt jährlich Auskunft über die Beitragsverwendung. Das meiste Geld (Umsatzanteil von 49,8 Prozent) macht der Klub mit Versicherungen. Besonders der Auslandskrankenschutz ist gefragt. Auch die Autovermietung, Finanzdienste und der hauseigene Verlag mit dem Zugpferd "ADAC Motorwelt" sind rentable Sparten. Als eingetragener Verein dürfte der ADAC zwar kein wirtschaftlicher Betrieb sein - durch seine ausgegliederten Tochtergesellschaften, die die Überschüsse erwirtschaften, kann er trotzdem Rücklagen bilden.

Die monatlich erscheinende Mitgliederzeitschrift "Motorwelt" steht derzeit besonders im Fokus. Ihr bisheriger Chefredakteur war Michael Ramstetter, jener Mann, der für die Zahlen-Manipulationen verantwortlich ist. Mit einer Auflage von 13,8 Millionen (Stand: zweites Quartal 2013) ist die Zeitschrift mit Abstand die meistverbreitete Zeitschrift in Deutschland. Zum Vergleich: die zweitplatzierte "Bild am Sonntag" hat eine Auflage von 1,2 Millionen.

Bei einer Umfrage des WDR zeigte sich kürzlich noch, dass der ADAC einen großen Vertrauensvorschuss bei den Deutschen genießt. Die meisten der insgesamt 230 befragten Menschen entschieden sich für den ADAC, nachdem sie gefragt wurden, welcher Organisation sie am meisten vertrauen.

"Es gibt keine Kontrolle beim ADAC"

Ob das Resultat nach den jüngsten Eskapaden bei den Gelben Engeln heute noch dasselbe wäre - schwer zu glauben. Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer hat jedenfalls schon einmal klargemacht, dass er den ADAC mit seiner derzeitigen Organisationsstruktur für gescheitert hält. "Es gibt keine Kontrolle beim ADAC. Man schottet sich ab", sagte Dudenhöffer am Montag im Bayerischen Rundfunk und warf dem Verein Arroganz und Selbstherrlichkeit vor. "Offensichtlich ist das System ein Nährboden dafür, dass sich Dinge entwickeln, die sich in Unternehmen nicht entwickeln dürfen."

Dass der ADAC einen ernsthaften Imageschaden erlitten hat, belegen auch aktuelle Zahlen des Online-Portals "aboalarm.de". Das Unternehmen, über dessen Seite man Musterkündigungsschreiben finden und verschicken kann, teilte mit, dass sich der Abruf von ADAC-Kündigungsschreiben auf ihrer Seite seit Sonntagmittag verfünffacht habe: