POLITIK
10/01/2014 07:35 CET | Aktualisiert 10/01/2014 11:04 CET

Doping bei Olympia: Experten kritisieren IOC für lasche Kontrollen vor Sotschi

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Deutschlands renommierteste Anti-Doping-Kämpfer rechnen bei den Olympischen Spielen in Sotschi mit ausufernden, aber weitgehend unentdeckten Dopingpraktiken. „Vor allem unter den russischen Spitzensportlern wird auf höchstem Niveau gedopt", sagt der Molekularbiologe Werner Franke vom Deutschen Krebsforschungszentrum der Huffington Post.

Mit Blick auf die hohe Erwartungshaltung durch die Spiele im eigenen Land sei "das Potenzial zur illegalen Leistungssteigerung bei russischen Athleten traditionell hoch". Der Heidelberger Dopingexperte zieht einen Vergleich zu den Spielen von Moskau 1980: „Das war damals genauso – die waren voll mit Androgenen wie die Bullen.“

„Brutales Hormondoping"

Franke prangert insbesondere die Zustände im russischen Spitzensport an. „Dort gibt es immer wieder Fälle von brutalem Hormondoping, besonders bei Frauen", sagt er. „Die wenigsten werden jedoch entlarvt."

Den internationalen Kontrollbehörden stellt der Anti-Doping-Verfechter ein verheerendes Zeugnis aus. „Viele der Dopingkontrolllabore sind so schlecht, dass man rot wird“, sagt Franke. In solchen Laboren seien eben auch Leute beschäftigt, die Erfolge von Sportlern absicherten. „Alles dient dazu, positive Dopingfälle zu verhindern oder zu verschleiern“, sagt Franke. In seiner Generalkritik macht der 73-Jährige auch vor deutschen Spitzenathleten nicht halt: "Wir Deutschen gehören mit zu den schlimmsten Dopern.“

„Wer sich erwischen lässt, hat einen an der Klatsche"

Wegen der intensiven ärztlichen Betreuung der Athleten geht Franke jedoch nicht davon aus, dass bei Wettkampftests in Sotschi viele Sportler des Dopings überführt werden. „Wer sich bei den Spielen erwischen lässt, hat einen an der Klatsche“, sagte er. „Das Doping der Sportler wird von Teamärzten so gut überwacht, dass sie eben nicht positiv getestet werden könnten."

Der Trick kann zum Beispiel sein, dass die Athleten schon während des Trainings gedopt werden. In den meisten Fällen unter ärztlicher Aufsicht. Je näher der Wettkampf rückt, desto mehr fahren Ärzte die Maßnahmen zurück - bis die Leistungsmanipulation kaum noch nachweisbar ist. Die erhöhte Leistungsfähigkeit der Sportler bleibt im Wettkampf in der Regel aber erhalten. Ein zweiter Weg ist, die Leistung mit Mitteln zu steigern, die praktisch nicht nachweisbar sind.

Dopingmissbrauch immer exzessiver

Mit einer „Überraschungskeule“ bei Olympia rechnet auch der Sportmediziner der Universität Mainz, Perikles Simon, nicht. „In Wirklichkeit interessiert es niemanden, die Athleten zu überführen", sagt er. Es werden immer wieder medienwirksam einzelne Doper überführt. Doch damit löst man das eigentliche Problem, das massenhafte Doping, nicht. „Damit erweist man dem Spitzensport einen Bärendienst", sagt Sportmediziner Simon. „Alle anderen Athleten sind durch die positiven Einzeltests gewarnt und greifen zu immer gefährlicheren und experimentelleren Methoden, eventuell sogar Gendoping“, sagt Simon der Huffington Post.

Bei den Spielen in Sotschi erwartet er eine große Kluft zwischen dopenden Athleten und denjenigen, die tatsächlich erwischt werden. „Bei vielen Substanzen ist das Nachweisfenster viel zu klein“, kritisiert der Sportmediziner.

„Das IOC hat kein Interesse, Sportler zu entlarven"

Fundamentale Kritik üben beide Dopingexperten, Franke und Simon, am Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Das IOC hatte für die Spiele in Sotschi 2500 Wettkampf- und 1300 Vorabkontrollen von Olympia-Teilnehmern angekündigt – so viele wie nie zuvor. Franke nannte die Anstrengungen einen Witz. In Richtung des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach sagt er: „Der hat noch nie effektiv etwas gegen Doping unternommen, da bin ich jahrelanger Zeitzeuge.“

Sportmediziner Simon hält dem IOC vor, zu stark in den Kampf gegen Doping involviert zu sein. „Das IOC kann gar kein Interesse daran haben, dass bei Olympischen Spielen 200 Sportler überführt werden. Das wäre ja Selbstmord“, sagte er mit Blick auf die finanziellen Interessen des Komitees.

„Das Problem wird immer bleiben"

Ein entscheidender Fortschritt im Anti-Doping-Kampf kann laut Simon nur dann erzielt werden, „wenn die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) unabhängig von den Verbänden testen kann. Die Verbände müssten der Wada hierfür noch weitreichendere Befugnisse zugestehen. Eine andere Chance sehe ich nicht“, sagte Simon.

Doch was, wenn die Athleten unbelehrbar bleiben? Kann Doping überhaupt aus der Sportwelt vertrieben werden? Wilhelm Schänzer von der Deutschen Sporthochschule in Köln meint: nein. „Doping wird nie ganz verschwinden. Das Problem wird immer bleiben. Das einzige, was wir tun können, ist, die Athleten mit gezielten und qualitativ hohen Kontrollen außerhalb der Wettkämpfe zu verunsichern“, sagte der Anti-Doping-Kämpfer der HuffPost.

Trainingskontrollen in osteuropäischen Ländern wie Russland können Schänzers Ansicht nach allerdings nicht mit internationalen Standards mithalten. „Es gibt Anzeichen, dass die Kontrollen außerhalb der Wettkämpfe in Osteuropa nicht gut sind“, sagt Schänzer.