WIRTSCHAFT
05/01/2014 09:52 CET | Aktualisiert 05/01/2014 15:01 CET

Viele Selbstständige liegen mit ihrem Einkommen unter Mindestlohn-Niveau

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Viele Selbstständige verdienen weniger als Mindestlohn

Die Kritik am Mindestlohn reißt nicht ab – und das wahrscheinlich zu Recht. Auf der einen Seite führe er laut Ökonomen zu einer steigenden Arbeitslosigkeit. Auf der anderen Seite klammert die Debatte einen wichtigen Teil der Wirtschaft aus: Die Selbstständigen.

Diese Gruppe aber, das zeigt eine neue Studie, verdient oft weit weniger: Mehr als eine Million Selbstständige in Deutschland erwirtschaften einen Stundenlohn unterhalb des geplanten Mindestlohns von 8,50 Euro. Das ergab eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), aus der die "Welt am Sonntag" zitiert.

Laut der Studie sind unter den geringverdienenden Unternehmern auch 330.000 Selbstständige, die festangestellte Mitarbeiter beschäftigen. Das führt zu der merkwürdigen Situation, dass die Angestellten künftig weniger Geld verdienen werden, als ihre Angestellten.

"Insgesamt hat ein Viertel aller Selbstständigen einen Verdienst von weniger als 8,50 brutto die Stunde", sagte DIW-Experte Karl Brenke.

Bei den Berechnungen sind die Wissenschaftler allerdings darauf angewiesen, dass die Selbstständigen korrekte Angaben zu ihrer Wochenarbeitszeit machen. Zudem darf man bei solchen Zahlen nicht vergessen, dass Selbstständige durchaus auch Vorteile genießen: Sie können etwa betrieblich genutzte Immobilien und Autos zusätzlich privat nutzen und so Ausgaben sparen.

Viele Geringverdiener unter Selbstständigen

Doch auch Berechnungen des Statistischen Bundesamts für die "Welt" belegten die generelle Tendenz: "Insgesamt zeigen sich für Selbstständige - insbesondere in Kleinunternehmen - häufiger geringe Stundenlöhne als für abhängig Beschäftigte", schreiben die Statistiker dem Bericht zufolge. In Deutschland gibt es 4,4 Millionen Selbstständige.

Das Problem haben nun auch die Gewerkschaften erkannt. Hier wachse "seit Jahren ein neues Prekariat heran", sagte Gunter Haake, Geschäftsführer der Ver.di-Selbständigenberatung Mediafon Spiegel Online. Ein großer Teil der Solo-Selbständigen sei zudem "nur auf dem Papier selbständig und in Wahrheit scheinselbständig".

Gewerkschaften fordern Honoraruntergrenzen für Freiberufler

Die Sorge der Gewerkschaften ist, dass Arbeitgeber vor Inkrafttreten des Mindestlohns fest angestellte Kollegen zwingen könnten, sich selbstständig zu machen. Damit könnten die Unternehmen gesetzliche Lohnuntergrenzen umgehen. Denn für Selbstständige gibt es keine entsprechenden Regelungen.

Doch das soll sich ändern. Immer lauter hört man die Forderung nach Honoraruntergrenzen auch für Freiberufler. Zu den Befürwortern gehören unter anderem Verdi-Funktionäre. Aber nicht etwa, um die Freiberufler zu schützen: Ihnen geht es vor allem um den Schutz der Angestellten. Zumal viele Tätigkeiten wegfallen könnten, wenn es feste Honoraruntergrenzen gibt. Ähnlich wie beim Mindestlohn.

Mindestlohn schadet den Schwächsten

Kritik am Mindestlohn kommt indes auch von anderen Seiten: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) etwa sieht in dem vereinbarten Mindestlohn eine Gefahr für diejenigen, die davon eigentlich profitieren sollen. "Für junge Leute aus bildungsfernen Schichten setzt er falsche Anreize", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer der "Rheinischen Post".

Wenn die Betroffenen vor der Wahl stünden, für 700 Euro in eine Ausbildung mit Perspektive zu gehen oder für 1400 Euro in einen kurzfristig besser bezahlten Mindestlohn-Job, würden sich vermutlich viele gegen die duale Ausbildung entscheiden.

Schon heute hätten 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 25 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss. "Wenn die Konjunktur runtergeht, werden diejenigen als erstes ohne Job dastehen, die keine Ausbildung haben, und sie werden so schnell auch keinen neuen finden", sagte Schweitzer. Der Mindestlohn werde "diesen Teufelskreis verschärfen".