POLITIK
06/12/2013 01:44 CET | Aktualisiert 05/02/2014 06:12 CET

Nelson Mandela: Der Kämpfer, der mit Umarmungen siegte

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Natürlich klingt es pathetisch. Aber: Er war ein Held. So sicher, wie man das bei kaum einen anderen Politiker der Gegenwart sagen konnte. Wer sich ihm persönlich näherte, schwärmte von seiner Aura. Wer sich mit ihm politisch beschäftigte, schätzte seine Fähigkeit zu führen. Und Historiker werden einst sagen, dass mit Nelson Mandela nicht nur der Vater einer Nation gestorben ist, sondern auch eine historische Figur, die in ihrer Bedeutung vielleicht noch vergleichbar ist mit Mahatma Gandhi oder dem Dalai Lama.

Der Mann, der andere mit einer Umarmung besiegte

„Auch mit einer Umarmung kann man einen politischen Gegner bewegungsunfähig machen“, hat Mandela einst gesagt, und so stand es in Kulibuchstaben auf den Notizblöcken von Tausenden angehender NGO-Praktikantinnen zwischen Flensburg und Garmisch.

Ein Mann, für den ein Attribut nicht reicht

Doch man würde Nelson Mandela keinen Gefallen tun, wenn man ihn nur auf seine klugen Worte und den auf ihn projizierten Idealismus reduziert. Er war ebenso ein geschickter Stratege, ein Versöhner, ein Freiheitskämpfer, ein Landesvater, ein Nächstenliebender, kurz: Jemand, der für ziemlich viele Menschen als Vorbild taugte.

Obwohl er sich bereits vor knapp zehn Jahren endgültig aus dem politischen Tagesgeschäft zurückzog, gibt es immer noch viele junge Menschen, die ihn verehren. Von denen, die Donnerstagnacht bei Facebook und Twitter ihre Anteilnahme ausdrückten, war manch einer im Jahr 1990 noch nicht geboren. Doch das ist schon Teil des Phänomens Mandela: Seine Geschichte wurde schon zu Lebzeiten von Generation zu Generation weitererzählt.

Er hieß nicht immer Nelson

Geboren wurde Rolihlahla Mandela am 18. Juli 1918 als Mitglied des Königshauses Thembu in der damaligen Provinz Transkei. Den englischen Namen „Nelson“ bekam er erst mit seiner Einschulung. Mandela studierte, wurde Anwalt und politischer Aktivist. Sein frühes Vorbild war Gandhi, er verfolgte lange Zeit eine Strategie des gewaltfreien Widerstandes. Schon im Jahr 1952 geriet er mit der rassistischen Staatsführung aneinander: Ein halbes Jahr lang durfte er Johannesburg nicht verlassen. Wiederholt wurde er in den kommenden Jahren verhaftet und blieb doch dabei, das Regime mit friedlichen Mitteln in die Knie zwingen zu wollen.

Für den Frieden - zur Not mit Gewalt

Das änderte sich erst 1960 mit dem Massaker von Sharpeville. Polizisten schossen damals eine weitgehend friedliche Demonstration gegen das Apartheid-Regime mit Maschinenpistolen nieder, 69 Menschen starben. Mandela stimmte nun dem bewaffneten Kampf zu.

Im August 1962 wurde er inhaftiert. Erst verurteilte man ihn wegen „illegaler Auslandsreisen“ zu drei Jahren Haft, später stellte man ihn wegen Spionage und Sabotage vor Gericht – die Staatsanwaltschaft forderte die Todesstrafe, Mandela bekam lebenslang. Auf einer kleinen Gefängnisinsel bei Kapstadt verbrachte er von nun an den größten Teil der folgenden 27 Jahre in Gefangenschaft. Erst, als das Regime Anfang 1990 zu bröckeln begann, entließ ihn der damalige südafrikanische Präsident Willem de Klerk.

Ein Leben, das vor allem Kampf war

Mandela war 71 Jahre alt, und sein politisches Leben war bis zu diesem Zeitpunkt meist nur Kampf gewesen. Was sich aber dann in den folgenden Monaten und Jahren ereignete, macht die historische Bedeutung von Nelson Mandela aus.

Der Mann, der noch in den 80er-Jahren eine Freilassung aus dem Gefängnis abgelehnt hatte, weil er nicht dem bewaffneten Kampf abschwören wollte, handelte mit seinen einstigen Feinden als Präsident des ANC einen Fahrplan für die ersten freien, gleichen und geheimen Wahlen der südafrikanischen Geschichte aus.

Politische Größe

Natürlich wusste Mandela, dass er die weitaus größere Zahl an Unterstützern auf seiner Seite hatte. Vertreter der weißen 15-Prozent-Minderheit auf der anderen Seite des Tisches hatte schließlich über mehr als vier Jahrzehnte ein brutales Unterdrückungsregime aufgebaut. Und doch ließ er jede Chance aus, sich zu rächen. Wahrscheinlich lieferte er damit die moderne Definition von politischer Größe.

Als er 1994 zum südafrikanischen Präsidenten gewählt wurde, war sein größtes Ziel, die Nation zu einen. Statt über die Vergangenheit richten zu lassen, sorgte er dafür, dass eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ eingesetzt wurde, die zum dauerhaften friedlichen Miteinander von Völkern und Rassen beitragen sollte. Sie wurde Vorbild für viele vergleichbare Kommissionen auf der ganzen Welt.

Dass Menschen miteinander redeten statt gegenseitig mit dem Finger aufeinander zu zeigen, weil am Ende alle im gleichen Land glücklich werden müssen: Das ist eine von Mandelas schönsten Visionen.

Glaubwürdig wie kein Zweiter

Und eigentlich braucht man nur an einem beliebigen Abend im Dezember eine der noch viel beliebigeren Polittalkshows im deutschen Fernsehen einzuschalten, um zu begreifen, was den Reiz von Mandelas politischem Konzept ausmacht. Nie bestand irgendein Zweifel daran, dass es ihm um die Sache geht. Und das machte seine Rolle als kleinster gemeinsamer Nenner der Weltpolitik aus: Er war glaubwürdig wie kaum ein zweiter Politiker.

Seine Nachfolger führten sein politisches Erbe leider nicht fort. Südafrika ist heute ein Land, das manchmal verstörend wirkt. Das gilt nicht nur für die Vielzahl von Gewaltverbrechen, sondern auch für die grassierende Korruption. Die sozialen Gegensätze sind so riesig wie kaum sonst irgendwo auf der Welt. Mit Nelson Mandela ist am Donnerstag im Alter von 95 Jahren der große Versöhner Südafrikas gestorben. Wenn etwas von ihm bleibt, dann eine Idee: Wie dieses Land einst sein könnte.