ENTERTAINMENT
09/10/2013 07:29 CEST | Aktualisiert 10/10/2013 15:21 CEST

Lothar Matthäus über große Erfolge und große Niederlagen: „Ich habe sicher keine vier Scheidungen geplant"

Lothar Matthäus und sein Image: „Ich bin nicht der, für den man mich hält“
Getty
Lothar Matthäus und sein Image: „Ich bin nicht der, für den man mich hält“

Lothar Matthäus, 52, war einer der besten und erfolgreichsten Fußballer der Welt. Nun soll er tot sein?

Ein nicht zustellbarer Brief ist Auslöser für den ungeheuerlichen Verdacht, berichtet die „Bild“-Zeitung. Das Amtsgericht München versucht offenbar seit Wochen vergeblich, Matthäus Unterhaltsforderungen seiner Ex-Frau Liliana auf dem Postweg zu überbringen, es soll dabei um rund 35.000 Euro gehen. Weil dieser Brief aber nie abgeliefert werden konnte, kam er laut „Bild“ zurück, Post-Vermerk: „Verstorben“.

Die Huffington Post hat mit dem vermeintlich Toten gesprochen, bevor die Todesmeldung aufkam. Über das Leben nach der Profi-Karriere im Allgemeinen – und über das von Matthäus im Speziellen.

Huffington Post: Was haben Sie gedacht, als Sie am ersten Tag nach Ihrem Karriereende aus dem Bett gestiegen sind?

Lothar Matthäus: Eine lange Zeit mit sehr viel Druck ging vorbei, mit sehr viel Stress, am Ende auch mit sehr viel Eintönigkeit. Rein in den Flieger, raus aus dem Flieger. Bus rein, Bus raus. Es war eine Befreiung, dass ich mich auf neue Aufgaben konzentrieren konnte.

HuffPost: War sofort klar, was das für Aufgaben sein werden?

Matthäus: Ich habe mir gesagt, dass ich dem Fußball verbunden bleiben werde, wegen meiner Erfahrungen, wegen meiner Kontakte. Ich war ganz sicher nicht jemand, der gesagt hat, ich mache jetzt eine Versicherungsfiliale auf oder ein Restaurant.

HuffPost: Denkt man als Fußballprofi überhaupt an den nächsten Tag, wenn man sich gerade einen Ferrari gekauft hat?

Matthäus: Bei uns gab´s damals weniger Ferraris, weil man sich das noch nicht leisten konnte. Aber es stimmt schon, ich habe mir kaum Gedanken über die Zukunft gemacht, weil ich wusste, dass ich mir keine machen muss, ich bin ja noch beschäftigt. Natürlich denkt man gelegentlich: Was passiert, wenn ich mich morgen verletze? Das sind Momente, in denen man sich ertappt, in denen man an etwas denkt, was noch gar nicht eintrifft. Aber warum hätte ich 1990, als ich Weltmeister geworden bin, ans Karriereende denken sollen? Intensiv denkt man erst nach, wenn es vorbei ist.

HuffPost: Im Schnitt ist man Fußballprofi für 12,5 Jahre. Wie ist das mit dem Geld, der Lebensvorsorge? Spart man für später?

Matthäus: Man kann sein gesamtes Geld nicht aufheben, man muss ja auch von irgendetwas leben. Nach der Karriere hat man ja auch noch die Möglichkeit, Geld zu verdienen, das muss man auch. Ich glaube nicht, dass Fußballer nach der Karriere sagen: So, jetzt mache ich nichts mehr.

HuffPost: Nicht wenige ehemalige Profis landen in der Altersarmut.

Matthäus: Das geht ja nicht nur Fußballprofis so, auch andere landen dort. Es ist ja auch nicht so, dass jeder bei Bayern München gespielt hat oder bei Borussia Dortmund. Ich glaube nicht, dass ein Spieler zum Beispiel vom VfL Bochum nach seiner Karriere ausgesorgt hat.

HuffPost: Hatten Sie Angst, arm zu werden?

Matthäus: Nein, Angst nicht. Es gibt viele Dinge, auf die man keinen Einfluss hat. Ich hatte nie Sorge, dass es mir schlecht geht.

HuffPost: Fußballprofis geben oft der Karriere wegen ihre Schulausbildung auf. Sie haben eine abgeschlossene Ausbildung zum Raumausstatter. Kam jemals für Sie infrage, den Beruf wieder aufzunehmen?

Matthäus: Es kam erst einmal nie infrage, die Ausbildung abzubrechen. Ich hätte ja auch früher als Fußballprofi anfangen können, damals in Gladbach. Natürlich bin ich nach wie vor am Reiz dieses Berufes interessiert. Deshalb habe ich auch bei vielen Wohnungen, in denen ich gewohnt habe, Hand angelegt. Aber nach so knapp 30 Jahren kann man so eine Ausbildung wie Fußballschuhe an den Nagel hängen, es hat sich ja so viel verändert..

HuffPost: Über einen ihrer Ex-Klubs, den FC Bayern, sagt man, er sei wie eine Familie, die ihren Leuten hilft, auch nach der Karriere. Würden Sie als ehemaliger Spieler Hilfe erwarten?

Matthäus: Um mich muss sich niemand kümmern. Bayern München und ich hatten ein Arbeitsverhältnis, ein über zwölf Jahre sehr erfolgreiches Arbeitsverhältnis, für beide Seiten. Danach sind wir getrennte Wege gegangen. Obwohl ich, egal wo ich unterwegs bin, für die Fans immer noch ein großer Bestandteil des FC Bayern bin.

HuffPost: Denkt man als Ex-Profi noch oft zurück an das, was man erreicht hat?

Matthäus: Ich lege nicht jeden Abend eine DVD mit alten Spielen ein, aber natürlich weiß ich, was ich erreicht habe, man spricht mich oft darauf an.

HuffPost: Profitiert man davon?

Matthäus: Ganz sicher hat man Vorteile, aber wo Sonne ist, ist auch Schatten. Natürlich wird man mal auf eine Nachspeise eingeladen, aber dann muss man auch schon wieder drei Fotos machen. Man hat halt weniger Privatleben. Ein Geben und Nehmen. Aber man kann´s nicht ändern. Was passiert ist, ist passiert.

HuffPost: Würden junge Leute heute noch in Autogrammkarten von Lothar Matthäus investieren?

Matthäus: Es kommen sehr viele Kinder auf mich zu und wollen Autogramme. Ich weiß nicht, ob ihre Eltern sie vorschicken, aber ich wundere mich schon darüber.

HuffPost: Die einen Fußballprofis tauchen nach der Karriere ab, die anderen bleiben in der Öffentlichkeit. Warum haben Sie sich für letzteres entschieden?

Matthäus: Ich habe mich nicht für die Öffentlichkeit entschieden, sondern für das, was ich gern mache. Was ist für mich das Beste? Wo kann ich meine Qualitäten am besten einsetzen? Wo habe ich Spaß? Der Trainerjob macht mir Spaß, da hatte ich ja auch mit Öffentlichkeit zu tun, zum Beispiel mit Journalisten. Und was den TV-Experten angeht: Da kennen wir ehemaligen Profis uns halt am besten aus. Ich suche nicht die Öffentlichkeit, es ist eher so, dass die Öffentlichkeit mich sucht. Aufgrund der Popularität, die man sich über die Jahre erspielt hat, so würde ich es sagen, engagierte mich Sky als Experte.

HuffPost: Also war alles Zufall, keine Absicht.

Matthäus: Absolut. Ich lebe seit Jahren in Budapest, um wegzukommen von dieser Öffentlichkeit. Hier habe ich meine Ruhe, keine Handykameras, keine Fans. Ich bin nicht der, für den man mich hält. Aber es ist für die meisten schwer vorstellbar, weil die Leute mich nur aus der Öffentlichkeit kennen. Wenn ich die Öffentlichkeit suchen würde, würde ich ganz anders auftreten.

HuffPost: Sind Sie zufrieden damit, wie alles ist?

Matthäus: Mein Leben ist turbulent verlaufen, aber trotz alledem bin ich ein zufriedener Mensch, ein glücklicher Mensch. Ich glaube, das sieht man mir auch an.

HuffPost: Bereuen Sie etwas?

Matthäus: Nein.

HuffPost: Nichts, dass Sie lieber anders gemacht hätten?

Matthäus: Sicher habe ich keine vier Scheidungen geplant. Sicher habe ich auch im Trainerdasein längerfristige Planungen gehabt. Aber das hängt nicht immer nur von einer Person ab. In einer Ehe hat man einen Vertrag, als Trainer hat man einen Vertrag, und da gibt´s Vertragspartner, und man ist abhängig von der anderen Seite. Die Planungen waren ganz anders, aber ich war schon im Fußball jemand, der Siege gefeiert hat, aber auch gelernt hat, mit Niederlagen umzugehen. Ich versuche, das Positive zu sehen.

HuffPost: Wovor würden Sie aktive Fußballer mit Blick auf deren Karriereende warnen?

Matthäus: Sie sollten sich einen guten Berater suchen, dem sie vertrauen. Heutzutage sind da viele dabei, die junge Spieler vorführen, die nur Geld wollen. Es geht nicht nur darum, einen Verein zu finden. Gute Berater bereiten ihre Spieler auch auf die Zeit nach der Karriere vor: Anlageberatung. Die richtigen Kontakte.

HuffPost: Wie jung fühlen Sie sich noch? Könnten Sie heute noch 90 Minuten auf dem Rasen überstehen?

Matthäus: In meinem Tempo ja.

HuffPost: Ein bisschen gemäßigter also?

Matthäus: Wie es sich für einen 52-Jährigen gehört. Und für einen solchen bewege ich mich noch ganz gut. Gehe auch vier-, fünfmal die Woche ins Fitnessstudio. Gegen Leute in meiner Altersklasse könnte ich locker spielen, auch gegen etwas jüngere, aber natürlich nicht gegen einen Özil oder einen Schweinsteiger.

HuffPost: Im Gegensatz zu manchem Ex-Kollegen haben Sie sich äußerlich jedenfalls ziemlich gut gehalten!

Matthäus: Ich bin dafür bekannt, dass ich auf gewisse Dinge achte.

HuffPost: Ein Lothar Matthäus genießt also nicht?

Matthäus: Doch, es gibt schon mal ein Dessert oder einen guten Wein. Es gibt auch mal kalorienstarkes Essen, zum Beispiel auf dem Oktoberfest. Aber das muss dann auch wieder weg.

lothar matthäus