BLOG
05/02/2017 07:40 CET | Aktualisiert 06/02/2018 06:12 CET

Internationale Rechnungslegung oder es ist nicht alles Gold, was glänzt

kupicoo via Getty Images

Eine Bilanz ist wie ein Lebenslauf. Sie erzählt die Geschichte eines Unternehmens. Darauf basierend können Anleger -ähnlich wie die Personalmanager bei der Auswahl der passenden Kandidatur für eine Vakanz- entscheiden, ob sie in das Unternehmen investieren wollen oder nicht.

Jedoch ist es kein Geheimnis, dass manch eine Person bei der Erstellung des Lebenslaufs zu Übertreibungen neigt und die Skills manchmal „ein wenig" überbewertet. Die Kontrolle über den Wahrheitsgrad des Lebenslaufs obliegt daher der HR-Abteilung.

Im Unterschied zu einem Lebenslauf bestehen für die Aufstellung der Bilanzen spezielle Regelungen, welche zwingend zu befolgen sind. Große, international tätige Konzerne bilanzieren dabei u.a. nach den International Financial Reporting Standards (IFRS). Die Ziele der IFRS sind die Vereinheitlichung der Rechnungslegung weltweit sowie die Vermittlung entscheidungsnützlicher Informationen für die Anleger, ergo der Anlegerschutz.

Soweit so gut, denn wie könnte man solch edle Ziele nicht begrüßen? Befasst man sich tiefer mit der Materie, so stellt man jedoch „überraschend" fest, dass weitestgehend das Gegenteil der angestrebten Ziele, nämlich das Gedeihen von Ermessensspielräumen und die Verzerrung der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage des Unternehmens auftritt. Dies kann anhand eines vereinfachten Beispiels im Folgenden erklärt werden:

Paul ist ein Hobby-Anleger. Erwirbt Paul bspw. eine Aktie am Markt zum Preis von 100 € und steigt der Preis für diese Aktie am nächsten Tag um weitere 100 €, so hat er nach den aktuellen Regelungen ein Wahlrecht einen Gewinn von zusätzlichen 100 €, unabhängig davon, ob er diese Aktie tatsächlich verkaufen wird oder nicht, auszuweisen.

Gerne möchte er mit seinem cleveren Geschäft vor seiner Freundin prunken und nimmt dieses Recht in Anspruch. Im Endeffekt gibt Paul damit an, über 200 € zu verfügen. Nun möchte aber Pauls Freundin mit ihm für die erzielten 100 €, die er wohl gemerkt selbst als eigenen Gewinn auswies, essen gehen. Das Dilemma ist dabei, dass Paul -angenommen die Aktie wurde nicht verkauft- in der Realität über gar kein Geld verfügt, da der Gewinn fiktiv bzw. nicht wirklich realisiert ist. Auf die Schnelle will auch niemand die Aktie von Paul kaufen.

Das Ergebnis: Paul steht mit leeren Taschen vor dem Restaurant und seine Freundin ist enttäuscht. Überträgt man dieses einfache Beispiel auf ein Unternehmen und stellt sich vor, dieses muss anhand des ausgewiesenen, fiktiven Gewinns Ausschüttungen an die Anleger tätigen, Steuern auf den fiktiven, nicht vorhandenen Gewinn zahlen bzw. kann den nicht realisierten Gewinn nutzen, um bei den Anlegern -wie Paul bei seiner Freundin- zu prahlen, so erscheint der Sachverhalt in einem ganz anderen Licht.

Die vorstehend dargestellte Bewertungsmethodik nennt sich Zeitwertbewertung und kann seitens des Unternehmens nicht nur anhand des Marktpreises, wie im obigen Beispiel, sondern auch mit Hilfe von finanzmathematischen Verfahren durchzuführt werden.

Die mathematische Berechnung sowie die Auswahl der entsprechenden Eingabegrößen liegen dabei größtenteils in der Hand des Unternehmens, sodass das Unternehmen über die Höhe des auszuweisenden Gewinns subjektiv entscheiden kann. So hätte Paul basierend auf seinen eigenen Berechnungen bei seiner Freundin mit 1000 €, statt 100 € prahlen können. Und was wäre, wenn sie sich darauf verlassen und eine Urlaubsreise buchen würde...

Das IFRS-Regelungswerk ist umfangreicher, als so manch ein Liebesroman. Ein Artikel würde daher bei weitem nicht ausreichen, um der gesamten Problematik Rechnung zu tragen. Das Ziel dieses Artikels ist daher vielmehr auf die Problematik hinzuweisen und zu zeigen, dass nicht alles was glänzt, Gold ist.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.