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In mir leben 148 Personen - und ständig kommt eine andere zum Vorschein

03/12/2017 13:38 CET | Aktualisiert 03/12/2017 14:19 CET
Heyka Glißmann

Zora Sanné spricht meistens von "wir" - damit meint sie alle 148 Personen. Bei bestimmten Erinnerungen kommt allerdings eine Person zum Vorschein. Dann spricht sie in der "ich"-Form von sich. Um diesen Text so authentisch wie möglich zu machen, hat sich die Redaktion entschieden, das auch so aufzuschreiben.

Es ist im Herbst 1994, als unser Widerstand gebrochen ist. Mit 25 Jahren sprechen wir darüber, wie es in uns aussieht. Mal spricht Tara, das Kind, mal der 17-jährige Thore, mal sprechen die Zwillinge Fritzi und Franzi.

Wir erzählen von unserem Vater, der uns jahrelang missbraucht hat, erzählen von den Jungs in dem Kinderheim, die uns vergewaltigt haben, erzählen von uns. Davon, wer wir sind und dass wir nicht immer wissen, was der andere tut.

Unser Personensystem besteht aus 148 Personen. Alle sind unterschiedlich alt, darunter sind Männer und Frauen, Mädchen und Jungs. Manche leben nur im Inneren, manche kommen auch nach außen. Manche haben bestimmte Aufgaben, wieder andere wollen sich beruflich fortbilden.

Manche machen gerne sauber, die Kinder kümmern sich gerne um Tiere. Manche Personen kommen nie nach außen. Sie sind so schwer traumatisiert, dass sie sich komplett zurückziehen.

Diese Personen wollen sich umbringen - die ganze Zeit. Es ist die Aufgabe von uns anderen, dass sie auf keinen Fall die Kontrolle über unseren Körper erlangen. Sie würden ihn sofort zerstören, wenn sie es könnten.

Der Aal zuckt und beißt immer weiter

Es gibt eine Hauptperson. Aber die war noch nicht immer da. Erst, seit wir erwachsen sind. Erst, seit wir gelernt haben, unser System zu strukturieren. Als wir angefangen haben zu reden. Zu reden über etwas, was eigentlich schon seit der Kindheit klar war: dass wir viele sind in einem Körper.

Meine Erinnerungen fangen an, als ich drei Jahre alt bin. Als mein Vater zu mir ins Bad kommt und mir etwas in den Mund steckt. Es ist rund und lang und glitschig. Wie ein Aal. Der Aal zuckt und beißt immer weiter, es fühlt sich an, als ob er durch meinen Hals in meinen Bauch will.

Es ist wieder das Bad, als mein Vater mich zum ersten Mal auf seinen Schoß setzt. Ich spüre etwas Hartes zwischen meinen Beinen - und dann einen schrecklichen Schmerz. Es ist, als ob sich ein Messer in meinen Bauch bohrt.

Ich blute. Mein Bauch tut furchtbar weh. Ein paar Tage später komme ich ins Krankenhaus. Bauchdeckenbruch, sagen die Ärzte. Es folgt eine Not-OP.

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Auch an die Stimmen in mir erinnere ich mich seit dem dritten Lebensjahr. Wahrscheinlich hätte man damals einfach gesagt, ich habe imaginäre Freunde. Sie haben mich getröstet, mir Tipps gegeben.

Wenn ich Szenen, die ich mit meinem Vater erlebt habe, mit Puppen nachgespielt habe, dann haben sie mich gewarnt. Sie haben mir gesagt: "Du darfst das nicht zeigen. Das darf niemand wissen."

Das war für mich normal, nicht bedrohlich. Sondern unterstützend.

Wir haben uns abgesprochen, wer sich zur Verfügung stellt

Erst als ich ungefähr zehn war, habe ich mitbekommen, dass das komisch ist. Dass andere Menschen nicht mehrere Stimmen hören. Und das war für mich schon etwas beängstigend. Vor allem, weil ich nicht mehr mit allem einverstanden war, was mir die Stimmen gesagt haben.

Wenn mein Vater nach Hause kam, haben wir immer geschaut, wie seine Laune war. Und wir haben sofort gesehen, was er vor hat. Ob er uns mit seiner Gürtelschnalle schlägt, ob er vor uns ein Kaninchen aufschlitzt, ob er uns vergewaltigt.

Mehr zum Thema: Ich wurde vergewaltigt - das hat das Trauma aus meinem Leben gemacht

Wir haben uns dann sortiert und abgesprochen, wer sich jetzt zur Verfügung stellen muss - damit es so schnell wie möglich vorbei ist. Mir hat das Angst gemacht. Diese Vorbereitung von Innen. Dieses Abfinden.

Am Anfang war es nur unser Vater, der uns missbrauchte. Dann - als wir in die Grundschule kamen - holte er auch Nachbarn und Kollegen dazu. Am Anfang nur unregelmäßig, irgendwann dann fast jede Woche.

Meine Mutter hat alles mitbekommen. Er hat auch sie vergewaltigt - ich bin das Ergebnis einer solchen Tat. Einmal, er lag in der Badewanne, hat er sie gerufen. Doch sie verweigerte sich - und schickte uns zu ihm hinauf. Als wir uns weigern wollten, hat sie uns geschlagen und gesagt: "Stell dich nicht so an".

Einmal, so erzählte sie, habe sie versucht, ihn mit einem Kissen zu ersticken, als er betrunken schlief.

Ich durfte nicht erzählen, was passiert war

Mit acht Jahren habe ich zum ersten Mal versucht, mich umzubringen. Ich war dann bei einer Beratungsstelle. Ich fand die Frau sehr nett, aber mir haben alle Stimmen gesagt, ich dürfte ihr nicht erzählen, was bei uns zu Hause passiert.

Ich erinnere mich, dass ich in dieser Zeit immer mehr für Vorkommnisse beschuldigt wurde, an die ich keine Erinnerung hatte. Aber die Zeit, mich damit auseinanderzusetzen, hatte ich nicht. Ich war zu sehr mit dem Missbrauch beschäftigt.

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Nach einem erneuten Selbstmordversuch mit 15 kamen wir erst in die Jugendpsychiatrie und schließlich in ein Heim für Kinder mit geistiger und seelischer Behinderung. Dort herrschte eine Missbrauchsstruktur - die Jungs vergewaltigten uns Mädchen.

Irgendwann wurden wir aufmüpfiger - und testeten unsere Grenzen aus. Wir haben uns dann zum Beispiel geweigert, den Pferdestall auszumisten. Und: Es ist nichts passiert. Keine Schläge, keine Misshandlungen. Aber wir wurden zu rebellisch für das Heim und kamen mit 17 in eine Einrichtung für schwer erziehbare Mädchen.

Hier waren wir zum ersten Mal in Sicherheit. Zum ersten Mal in unserem Leben konnten wir ohne Angst schlafen. Hier waren die einzigen Männer ein paar Erzieher. Aber die waren immer gut zu uns.

Wir haben uns so geschämt

Aber wir waren anders als die anderen. Wir waren überfordert mit der großen Stadt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die anderen Mädchen sind immer weggegangen, in die Disko. Sie haben getrunken und Drogen genommen. Nach und nach haben wir uns darauf eingelassen - und das auch gemacht.

Aber unser Personensystem ist damit nicht zurechtgekommen. Die Exzesse führten zu Kontrollverlusten. Und dann irgendwann hat eine Innenperson einer Erzieherin anvertraut, dass wir jahrelang missbraucht worden sind. Wir haben uns so geschämt dafür, dass das jemand weiß, dass wir noch einmal versucht haben, uns umzubringen.

Mehr zum Thema: Ich stand kurz vor dem Selbstmord - wie ich es geschafft habe, mich aus der Missbrauchshölle zu befreien

Anschließend konnten wir uns im Heim stabilisieren. Unsere Erzieher drängten uns schließlich, den Vater anzuzeigen.

1993 kam es zum Prozess - zehn Verhandlungstage sollte er dauern, und ich versuchte erneut, mich umzubringen. Während des Prozesses kümmerte ich mich eigenständig um einen Therapieplatz - ich merkte, dass das System versagte.

Mein Vater wurde verurteilt - er bekam zwei Jahre auf Bewährung. Ich ging für dreieinhalb Monate in die Psychiatrie.

Wir konnten uns endlich unserem Inneren stellen

Dort übernahmen die Kinder in uns die Oberhand. Und so saß ich, eine erwachsene Frau, plötzlich auf einer vier Meter hohen Tanne. Damals kam zum ersten Mal die Diagnose: multiple Persönlichkeit.

Ein Jahr später konnten wir uns unserem Inneren endlich stellen. Und wir sprachen über uns. Darüber wie es ist, viele zu sein.

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Jeder von uns hat eigene Interessen. Manche sind Hundetrainer, manche machen eine Ausbildung zum Antiaggressionstrainer oder zur Multiplikatorin. Wir haben eine Erzieherausbildung gemacht und Sozialpädagogik studiert. Wir haben viele Projekte in dem Bereich geleitet.

Wir hatten auch Beziehungen - zu Frauen. Doch das war sehr kompliziert: Je mehr wir jemanden mögen, desto weniger wollen wir uns zeigen.

Der Hund gibt uns Sicherheit

Nach wie vor weiß ich nicht alles, was die anderen tun. Es gibt große Lücken in meiner Erinnerung. Aber das macht mir nicht mehr so viel Angst. Ich habe Vertrauen, dass niemand einen großen Blödsinn macht.

Ich frage immer, was wir gestern alles gemacht haben. Doch das ist sehr mühsam, deshalb arbeiten wir viel mit Notizen.

Für den Körper ist das sehr anstrengend. Denn wenn wir wechseln, kommt eine Person an die Reihe, die ausgeruht ist - auch wenn die andere schon 15 Stunden wach ist. Wir müssen immer sehen, dass unser Körper damit zurecht kommt.

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Das Immunsystem läuft außerdem ständig auf Hochtouren - als müsste es sich ständig gegen irgendetwas wehren. Wir haben mittlerweile eine Sehstörung und einen Tinnitus.

Heute leben wir sehr zurückgezogen auf einem Hof mit vielen Tieren. Wir haben zwei sehr enge Freundinnen und bilden ehrenamtlich Assistenzhunde für Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung aus. Unsere Assistenzhündin begleitet uns seit zwei Jahren. Seitdem unternehmen wir mehr, wir verpassen kaum mehr Termine. Der Hund gibt uns Sicherheit.

Eine Sicherheit, die wir einen großen Teil unseres Lebens nicht hatten.

Zora Sanné hat ihre Geschichte gemeinsam mit der Journalistin Beate Kneuse in einem Buch veröffentlicht.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Katharina Schneider.

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